Attackiert den DFB und nicht den „Spiegel“

Von Thomas Schmoll am 23. Oktober 2015

Erst dementiert der Deutsche Fußballbund, dann schweigt er, um Tage später eine mysteriöse Erklärung für einen dubiosen Millionenkredit zu liefern. Und was passiert? Gebasht wird der Spiegel als Überbringer der schlechten Botschaft. Das ist verrückt.

Nachdem der „Focus“ ein paar Jahre auf dem Markt war, zog Peter Gehrig, seinerzeit Chefredakteur des deutschen Dienstes der Associated Press (AP) und hyperkorrekter Journalist alter Schule („Get it first but first get it right!“), die Notbremse. Er gab den Ukas aus, Vorabmeldungen des Nachrichtenmagazins nicht mehr allein mit Quelle „Focus“ zu vermelden, sondern nur noch nach Gegencheck beim Hauptobjekt der Berichterstattung, also Unternehmen, Parteien, Organisationen, Politiker, Prominente etc. Der Grund: Zu viele Vorabs hatten sich – übrigens im Gegensatz zu „Spiegel“-Geschichten – als halbgar, uralt, überzogen oder falsch erwiesen.

Chefredakteur des „Focus“ war in jener Zeit Helmut Markwort, der den Slogan „Fakten, Fakten, Fakten“ erfand. Inzwischen ist er Herausgeber des Magazins. Nun hat Markwort die „Spiegel“-Titelgeschichte über das „zerstörte Sommermärchen“ in der Luft zerrissen. „Hier wird versucht, mit einer wackeligen und dünnen Geschichte die Erinnerung an ein wunderbares Fußballfest kaputtzuschreiben“, beklagte er sich ausgerechnet bei „Focus Online“, dem journalistisch schlechtesten Portal unter den großen Medienmarken der Bundesrepublik. „So ein Stück hätte ich nicht veröffentlicht.“

Markworts Motto lautet nicht etwa „Klärt auf!“, sondern „Lasst uns das Sommermärchen retten!“ Er erklärt, warum er die Story für einen „journalistischen Offenbarungseid“ hält, verteidigt Franz Beckenbauer, wertet Indizien ab oder stellt sie komplett in Frage und orakelt: „Das Magazin muss mit Schadenersatz rechnen.“ Man könnte sagen: Markwort geht es darum, dem ärgsten Mitbewerber eins auszuwischen. Dass er das tut – abgesehen einmal davon, dass der „Focus“ inzwischen thematisch, jedenfalls gemessen an den Titelgeschichten, viel mehr mit dem „Stern“ konkurriert als mit dem „Spiegel“ -, ist nicht der Rede wert. Schwamm drüber.

Kritik an dem „Spiegel“-Titel soll selbstverständlich Markwort erlaubt sein. Schließlich geben die Hamburger ja selbst zu, keinen Beweis zu haben, dass die Fußball-WM gekauft worden sei. Doch leider entsteht der Eindruck, dass der „Focus“-Herausgeber einzig das Ziel verfolgt, seinem geliebten Kaiser Franz beizuspringen. Markwort saß jahrelang im Aufsichtsrat des FC Bayern München, bei dem Franz Beckenbauer, der Cheforganisator der WM 2006, ja bekanntlich heftig mitmischt. Diese Interessensverquickung, dass der Herausgeber eines Nachrichtenmagazins gegen ein Konkurrenzblatt schießt in der Absicht, seine Fußballkumpels in Schutz zu nehmen, ist kritikwürdig. Aber selbst hier gilt: Soll er doch, alte Männer unter sich.

Der Bock wird zum Gärtner

Der Punkt ist ein ganz anderer. Markwort macht den Bock zum Gärtner und reiht sich damit ein in die Bewegung, die momentan alles auf den Kopf stellt. Kein Wunder, dass Verschwörungstheorien blühen wie nie zuvor. Denn der Forderung nach Aufklärung, warum der DFB 6,7 Millionen Euro an die FIFA überwies und das nirgendwo klar registriert ist, widmet Markwort in seinem Interview ganze drei Sätze. Das übrige Interview ist ein einziges „Spiegel“-Bashing und die übliche Markwortsche Selbstbeweihräucherung, dass ihm das niemals passiert wäre (siehe oben).

Da fragt man sich: Was ist los in diesem Land, dass der Herausgeber eines immer noch beachteten Nachrichtenmagazins nicht lückenlose Aufklärung fordert, sondern einen Konkurrenten attackiert? Sicher, die Medien drehen alle am Rad und bekämpfen sich in ihrer Not untereinander. Aber wenn man jahrelang im Aufsichtsrat eines Fußballvereins hockte, dessen Ehrenpräsident Beckenbauer eventuell Dreck am Stecken hat, dann muss man doch zumindest in der Lage sein, sich einen Maulkorb zu verpassen.

Markwort muss doch mitbekommen haben, dass Journalisten ein Glaubwürdigkeitsproblem haben und solche Kumpelaktionen nicht hilfreich sind – weder für die Medienbranche noch für den „Focus“. Denn „Spiegel“-Bashing steigert nicht die Verkaufszahlen des „Focus“. Markwort sollte auch verstehen, dass in der DFB-Affäre unzählige Fragen offen sind, deren Antworten über der Aktion „Rettet das Sommermärchen“ stehen müssen. Die Erklärungen von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sind alles andere als glaubwürdig und geeignet, die Markwortsche These vom „journalistischen Offenbarungseid“ zu bestätigen. Sie machen nur noch misstrauischer.

Zwei Figuren des ungeklärten Kredits, Beckenbauers Ex-Berater Robert Schwan und der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus, sind verstorben. Pech für die Aufklärer, Glück für den DFB, dass die zwei Herren nicht mehr gefragt werden können. Laut Niersbach verlangte die Fifa zehn Millionen Schweizer Franken (6,7 Mio. Euro) als Voraussetzung für eine Zahlung an den WM-Ausrichter Deutschland über 250 Millionen Franken (170 Mio. Euro). Und das Geld holte sich der DFB nicht etwa als Kredit bei einer stinknormalen Bank, sondern von Louis-Dreyfus. Seltsam.

Alfred Draxler, Chefredakteur von „Sport Bild“, erklärt in einem Bericht in Großbuchstaben: „ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.“ Bei seiner „Intensiv-Recherche“ sei ihm zugutegekommen, „dass ich handelnde Personen wie Franz Beckenbauer, Wolfgang Niersbach, Günter Netzer, Fedor Radmann seit Jahren gut kenne, teilweise sogar sehr gut kenne. Sie haben lange und intensiv mit mir gesprochen.“

Zufälle, die gibt es nicht

Ergebnis: Draxler veröffentlichte kurz vor der Niersbach-Pressekonferenz am Donnerstag exakt die Darstellung des DFB – ohne Fragezeichen und Konjunktiv, quasi die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Zufall? Nein, denn die Quellen sind ja die „handelnden Personen“. Draxlers Fazit: „Es gibt nach wie vor einige offene Fragen, es gibt möglicherweise Finanz-Trickserei, es gibt einen nach wie vor dubiosen Finanz-Transfer in Höhe von 6,7 Millionen Euro – aber es gibt kein gekauftes Sommermärchen! Und es gibt keine ‚Schwarzen Kassen‘, mit denen Wahlmänner bestochen wurden.“

Hurra, das Sommermärchen ist gerettet! Nochmals: Sehr gut möglich, dass der „Spiegel“ übers Ziel hinaus geschossen ist und eine Spur zu sehr orakelt hat. Aber die Geschichte nun vor allem darauf zu reduzieren, dass die WM nicht gekauft worden sei, bedeutet zu erklären: „Einige offene Fragen“, „möglicherweise Finanz-Trickserei“ und ein „dubioser Finanz-Transfer“ sind okay, wenn es um ein Sommermärchen geht. Ein bisschen Bananenrepublik ist akzeptabel, davon lassen wir uns doch unsere Märchen nicht kaputt machen. Wer so denkt, muss seine Koordinaten, wie ein demokratisches Land zu funktionieren hat, neu ordnen.

TV-Moderator Waldemar Hartmann erklärte im „Franken-Fernsehen“: „Ich habe 1997 am Tag vor dem Champions-League-Finale in München, Borussia Dortmund gegen Juventus Turin, mit Franz Beckenbauer zusammen die Bewerbung des DFB für diese WM moderiert. Und ich bin von der ersten Sekunde an, kann man sagen, eingeweiht gewesen. Ich sage heute mit dem Abstand: Haben denn wirklich die Deutschen geglaubt, dass wir diese WM bekommen haben, weil wir so ganz besonders beliebt sind auf dieser Welt, weil wir so tolle Hechte sind, weil wir so gut ausschauen und weil uns alle lieben zum Niederknutschen? Hallo? Die Realität sieht anders aus und der DFB, die deutsche Fußball-Öffentlichkeit, hat mit dieser WM etwas Großartiges gemacht. Sie haben’s aber so bekommen wie viele andere auch.“

Ach ja: Louis-Dreyfus war übrigens der, der Uli Hoeness einen privaten Millionenkredit gewährt hat. Aber das hat ja nichts mit dem Sommermärchen zu tun. Das können Markwort und Draxler sicher sofort bestätigen.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, liest den „Spiegel“ noch immer sehr gern und findet aber auch den „Focus“ nach wie vor deutlich besser als dessen Ruf unter Kollegen.

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Aula am 25. Oktober 2015

Mit Verlaub, einer der zutreffendsten Sätze kommt leicht versteckt daher: Journalisten haben ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wie wahr! Die Spiegel-Geschichte war weder einen Titel wert, geschweige denn die vielen Seiten voller Konjunktive. Natürlich hat jeder, der sich auch nur oberflächlich mit Fifa, Uefa und DFB beschäftigt, ein hässliches Gefühl im Bauch. Natürlich nehmen wir an, dass es nicht die Liebe zu Deutschland war (so ähnlich hat es der jetzt als Kronzeuge herhaltende Duz-Waldi, auch ohne jeden Beleg übrigens, formuliert). Ein Beweis ist das aber eben nicht. Wo der fehlt, wird dann ein "vermutlich", ein "offenbar" oder ähnliches eingefügt. Hier beginnt das Glaubwürdigkeitsproblem, das sich fortsetzt gerade in vielen so genannten investigativen Magazinen. Auch da werden häufig Thesen formuliert, ohne echte Belege zu liefern. Stattdessen wird die Tonart einfach angeschärft, um die Substanzlosigkeit zu übertünchen. Damit jetzt nicht der Vowurf kommt "Thema verfehlt": Natürlich ist es ein Hohn, dass ausgerechnet Markwort, der wöchentlich neben allen Granden in München den VIP-Bereich schmückt, so etwas ablässt. Und dass Draxler ebenfalls eine "gewisse" Nähe hat, ist unbestritten. Den "Spiegel"-Beitrag macht aber die Schwäche anderer, nicht stärker.

Thomas Schmoll am 25. Oktober 2015

Ich verstecke in meinen Texten keine Sätze. Ich reihe einen Satz an den anderen, bis ich das Gefühl habe, man kann das Stück lesen und versteht, was ich mein(t)e. Um "Journalisten haben ein Glaubwürdigkeitsproblem" ging es mir nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, dazu ist schon viel geschrieben und gesagt worden. Es ging mir um die bedauerliche Tatsache, dass dieses Land einen Hang entwickelt, den Bock zum Gärtner zu machen. Mit Verlaub, letztendlich zeigt das auch Ihre Reaktion. Markwort ging es doch null um den "Spiegel", sondern seine Fußballfreunde. Statt wir uns freuen, dass der "Spiegel" die 6,7-Millionen-Euro-Frage gestellt hat, wird das Magazin angegriffen. Wie absurd ist das denn?!

Warum eine mutmaßliche schwarze Kasse im DFB, die ja durchaus die Legende vom Sommermärchen ankratzt, keine Titelstory sein soll, verstehe ich auch nicht. (Okay, die Titelzeile mag überzogen gewesen sein. Das schrieb ich ja auch.) Wie sich doch inzwischen zeigt, hat der "Spiegel" durchaus ins Schwarze getroffen. Jedenfalls glaube ich der Version des Magazins mehr als der des DFB. Wie Sie lesen, verwende ich hier auch den Begriff "durchaus", schlicht deshalb, weil ich nicht weiß, ob der "Spiegel" recht hat. Die "vielen Konjunktive", "vermutlich" und "offenbar" sind mir lieber als die unzähligen Behauptungen in diversen Blogs, die ohne journalistische Gepflogenheiten agieren, was ihnen gefällt oder was sie für "die Wahrheit" halten. Formulierungen wie "spekuliert wird" sind... Ach, vergessen wir das.

Ja, knallharte Beweise wären prima, sind immer super. Da haben Sie recht. Hier sei an den Piloten erinnert, der die Germanwings an den Berg gesetzt hat. Da wussten viele im Netz sofort, dass der amerikanische Geheimdienst dahinter gestanden habe. Denn für die Selbstmordthese fehlte der oder ein Beweis. Plausibilität zählt heute nichts mehr. Bitter.