Finger weg von Schwarz-Rot-Gold!

Von Volker Warkentin am 27. Oktober 2015

Pegida missbraucht die deutsche Flagge. Denn das Symbol der Bundesrepublik steht für Freiheit, Einheit und Demokratie – und damit für genau das Gegenteil dessen, wofür die von Neonazis unterwanderte Bewegung marschiert.

Die Pegida ist schon Zumutung genug. Dass sie Montag für Montag durch Dresden zieht, fremdenfeindliche Parolen grölt, zur Lynchjustiz aufruft und gegen die „Lügenpresse“ hetzt, überschreitet längst die Schmerzgrenze von Demokraten. Nahezu unerträglich ist es aber, dass die selbst ernannten Patrioten unter den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold marschieren. Denn es sind die Farben der Demokratie, die die brandstiftenden Biedermänner für ihre menschenverachtenden Ziele missbrauchen.

Schon im Mittelalter enthielten Symbole des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation die Farben Schwarz, Rot und Gold. In den Befreiungskriegen gegen Napoleon wurde die Kombination zum Symbol für das Streben nach Demokratie, Freiheit und nationaler Einheit: Die Kämpfer des Lützowschen Freikorps‘ trugen auf ihren schwarzen Röcken rote Streifen und goldfarbene Knöpfe. Aus dem Dunkel der Unfreiheit werde Deutschland durch blutig-roten Kampf die goldene Freiheit gewinnen, lautete die Interpretation. Gewiss auch eine martialische Botschaft. Aber sie war dem Zeitgeist geschuldet, und auch der Text der Marseillaise strotzt nicht gerade vor Menschenfreundlichkeit. Hymnen und Fahnen sind Symbole des Nationalstaats, seit eh und je der hässliche Bruder von Freiheitsrevolutionen.

Schwarz-Rot Gold war lange unterdrückt. Nach der gescheiterten Revolution von 1848, die natürlich die Farben aus den Befreiungskriegen zu den ihren machte, wurde die Fahne in Preußen 1850 verboten. Schwarz-weiß-rot waren die Farben des 1871 im Spiegelsaal von Versailles von den deutschen Königen und Fürsten gegründeten Deutschen Reichs.

In der Weimarer Republik wurden die drei Farben zum Symbol des demokratischen Staates. Die Gegner der Republik – Nazis und Deutschnationale vorneweg – machten sie als Schwarz-Rot-Senf und Schwarz-Rot- Scheiße verächtlich. Die gegen SA, Stahlhelm und kommunistischen Rotfront-Kämpferbund aufgestellte republikanische Schutztruppe nannte sich programmatisch Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Die Nazis liquidierten mit der Republik auch deren Flagge. An ihre Stelle trat die schwarz-weiß-rot gehaltene Hakenkreuzflagge. 1949 wurde Schwarz-Rot-Gold zur Flagge beider deutscher Staaten, wobei die DDR Hammer, Zirkel und Ährenkranz zur Propagierung des angeblich bestehenden Bündnisses aus Arbeitern, Bauern und Intellektuellen hinzufügte. Seit der Wiedervereinigung ist das pure Schwarz-Rot-Gold die Farbkombination der Republik.

Pegida missbraucht aber nicht nur die Nationalfarben, sondern auch die Wirmer-Flagge, die mit ihrem roten Untergrund der norwegischen Fahne ähnelt. Sie enthält ebenfalls die Kombination Schwarz-Rot-Gold und wurde von dem Zentrumspolitiker Josef Wirmer entworfen. Das Kreuz in der Flagge steht für die christliche Überzeugung des katholischen Juristen, den die Verschwörer des 20. Juli 1944 zum Reichsjustizminister machen wollten. Wirmer wurde im September 1944 hingerichtet.

Es ist eine unerträgliche Provokation, dass die von Neonazis unterwanderte Bewegung mit der Widerstandsflagge eines ausgewiesenen Antifaschisten Stimmung gegen die Demokratie macht. Die bewusste Geschichtsklitterung ist Grund genug für die kämpferische Demokratie, Pegida und anderen Haß-Predigern endlich die Zähne zeigen. Denn, so Josef Wirmers entsetzter Sohn Anton: „Es ist im Grunde die Verdrehung aller Ideen, die seine Flagge darstellt.“

Volker Warkentin, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Warkentins Wut“ jeden Dienstag.

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