Raus aus der großen Depression!

Von Martin Benninghoff am 21. Oktober 2015

Wer sich von der Globalisierung überrollt fühlt, reagiert mit Angst und Abwehr – die denkbar schlechteste Strategie. Wie es anders geht, zeigte – ausgerechnet – ein japanisches Unternehmen.

Keine Scherzfrage: Was haben Fujifilm und Deutschland gemeinsam? Antwort: Beide produzieren zeitweise zu viele Auslaufmodelle, die die Bilanz belasten. Mit dem feinen Unterschied, dass das japanische Unternehmen die dadurch ausgelöste Krise weitgehend gemeistert hat, derweil Deutschland noch laboriert. Vielleicht könnten wir von Fujifilm lernen.

Fujifilm hat seinen Umsatz jahrzehntelang mit Fotofilmen gemacht. Sie erinnern sich vielleicht, das waren diese kleinen Dinger im Zwölfer-, 24er- und 36er-Format. Eines Tages sorgte die große Digitalisierung dafür, dass aus Absatzwundern Ladenhüter wurden. Fuji blieb auf den Filmen sitzen, das Unternehmen stürzte in eine existenzielle Krise.

Mit Deutschland passiert derzeit etwas Ähnliches, und das hat auch mit Digitalisierung, vor allem aber mit Globalisierung zu tun. Die Technologie und damit die Wirtschaft internationalisieren sich zwar seit Jahrzehnten, aber in den vergangenen Jahren durch die neuen Kommunikationsformen in einem atemberaubenden Tempo. Die Folge sind immer kürzere Produkt- und Innovationszyklen, immer neue Techniken und damit immer neue Konsumverhaltensweisen.

Derlei Veränderungen ziehen einen kulturellen Wandel nach sich: Die Innenstädte verwandeln sich, alte Geschäfte sterben weg, neue Innovationen boomen. Was gestern noch hip war, ist heute schon altbacken und wird morgen wahrscheinlich von den Märkten verschwunden sein. Am Reichtum und am Boom in Europa wollen zudem Menschen verständlicherweise Anteil haben, die in armen Staaten leben, im Internet aber täglich die materiellen und immateriellen Verheißungen in Deutschland und anderswo sehen. Eine Gemengelage, die insgesamt dazu führt, dass sich Deutschland kulturell wandelt.

Wer bei diesem Wettlauf mitrennen kann, das als Bereicherung empfindet, ist fein raus. Andere bleiben auf der Strecke, mutieren zu gesellschaftlichen Auslaufmodellen. Waren Sie eben noch der Star der Produktion, so füllen sie nun die Regale: Ladenhüter.

So wird man zum Ladenhüter
Eine paar aktuelle Beispiele, wie schnell man als Mensch zum Auslaufmodell wird. So ungefähr lauten populäre Erzählungen (die nicht richtig sein müssen, die aber im Mainstream der Gesellschaft eine Rolle spielen):

• Wer heute noch linear Fernsehen schaut, sich also um 20.15 Uhr vors TV-Gerät setzt, um irgendwas zu schauen, ist schwer auslaufmodellgefährdet, denn das machen ja nur noch die Älteren. Jüngere gucken ihre Lieblingsprogramme in Mediatheken und finden die Links dazu auf Facebook oder Google Plus.

• Wer auf dem Land lebt und nicht in einer boomenden Großstadt, kommt langsam aber sicher auf die rote Liste der aussterbenden Arten. Dörfer gelten als rückständig und kulturell langweilig. Zudem sind Dorfbewohner unter dem Strich fremdenfeindlicher als Städter, weil sie keine Migranten als Nachbarn haben und via Fernsehen nur die Problemfälle, nicht aber die gelebte Normalität erleben.

• Wer kein Englisch spricht und nicht weit gereist ist, vielleicht gar nur in den Bayerischen Wald in Urlaub fährt oder, wenn es hoch kommt, nach Ibiza mit deutscher Reisebegleitung, gilt zunehmend als Hinterwäldler. Unsere Großeltern waren so – die konnten nicht anders. Unsere Eltern haben schon Europa erkundet. Sie aber – die unter Vierzigjährigen – würden sich verdächtig machen, wenn sie nur an die Ostsee fahren.

• Verdächtig macht sich noch: Wer sich für eine Partei engagiert, kein Smartphone besitzt, Google für einen Kuchen hält, Zeitung auf Papier liest, für die Kindererziehung dauerhaft zu Hause bleibt und so weiter. Die Liste ist lang.

Wer sich heute über Ladenhüter lustig macht, sollte bedenken: Schon morgen kannst Du der nächste sein. Das Gefühl, mit seinen Lebenseinstellungen irgendwie marginalisiert zu sein, mag ein diffuses Gefühl sein, aber ein wirkmächtiges. Es führt dazu, das alles, was man macht, denkt, tut, erklärungsbedürftig wird. Wer nicht per Handy und WhatsApp zu erreichen ist, wird sich die Frage gefallen lassen müssen, warum man sich verweigert. Bei technischen Geräten mag das harmlos sein, bei zentralen Fragen der Lebenseinstellung allerdings führt das zu Abwehr oder gar zu Hass auf jene, die die Fragen und Forderungen nach Veränderung stellen (so kommt die rhetorische „Gutmenschen“-Abwehr zustande).

Abwehr und Hass sind zwei Reaktionen, die dem „Unternehmen Deutschland“ – neben aller Offenheit und Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge derzeit – Sorgen bereiten müssen. Die AfD und Pegida bieten Menschen Boden, die sich in ihrer Marginalisierung in die Enge getrieben fühlen und deshalb beginnen, Demokratie, Politik und Medien zu verachten. Das Internet ist eine weitere Plattform, die die Verbreitung von Unmut oder gar Hetze fördert: Im harmlosen Falle postet jemand bei Facebook ein Bild mit blühender Wiese und Kuh und der Aufschrift „Lieber Dorf als Stadt“ – darunter ein Moloch mit zugebauten Flächen, kaputten Straßen und Luftverschmutzung. Im gefährlicheren Fall wendet sich der Hass gegen Menschen, und das sind meist die Schwächsten: Fremde.

Ausländer als Sündenböcke
Ja, der Ausländer muss bei manchen wieder mal als Sündenbock herhalten. Es ist ein Irrtum zu glauben, dabei ginge es tatsächlich um ernste Sorgen und pragmatische Fragen der Flüchtlingspolitik oder der Integration von zum Teil anders sozialisierten Menschen. Nein, der Ausländer wird – ganz diffus und allgemein – zum Sündenbock für den gesellschaftlichen Wandel erklärt, ein uralter Topos. Es stimmt ja sogar, dass Migration eine Gesellschaft verändert, aber nicht so stark und vor allem nicht negativ, wie Fremdenfeinde meinen. Der größte Wandler ist die Globalisierung und die Internationalisierung unserer Lebensgewohnheiten, und vielen „Modernisierungsverlieren“ fällt nichts Besseres ein, als mit Fremdenablehnung oder gar Fremdenhass zu antworten.

Einige mögen echte Verlierer sein, die für alle Zeiten verloren sind. Andere aber, die sich für ein Auslaufmodell halten und beim Wandel der Gesellschaft nicht mehr mitkommen und sich deshalb Fremdenfeinden in die Arme werfen, haben vielleicht bislang keine bessere Bewältigungsstrategie für sich gefunden. Ihnen müsste geholfen werden (wenn es das ist, was manche als „Sorgen der Bürger“ bezeichnen, die man ernstnehmen müsse, dann finde ich nicht, dass man die Sorgen inhaltlich unbedingt ernstnehmen muss. Man muss aber die Gemütsverfassung der Menschen ernst nehmen und ihnen gegebenenfalls helfen, da rauszukommen).

Kommen wir nochmal zurück zu unserem Beispiel Fujifilm: Angenommen, der Unternehmenschef Shigetaka Komori hätte sich damals, als die Digitalisierung das Kerngeschäft bedrohte, auf Abwehr und Schimpfen beschränkt – Fuji würde es heute nicht mehr geben. Stattdessen hat Komori Geschäftsfelder hinzugekauft – Kosmetik, Medizintechnik, Pharmageschäft sowie Nano- und Biotechnologie – und sie unter einem Holdingdach vereint. Fujifilm geht es heute wieder wesentlich besser, und die Zukunft sieht wieder rosig aus.

Als Mensch muss man gewissermaßen auch hinzukaufen. Wer das Gefühl hat, gesellschaftlich ins Hintertreffen zu geraten, sollte versuchen aufzuholen. Sollte Sprachen lernen. Sich mit fremderen Menschen auseinandersetzen. Dazulernen. Wer das nicht will, kommt aus seiner Depression niemals heraus. Dann bieten Sprüche auf Pegida-Demos vielleicht kurzfristig psychologische Entlastung (endlich sagt’s mal jemand…), aber mittelfristig wächst die Unzufriedenheit, die letztlich eine Unzufriedenheit mit sich selbst ist. Wer will so schon leben?

Martin Benninghoff ist Journalist in Berlin und Redakteur bei „Günther Jauch“. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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Joachim v. K. am 21. Oktober 2015

Den deutschen Staat (Sie erinnern sich: "Dem deutschen Volke") mit der Struktur, bzw. der Vitalität eines gewinnorientierten Unternehmens zu vergleichen, zeigt schon, wie falsch dieser Gedanke bereits im Ansatz ist.

Das "System" sollte doch dem Volk dienen und nicht das Volk dem System. Letzteres macht dieses austauschbar - der Mensch wird damit zur "Ware" - aber vielleicht ist ja gerade das beabsichtigt.

Hätten Sie doch lieber Japan selbst als Beispiel genommen - drittstärkstes Bruttoinlandsprodukt und dazu noch eine der wahrlich homogenen Nationen dieser Erde.

Martin Benninghoff am 21. Oktober 2015

Guten Tag,

Sie haben recht, man sollte solche Vergleiche nicht zu weit führen - das tue ich auch nicht, rede einer Ökonomisierung der Lebensbereiche wahrlich nicht das Wort. Aber: "Gewinnorientierung" als Metapher für eine aktive Strategie, sein Leben zu verbessern und aus der teils selbstverschuldeten Unmündigkeit der Frustration aktiv herauszukommen, halte ich für ein gutes Motiv. Ansonsten kann ich der Idee einer "homogenen Nation" wahrlich nichts abgewinnen - Japans Probleme sind ein Hinweis darauf. Die "homogenste Nation" der Welt ist übrigens Nordkorea - na, herzlichen Glückwunsch!

Zaunkoenigin am 21. Oktober 2015

Ein "wunderbares" Plädoyer für stromlinienförmige Bürger.

Mich gruselt es gerade etwas. "Mein" Deutschland sah bisher anders aus.

Martin Benninghoff am 21. Oktober 2015

Wie denn?

Joachim v. K. am 21. Oktober 2015

Japan mag seine Probleme haben, doch wird es seine Identität auch in hundert Jahren nicht verloren haben – bei Deutschland bin ich mir da nicht so sicher. Im Übrigen ist Südkorea genauso homogen wie Nordkorea.

Eine der großen Fragen, wie sie z.B. Professor Manfred Hettling gestellt hat, lautet doch: Wie weit tragen Solidaritätszumutungen gegenüber Menschen, die nicht als Teil der eigenen, historisch gewachsenen Handlungseinheit erfahren werden?

Und zwar richtet sich diese Frage an beide Seiten: Wie weit reicht die Bereitschaft zu neuen Solidaritätsbindungen bei Migranten, wenn die Zuwanderung fundamentale Veränderungszumutungen an sie stellt?

Es gibt Migrationsforscher wie Paul Collier, welche in der Zunahme kultureller Diversität eine wesentliche Ursache für einen Rückgang an Mitgefühl und eine reduzierte Bereitschaft zur Solidarität sehen. National begründete und nationalstaatlich regulierte Solidarität kann ein erhebliches Maß an gegenseitiger Solidarität entwickeln, und die Bereitschaft hierzu kann durch Heterogenität schwinden.

"Als Biologe bin ich grundsätzlich Pluralist. Über Vielfalt sichert sich das Leben ab, im Pflanzen- und Tierreich über die Vielzahl der Arten und Unterarten und beim Menschen auch über die Vielfalt der Kulturen, die damit zu Wegbereitern der weiteren Evolution werden. Die Einschmelzung der Kulturen käme einem gewaltigen Entdifferenzierungsprozeß gleich, und man darf auch aussprechen, daß mit jeder Kultur, die untergeht - und sei es auch nur eine Stammeskultur sogenannter "Primitiver" -, Werte unwiederbringlich verlorengehen. Darüber hinaus scheint es mir angebracht hervorzuheben, daß eine auf eine "Weltkultur" reduzierte Menschheit erheblich an adaptiver Breite verlieren würde, und das könnte unter Umständen gefährlich werden. Jede Kultur stellt ja einen besonderen Versuch dar, das Überlebensproblem zu meistern, und in der Fülle der Kulturen gewann die Menschheit eine Anpassungsbreite, die in Krisensituationen von Bedeutung sein kann. Außerdem: selbst wenn es gelänge, eine einheitliche Menschheit zu erzwingen, bedürfte es danach ständigen Zwanges, sie in diesem Zustand der "Gleichheit" zu erhalten, denn jede neue Idee, über die sich eine Gruppe neue Lebensformen erschließen könnte, müsste der Einheitlichkeit zuliebe unterdrückt werden. Zum Glück für den Biologen, der in der Erhaltung möglichst vielfältiger Kulturen einen Wert sieht, wehren sich die Völker gegen Tendenzen, die ihre eigene Identität bedrohen."

- Irenäus Eibl-Eibesfeld - österreichischer Zoologe, Evolutionsbiologe, Verhaltensforscher und Gründer des Fachs Humanethologie.

Zaunkoenigin am 21. Oktober 2015

Herr Benninghoff, so, dass weder mein Umfeld - das auch aus Menschen aus anderen Ländern und Andersgläubigen besteht - noch ich stromlinienförmig gleich ticken müssen. Zugegeben, in jungen Jahren war das noch anders. Aber die Entwicklung der letzten Jahrzehnte sah zum Glück anders aus. Und das Schöne ist .. wir erklären uns ganz gerne ;-)... und wir rennen auch nicht um die Wette.

Ich erlebe es tatsächlich seit vielen Jahren so, dass man Anders sein darf ohne abgewertet zu werden. Was man mitbringen muss ist Respekt und Achtung. Und das unabhängig von Alter, Religion, Staatszugehörigkeit.

Dennoch - auch wenn ich den Grundtenor Ihres Artikels nicht anschließen kann.... Sie haben es gut herauszieseliert wie und wo unsere Gesellschaft im Wandel ist - eben auch im Kleinen und Alltäglichen. Nur mein Resümee sieht anders aus. Ich erlebe es anders wie Menschen damit umgehen. Ich stelle sogar fest, dass selbst bei den jungen Menschen sich eine Sehnsucht nach Beständigkeit entwickelt. Nicht immer und überall.. aber ein Stück weit Verlässlichkeit hätten sogar sie ganz gerne.

Ich habe vor einigen Tagen einen Film mit Dieter Hallervorden gesehen. "Chuzpe - Klops braucht der Mensch" .. Er spielt einen alten Juden .. Berlin-Heimkehrer und einem eigenen Weltbild und der Leidenschaft zu gutem Essen. In diesem Film definiert er Essen als ein "Stück Heimat und Familie" und beschreibt wie früher jeder Gasthof, jede Familie, jeder Haushalt seine Spezialitäten hatte und man eben Reih um die Besonderheiten genoß. Überall schmeckte es etwas anders. Und das sei das gewesen was Heimat und Geborgenheit ausmachte.

Das was sie beschrieben haben, das kenne ich noch aus meiner Kindheit und Jugend. Dieses "das kann man doch nicht", das "tut man doch nicht", das "das gehört sich nicht".

Das gibt es sicherlich noch und wird es auch immer geben. Aber es ist inzwischen nur noch eine Facette von vielen.

Ich hoffe, ich konnte deutlich machen was ich anders wahrnehme.

Zaunkoenigin am 21. Oktober 2015

ups.. nun habe ich den Bogen vom Film als Vergleich nicht mehr bekommen. Das liegt an diesem kleinen Schreibfenster :-(.. Es sollte eine Metapher sein ..

Martin Benninghoff am 21. Oktober 2015

Erst einmal vielen Dank für Ihre Kommentare. Offenbar transportiert auch mein Text eine Botschaft, die Sie - beide - an Gleichheit oder gar Gleichmacherei erinnert. Nun, das ist für mich auch kein Traumziel. Aber es steckt doch eine andere Frage dahinter. Nicht: verändern wir uns permanent? Natürlich tun wir das, und das auch in den vergangenen Jahrzehnten sehr schnell. Die interessante Frage ist doch, wer definiert das Ziel? Zunächst wollte ich möglichst wertfrei darstellen, dass die technologisch-kommunikative Revolution, Globalisierung, ein Fakt ist, mit dem man umgehen muss. Mir gefällt auch nicht, wenn die Flughäfen überall auf der Welt gleich aussehen - und zunehmend auch die Innenstädte. Aber wie kann man sich dagegen wehren, wie kann man Eigenarten bewahren, wie kann man das eigene Selbstbewusstsein steigern, OHNE andere abzuwerten, OHNE Ausländer und Flüchtlinge als Sündenböcke herhalten zu lassen? Ein entspanntes Selbstbewusstsein - das ist auch eine Identität. Menschen mit Migrationserfahrung haben auch nur EINE Identität, die sich aber aus mehreren Komponenten zusammensetzt. Sich als Einwanderungsgesellschaft zu begreifen und dementsprechende Mechanismen anzuwenden ist eine Beständigkeit, auf die man sich verlassen kann. Insofern stimme ich Ihnen zu: Auch ich sehe in Beständigkeit und Identitätspflege große Werte - aber was meine Identität bildet, was meine Beständigkeit ausmacht, ist eben ein Einwanderungsland, das sich seiner selbst und seiner Werte bewusst ist.

Britta Teutenberg am 21. Oktober 2015

..... Google ist kein Kuchen??? :-))

Zaunkoenigin am 23. Oktober 2015

Ja Herr Benninghoff, das tut ihre Botschaft - zumindest für mich. Ein Stück weit liegt das vielleicht auch daran, dass Sie merklich im Artikel selbst schwimmen und unterschiedliche Themenbereiche streifen. Ich musste ihn mehrfach lesen um dann endlich sagen zu können "das möchte er zusammengefasst zum Ausdruck bringen" (und dann lag ich doch wieder falsch).

Aber das macht ja nichts und ist bei der Komplexität des Themas auch kein Wunder. Daraus hat sich doch eine, wie ich finde, sehr interessante Diskussion ergeben. Zumal Ihr Artikel reichlich Stoff bietet um anzuknüpfen. Nur mit der Frage "wer definiert das Ziel" kann ich wenig bis nichts anfangen. Würden Sie bitte erklären wie Sie auf diesen Gedankenansatz kommen?

Was für mich auch von Interesse wäre ist, wie Sie "Kultur" definieren? Und ob Sie selbst diesen beschriebenen Anpassungsdruck verspüren oder ob das eher eine These war?

Martin Benninghoff am 23. Oktober 2015

Liebe Zaunkönigin,

gerne präzisiere ich. Unsere Diskussion ist eine Diskussion um die Frage "Wer definiert das Ziel". Wir haben auf der einen Seite einen Faktor - Globalisierung -, von dem ich annehme, dass dieser von uns einzelnen Menschen erst einmal kaum oder nur wenig zu beeinflussen ist. Die Globalisierung (früher: Verstädterung) hat viel mit den technischen Entwicklungen zu tun und ist nicht unbedingt eine Frage des politischen Willens (es sei denn, man schottet sich komplett ab wie Nordkorea, aber das erscheint mir unrealistisch und nicht wünschenswert). Insofern definiert die Globalisierung zunächst das Ziel und sagt uns, wie wir zu sein haben: Wir sollten kommunikativ sein, konsumorientiert, dem Fremden offen gegenüber. Das nehme ich erst einmal als gegeben hin. Und dann gibt es doch den zweiten Faktor, die Frage nach uns, der Politik und der Wirtschaft, die wir uns unter der Haube der Globalisierung bewegen. Wie weit lassen wir uns ein auf die Entgrenzung der Welt? Eine hochaktuelle Frage! Lassen wir die Flüchtlinge rein oder machen wir die Schotten dicht? Begreifen wir Migration als Chance oder als Gefahr? Ich für meinen Teil plädiere bei der Flüchtlingsfrage für einen Mittelweg (Grundrecht auf Asyl nicht antasten, Ausweitung der Herkunftsstaatenregelung aber nachdenkenswert, aber auch nur zeitweise) und sehe Einwanderung grundsätzlich als große Chance in einer Gerontokratie - würde aber zugleich auch Schwierigkeiten ansprechen wollen. Die Gesellschaft wird durch Einwanderer, die ein gewisses Niveau haben, viel besser. Jede Gesellschaft wird besser, die Menschen dazu bekommt, die ein gewisses Niveau nicht unterschreiten. Sehen Sie: Indem ich das sage, versuche ich das Ziel zu definieren, Deutschland als moderner Einwanderungsstaat. Diejenigen, die das anders sehen, mich gar zum "Gutmenschen" abstempeln wollen, versuchen ihrerseits eine Definition des Ziels: Deutschland als homogener Staat. Und genau in dieser Diskussion stecken wir gerade - das meinte ich damit.
Zur Kultur in unserem Kontext: Werte, Einstellungen, aktive Überzeugungen und unbewusste Denk- und Verhaltensmuster. Das Entscheidende für mich ist, dass sich Kulturen wandeln können. In unserer Kultur-Debatte wird allzu häufig unterstellt, Kulturen seien in Stein gemeißelt. Dem widersprechen sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse...inklusive der Alltagsbeobachtungen, dass sich "Migrantenkulturen" enorm verändern und verändert haben. Da solche Prozesse oft Jahrzehnte dauern (Integrationszyklen, "Assimilationen", dauern rund 30 Jahre) übersehen wir das häufig, weil unsere Wahrnehmung auf das Hier und Jetzt fokussiert ist. Stellen Sie sich vor, wie sehr sich die "deutsche Kultur" gewandelt hat: Galten in den Fünfziger Jahren Frauen vor allem als Hausfrauen, die ihre Männer zu bedienen haben, wandelte sich das bis heute stark...allerdings gebe ich zu Bedenken: Noch vor einigen Jahren wurde medial diskutiert, ob Deutschland bereit sei für zwei Frauen an der Spitze (als Gesine Schwan Bundespräsidentin werden wollte). Das ist nicht lange her, und doch kommt mir das vor wie eine Nachricht aus dem letzten Jahrtausend! "Unsere" Kultur hat sich enorm gewandelt. Und die Migrantenkinder der vierten Generation haben mit ihren anatolischen Bauerngroßeltern nicht mehr viel gemein.
Und zu Ihrer Frage nach Anpassungsdruck: Ja, auch ich verspüre das gelegentlich. Je schneller sich die Kommunikationskultur ändert und je älter ich werde (jetzt geht's ja noch: 36), desto mehr Dinge gibt es, die mir fremd sind. Deshalb ist das Fremdheitsgefühl im eigenen Land auch vor allem eine Altersfrage. Aber soweit werde ich das für mich nicht kommen lassen, weil es inhaltlich falsch ist und weder der Gesellschaft noch der eigenen Psyche gut tut: Ich plädiere dafür, die Veränderung der Gesellschaft nicht den Ausländern, emanzipierten Frauen oder irgendwelchen Minderheiten in die Schuhe zu schieben, sondern sich lieber selbst fit zu machen, geschmeidig auch noch im Alter zu sein.
Sorry für die lange Antwort.
Beste Grüße,

MB

Zaunkoenigin am 27. Oktober 2015

Nein nein, Herr Benninghoff .. MEINE Frage war eher „wie kommen Sie auf diese Fragestellung“? ;-) Und diese Frage halte ich nach wie vor für berechtigt nachdem ich Ihre Antwort gelesen habe. (an dieser Stelle möchte ich mich auch noch für Ihre ausführliche Antwort bedanken. Entschuldigen müssen Sie sich dafür ganz sicher nicht, denn a) ist das Thema vielschichtig und dadurch b) nicht in 3 Sätzen abzuhandeln)
Ich versuche mal zu gliedern was ich von Ihnen zu lesen bekam.
Globalisierung, sagen Sie, definiert das Ziel. Und diese bestimme, wie wir zu sein hätten. Globalisierung ist aber keine Person, keine Institution, keine Gruppe. Globalisierung ist eine Strategie, ein System, ein Konstrukt, ein Mechanismus. Aber kein Mensch, der das Ziel definieren kann. Die Globalisierung wurde aber von Menschen forciert. Ergo muss man sich fragen, wer war das. Erst dann wissen wir, wer die Ziele, die sich aus dem Wunsch nach Globalisierung ergeben müssen (und die Sie m.M. nach treffend benannt haben) bestimmen.
Wenn ich diese Überlegung zu Grunde lege, dann antworte ich Industrie und Wirtschaft hat das Ziel definiert.
Aber sind diese Ziele überhaupt eine Frage der „Kultur“? Nach meinem Verständnis besteht die Kultur aus 2 Teilen wobei m.M. nach der unbewusste Teil den bewusst wahrgenommen Teil beeinflusst/gestaltet. Oder besser gesagt, a ist die Ausdrucksform von b.
a) dem sinnlich wahrnehmbaren und
b) dem unbewussten Teil.
a) setzt sich zusammen aus Kunst, Feiern, Spiele, Essen, Kleidung, Sprache, Kommunikationsformen/Muster/Stile
b) aus Werte und Normen, Gefühle, Rituale, Bedürfnisse, Moral, Verhaltensweisen, Wahrnehmungsmuster ….
Soweit so gut ….
Nach Kluckhohn lautet die Definition für Kultur wie folgt:
• Kultur besteht aus Mustern von Denken, Fühlen und Handeln und
• wird übertragen durch Symbole, die die charakteristischen Errungenschaften von bestimmten Gruppen von Menschen bilden und ihre Verkörperung in Artefakten.
• Der wesentliche Kern der Kultur besteht aus traditionellen (d.h. in der Geschichte begründeten und von ihr ausgewählten) Ideen und insbesondere ihren zugehörigen Werthaltungen.
Nehme ich diese Definition als Grundlage, dann komme ich nicht umhin zu erkennen, dass ein wesentlicher Teil der Kultur von der Historie einer Gesellschaft geprägt ist. Das bedeutet zwar nicht, dass sie nicht änderbar ist, aber die Basis wird mit Sicherheit nicht so schnell – Entwicklung hin oder her – zerstört (d.h. auf null gesetzt) werden. Ich stelle mir das wie bei alten Häusern vor. Gleichgültig wie umfangreich man sie renoviert und umgestaltet, sie behalten immer ein Stück weit die Ausstrahlung eines alten Hauses.
Die Frage die sich für mich daraus ergibt lautet: Was ist unsere Basis? Was unserer Kultur darf dem Wandel der Zeit geopfert werden – oder darf es sogar gerne? Und was ist unsere Kernidentität die, wenn wir das aufgeben, aus uns orientierungs- und innerlich heimatlos macht?
Aber kommen wir zum Zweiten Teil Ihrer Ausführungen. Der Frage nach Migration, Integration und Umgang mit Flüchtlingen. Und auf Ihre Frage „Wie weit lassen wir uns ein auf die Entgrenzung der Welt?“. Im Zusammenhang mit der Frage nach „Kultur“ eine hochspannende Fragestellung über die ich noch nachdenke. Es geht hier nämlich nicht nur darum wie weit wir das zulassen, sondern auch, in wie weit uns Menschen das überhaupt möglich ist. Zumindest in den nächsten 500 Jahren. (unter Berücksichtigung der gewachsenen „Basis-Werte einer Kultur)
Ich bin der Meinung, dass die Flüchtlingsthematik andere Bereiche unserer Kultur streift als die Frage nach Migration und Integration. Die Flüchtlingsthematik betrifft m.M. nach mehr die Frage nach Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und natürlich Finanzierbarkeit und Organisation. Die Frage der Integration und Migration eher die Frage nach Neugierde, Bereitschaft Neues zu lernen, Offenheit, geringe Berührungsängste. Ich halte es auch für ausgesprochen ungünstig für die Flüchtlinge, wenn wir jetzt über die Frage diskutieren ob Deutschland ein Einwanderungsland werden soll. Die Frage, ob Deutschland Asyl gewährt oder nicht, kann auch nicht Thema sein. Was es aber zwangsläufig werden wird, wenn wir unseren inneren Frieden erhalten wollen ist die Frage nach Beschränkung und ggf. auch Änderungen in den Rahmenbedingungen. Was z.B. Dänemark anbietet halte ich für deutlich tragfähiger und erhält auch den Menschen ihre Würde als das, was wir anbieten. So gut gemeint das auch sein mag.
Glauben Sie mir, mir ist sehr bewusst, wie sehr sich die Kultur innerhalb Deutschlands verändert hat. Auch, oder gerade bei den Deutschen. Ich habe die 60er noch bewusst miterlebt (die sich – zumindest auf dem Land – nicht wesentlich vom Ende der 50er unterschieden). Ich habe als Kind und Jugendliche den Druck der Gesellschaft wahrgenommen „das macht man nicht, das tut man nicht und… noch viel schlimmer „das denkt man nicht“. Und, weil Sie Gesine Schwan ansprechen, was war das für eine Diskussion über die Frage, kann man überhaupt Frauen die „hochwichtigen“, gediegenen Nachrichten (speziell die 20 Uhr Nachrichten) präsentieren lassen? Ja, darüber diskutierte ein ganzes Volk.
Ich möchte ganz sicher nicht die 60er Jahre zurück und dennoch bedaure ich im Rückblick so manchen Verlust von Werten. Und das tue ich altersbedingt und wegen so mancher Frage von jungen Kollegen immer wieder. Wir haben hier in der Gegend ein kleines ländliches Museum, das einmal im Jahr die 50er Jahre auferstehen lässt. Das miterlebt zu haben macht einiges noch stärker bewusst. Ich habe diese Veranstaltung das erste Mal erlebt, kam mit vielen Menschen dieser Zeit ins Gespräch (damals junge wie alte Menschen, Frauen wie Männer) und es blieb nicht nur bei den oberflächlichen Betrachtungen. Diese Gespräche mitten in einem Haus das das Lebensgefühl von damals unter die Haut dringen ließ, hatte manchmal sogar etwas Beklemmendes und es machte deutlich, was wir heute an Lebensgefühl dazu gewonnen haben. (ich hoffe ich bin verständlich. Dieses Gefühl beim Besuch dieses Museums ist schwer zu beschreiben)
D.h. also, dass wir Deutsche uns selbst erst einmal bewusst machen müssen was sich bei uns im Denken und Handeln geändert hat und was nicht. Und das was wir an kultureller Wegstrecke innerhalb der letzten 50-60 Jahre zurück gelegt haben auch diese Fähigkeit anderen Kulturen zuzugestehen. Manchmal denke ich, wir sind auch deshalb so intolerant, weil wir uns noch daran erinnern wie es war, wenn Eltern bei der Partnerwahl aktiv und massiv mitwirkten. Oder bei der Berufswahl, oder der Schule. In meiner Kindheit und Jugend war noch nicht völlig unmöglich.
Ein Stück weit muss natürlich auch die Frage erlaubt sein, warum wir uns unsere Probleme von vor 50/60 Jahren noch einmal ins Land holen sollen? Warum noch einmal dieses kulturelle Reiben? Die Frage ist berechtigt. Wie kann ich Männer im Land tolerieren die mich als Frau aufgrund meiner Lebensgestaltung ablehnen? Hatten nicht gerade die Frauen meiner Generation und die Generation davor lange dafür gekämpft um so frei und eigenbestimmt leben zu können? Und jetzt soll ich quasi so eine Geisteshaltung wieder willkommen heißen? In wie weit hat diese Geisteshaltung (die ich schon aus reinem Eigennutz absolut ablehne) auf mein Leben, meine Kultur, mein Land Einfluss?
Auf der anderen Seite kenne ich genügend Menschen anderer Glaubensrichtungen und Kultur, die eine Bereicherung darstellen. Die für mich das Leben hier im Land bunter machen, die Gedanken mit einbringen die ich interessant finde.
Der Haken ist nur, wir können bei einem Ja zur Migration nicht differenzieren. Im Schwäbischen sagt man „man muss das Dicke mit dem Dünnen nehmen“ . Und ein weiterer Haken ist einfach auch die zeitliche Folge. Die Generationen die der Migration zugestimmt haben werden die vollumfängliche Integration nicht mehr erleben.
Sie schreiben „Und die Migrantenkinder der vierten Generation haben mit ihren anatolischen Bauerngroßeltern nicht mehr viel gemein“ und das ist sicherlich richtig. Ich weiß aber auch, mit wieviel innerer Zerrissenheit viele jungen Frauen und auch Männer dieses Anders sein bezahlen. Nirgends gehören sie so richtig hin.
Seltsam, dass Sie mit zarten 36 Jahren Druck empfinden und ich mit knackigen 55 genau das abgelegt habe. Ob’s am Alter liegt? ;-)
Ich verweigere zwar einige Neuerungen. Z.B. telefoniere ich immer noch mit einem alten Handy und hüpfe nicht durch den Supermarkt mit dem IPhone am Ohr um zu fragen, ob Schätzken lieber Erdbeer- oder Himbermarmelade möchte. Ich liebe das Landleben (seitdem ich den echten Vergleich zur Großstadt hinter mir habe), bin inzwischen reisefaul geworden und den EBook-Reader lege ich mir erst zu, wenn ich keine Zeitung mehr ohne Brille lesen kann. Und trotzdem….. trotzdem fühle ich mich nicht wie ein Fossil und ich habe auch nicht den Eindruck, dass meine Umgebung mich als solches wahr nimmt. Ich vermute, dass Letzteres es nicht tut, weil ich genau prüfe, was an Neuem mein Leben bereichert, was überflüssig ist oder gar eine Last.
Ich hatte Ihnen diese Frage gestellt, weil ich in Ihrem Alter den Druck ähnlich empfunden habe – und heute ist der verschwunden. Dazu gekommen ist ein wenig Wehmut im Rückblick. Aber Druck? Nein, Druck empfinde ich nicht mehr. Im Gegenteil. Mit Ü40 fing bei mir dieses „frei schwimmen“ an. Es besteht also Hoffnung für Sie ohne dass Sie übermässig „geschmeidig“ werden müssen ;-). Man kann das nämlich auch wieder zuviel werden. (*Klugscheißermodus aus* )
Ach ja, und Veränderungen einer Gesellschaft kann man nie nur Gruppen in die Schuhe schieben, denn niemand ist so in sich konstant, dass er nicht zur Veränderung der Gesellschaft beitragen würde. In welcher Form auch immer.
Veränderung ist per Se ja auch nichts Negatives. Veränderung zum Positiven hat noch nie geschadet und außerdem ist es immer auch eine Frage was man aus der Änderung macht. Und ansonsten .. siehe meine Haltung oben. Man muss sich nicht jeden Schuh anziehen und auch nicht alles mit machen.

(sie sehen, ich kann es mit Beitragslänge mit Ihnen aufnehmen ;-) )

Übrigens.. diese Anmerkung von Ihnen halte ich auch für essentiell und wäre eine eigene Diskussion wert:
Aber wie kann man sich dagegen wehren (Anmerkung: = Gleichmacherei), wie kann man Eigenarten bewahren, wie kann man das eigene Selbstbewusstsein steigern, OHNE andere abzuwerten, OHNE Ausländer und Flüchtlinge als Sündenböcke herhalten zu lassen? Ein entspanntes Selbstbewusstsein – das ist auch eine Identität.

Martin Benninghoff am 27. Oktober 2015

Vielen Dank. Es ist - man sieht es hier - einer diskursiven Auseinandersetzung manchmal abträglich, wenn man seine Argumente erklärt. Dann schmelzen gegenläufige Standpunkte zusammen, und es treten, bis dato trefflich versteckt, die Gemeinsamkeiten ins Licht...oje, und das passiert einem Journalisten, der für eine Talksendung arbeitet...:-)
Ich finde vieles, wenn nicht sogar alles, was Sie aufgeschrieben haben, nachvollziehbar und richtig. Ich erlebe unsere Zeit auch deshalb als so spannend, weil wir - trotz aller Beschwerden der Vergangenheit über unsere angebliche Entpolitisierung - genau solche Dinge aushandeln, wie die Frage nach einem Kern von Identität in einem Globalisierungsprozess, der alle mitreißt.
Ich möchte vielleicht einen Punkt heraus greifen, den ich nachvollziehbar finde und weiter beleuchtenswert: Sie schreiben, dass Sie überwunden geglaubte Dinge - wie zum Beispiel eine Ungleichbehandlung von Frauen und Männern - nicht wieder importieren wollen. Sie schreiben: "Und jetzt soll ich quasi eine solche Geisteshaltung wieder willkommen heißen?". Nein, nein, und nochmals nein! Ich will ein offenes Land für Einwanderung, aber kein grenzenloses! Ich fände es verwerflich, würden wir wieder in alte Zeiten zurück fallen. Keiner nötigt Sie, Salafisten oder wahhabitische Frauenhasser willkommen zu heißen. Aber, mein Punkt ist folgender: Könnte es nicht sein, dass man das Einwanderern und Asylbewerbern pauschal unterstellt? Der Hinweis auf den relativ hohen Bildungsgrad der Syrer ist nicht falsch, er trifft den Punkt. Aber natürlich müssen wir alle darauf schauen, dass Einwanderer die "Leitkultur" unseres Grundgesetzes entweder mitbringen oder möglichst schnell lernen.
Ich möchte Ihnen gerne ein plastisches Beispiel zeigen, das unser Problem verdeutlicht. Da wir ja über Feminismus gesprochen haben, ein kurzer Hinweis auf Alice Schwarzer: Frau Schwarzer hat sich in den vergangenen Jahren zu einer maßlosen Islamverdammerin entwickelt - aus einer Logik heraus, die einmal den nachvollziehbaren Anfang nahm in der Verteidigung der Frauenrechte, sich aber in eine Pauschalität verirrt hat, die ihresgleichen sucht. Sie ist dabei nicht alleine: Ich verstehe, dass gerade viele Linke oder ehemals Linke, die sich zeitlebens gegen Religion zur Wehr gesetzt haben, sich nun besonders ätzend gegen Einwanderer äußern, die eine etwas konservativere Religiosität mitbringen. Ich warne nur davor, dass Kind mit dem Bade auszuschütten. Und plädiere für Maß und Mitte: Ein offener Diskurs über die Vor- und Nachteile von Einwanderung erlaubt es uns natürlich, solche Probleme zu thematisieren. Aber mir soll keiner daher kommen, der - wie nun etliche Konservative - plötzlich mit der Gleichberechtigung von Schwulen argumentiert, wenn ihm jahrelang das Wort "schwul" kaum über die Lippen kam. Es ist so viel Bigotterie dabei, wenn irgendwelche Machos zwischen Kiel und Passau, die es nicht gerne sehen, wenn ihre Frauen und Töchter arbeiten gehen, nun über die angebliche Frauenfeindlichkeit bei irgendwelchen Syrern lamentieren.
Ich denke, wir sind und doch einig, was unser unveräußerlicher Identitätskern sein könnte, oder? Ich finde Heinrich August Winklers Darstellung des "Westens" mit seinen demokratischen und menschenrechtlichen Errungenschaften höchst attraktiv - und als Exportschlager. Und ich sehe diesen nicht pauschal durch Einwanderung gefährdet, sondern durch Extremisten hüben wie drüben: Radikalinskis, die einen salafistischen Background haben, ebenso wie Neonazis oder Hetzer, die bei Pegida auftreten. Für mich verläuft der Konflikt nicht zwischen "einheimisch" und "zugewandert", sondern zwischen "modern/aufgeklärt" und "reaktionär/menschenfeindlich".

Beste Grüße

MB