Deutschland ist kein „Weißer Riese“

Von Volker Warkentin am 18. Oktober 2015

Das „Sommermärchen 2006“ soll sich der DFB mit Schmiergeldern erkauft haben. Angesichts der Entwicklung im Profi-Fußball wäre es überraschend, wenn es nicht so gewesen wäre.

Erst Volkswagen und jetzt der DFB? Nach VW droht mit dem Fußball nun ein zweites Symbol deutscher Rechtschaffenheit hässliche Kratzer zu bekommen. Deutschland soll den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, die dem Land einen beschwingt heiteren Sommer bescherte, nur dank einer Schmiergeldzahlung von 6,7 Millionen Euro erhalten haben.

Noch sind die Vorwürfe des „Spiegel“ nicht bewiesen. Für Franz Beckenbauer, Wolfgang Niersbach & Co. gilt die Unschuldsvermutung. Aber wenn die Darstellung des „Spiegel“ zutrifft, dann hat das von Beckenbauer geleitete Organisationskomitee die Stimmen asiatischer Delegierter mit über sechs Millionen Euro gekauft. Das Geld soll der 2009 verstorbene Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfuss zur Verfügung gestellt haben. Angeblich floss die Millionen dann auf geheimem Weg über den Weltfußball-Verband Fifa zurück.

Laut „Spiegel“ hat der heutige DFB-Chef Niersbach von den Mauscheleien gewusst. Das Magazin berichtet über eine handschriftliche Notiz Niersbach, in der die Zahlung an Louis-Dreyfuss beschrieben wird. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bestreitet die Vorwürfe. Niersbach versicherte, dass es weder schwarze Kassen noch Schmiergeldzahlungen gab. An einen handschriftlichen Vermerk über Zahlungen an den Adidas-Chef könne er sich nicht erinnern, so Niersbach. Dem DFB zufolge war das Geld für ein Kulturprogramm zur WM gedacht, das aber abgesagt wurde.

Sollten die Anschuldigungen jedoch zutreffen, kann DFB-Chef Niersbach seine Hoffnungen begraben, an die Spitze der Europäischen Fußball-Union (UEFA) zu wechseln und könnte wohl auch nicht länger an der Spitze des weltgrößten Fußball-Verbandes stehen.

Die heile Fußballwelt ist schon lange nicht mehr in Ordnung. Das Gift der Korruption hat weite Teile des Funktionärskorps erfasst. Schließlich stehen bei Weltmeisterschaften Milliarden auf dem Spiel. Sportausrüster, Rechteinhaber und Fernsehsender gehen mit immensen Mitteln in Vorleistung, die sich am Ende auszahlen müssen. Da liegt es nahe, mit korrupten Methoden die Milliarden-Gewinne einzustreichen. Schließlich kennt seit Beginn der Globalisierung auch das normale Geschäftsleben kaum noch Regeln, ist der Kampf mit harten Bandagen und faulen Tricks an der Tagesordnung – wie etwa bei VW.

Schon bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 1998 in Frankreich und 2010 in Südafrika soll Schmiergeld geflossen sein. Die Entscheidungen für Russland 2018 und Katar 2022 stehen ebenfalls unter Korruptionsverdacht. Und da soll Deutschland als „Weißer Riese“ da stehen und nur dank des Einsatzes von Top-Model Claudia Schiffer und des Ex-Mittelstürmers des TuS Talle, Gerhard „Acker“ Schröder, gewonnen haben?

Mit fröhlichem Stolz schwenkten Millionen Deutsche im Sommermärchen 2006 schwarz-rot-goldene Wimpel und Fahnen. Aber nun hat Deutschlands positives Image empfindlichen Schaden genommen, so dass man sein Fähnchen beschämt einmotten möchte.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, hält Fußball noch immer für die schönste Nebensache der Welt. Er hofft darauf, dass es wenigstens auf dem Platz ehrlich zugeht.

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Zaunkoenigin am 19. Oktober 2015

Ich hab's mal an anderer Stelle geschrieben. Zu einem Artikel in dem es um Gewalt in den Fussballstadien ging. Hier ist das aber auch zutreffend.
Ich vertrete die unpopuläre Meinung, dass die Fans es im Griff hätten Änderungen herbei zu führen. Sie stützen durch diverse Handlungen diesen Sumpf. Eine davon ist der Konsum von Spielen. Gleichgültig ob im Stadion oder vor dem Fernseher.

Mir hat man damals geantwortet, dass ein Boykott den Fans nicht zumutbar sei. Ja nun, so lange die Fans sich nicht massiv und spürbar distanzieren und so lange die korrupten Geschäftemacher keine Nachteile befürchten müssen, so lange wird so ein System weiter ausgebaut werden.

Korrupt ist im Sport (ich beschränke das nicht alleine auf den Fussball) doch nicht alleine Deutschland. Das ist inzwischen ein weltweit funktionierendes System. Und die Fans finazieren es. Wer sonst?