Brauchen wir eine Zwangsgebühr zur Rettung der Zeitungen?

Von Volker Warkentin am 30. Oktober 2015

Der Chef des Deutschen Journalistenverbandes bringt eine Haushaltsabgabe für Printmedien ins Spiel. Trotz der Zeitungskrise ist das der falsche Weg. Denn verursacht wurde sie von den Verlagen – und genau die sollen sich gefälligst ein neues Geschäftsmodell einfallen lassen.

Eine Welt ohne Zeitungen? Das ist für viele eine unerträgliche Vorstellung– für Journalisten und andere passionierte Leser. Sie lesen bedrucktes Papier nicht, sondern saugen es geradezu auf. Angesichts schrumpfender Auflagen und Anzeigenerlöse fordert der scheidende Chef des Deutschen Journalisten-Verbandes deshalb eine Haushaltsabgabe für Zeitungen nach dem Vorbild der Rundfunk- und Fernsehgebühren. Doch da hat sich Michael Konken zum Ende seiner zwölfjährigen Amtszeit an der Spitze des DJV einen Fehlgriff geleistet.

Natürlich ist es richtig, dass die Ära der Zeitungen mit hoher Druckauflage der Vergangenheit angehört. Das Internet mit seinen unendlichen Möglichkeiten ist wie ein Tsunami über die schwarze Kunst hinwegfahren. Den Blättern und ihren Machern geht es nicht besser als vor bald 200 Jahren den schlesischen Webern, deren Existenz von mechanischen Webstühlen zerstört wurde. Konken will den Zeitungen ein ähnliches Schicksal ersparen und ihnen mit einer von den Bürgern zu leistenden Zwangsabgabe das Überleben sichern. „Ich halte es für realistisch, dass eine Haushaltsabgabe für Zeitungen, egal ob sie als Printprodukte oder online erscheinen, eingeführt wird“, sagte Konken in einem Interview des Branchendienstes kress. Nur starke Lokal- und Regionalzeitungen könnten den Bürgern die Politik am Wohnort vermitteln.

Konkens Überlegungen sind natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen, da die meisten Verlage mit ihren Online-Diensten kaum Einnahmen erzielen und nach wie vor den Löwenanteil ihres Geldes mit bedrucktem Papier verdienen. Noch gibt es, auch da ist Konken zuzustimmen, kein tragfähiges Geschäftsmodell für den Online-Journalismus. „Wichtig ist daher eine neue Art der Finanzierung.“ Wohl wahr.

Aber Konken denkt zu kurz. Die Schuldigen an der Misere sitzen in den Verlagen. Sie haben mit der „Gratis-Politik“ – also dem Verschenken der Arbeit von Journalisten – die Krise verursacht. Jetzt ist guter Rat teuer. Aber es kann nicht sein, dass nun die Öffentlichkeit für die Fehler von Verlegern und Managern zahlen muss. Die Bürger werden schon reichlich für Fehlentscheidungen von Politik und Konzernen zur Kasse gebeten – etwa bei der Energiewende.

Und überhaupt: Wenn eine Haushaltsabgabe für Zeitungen Realität wird, muss dann das Lesen zur Pflicht werden? Und wer setzt die Lesepflicht, durch, wer überwacht die Lektüre? Private Sicherheitsdienste? Die Ordnungsämter? Oder die Polizei?

Nein, die Zeitungsverlage müssen selbst sehen wie sie aus der selbst verschuldeten Lage wieder herauskommen. Ihre Oberen werden noch viel Hirnschmalz aufwenden müssen, um die frühere Boombranche wieder ans Laufen zu bringen. Der Ruf nach Vater Staat und nach neuen Subventionen ist völlig unangemessen.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, hält Zeitungen nach wie vor für zukunftstauglich. Denn mit Lesegeräten à la Kindle lassen sich im Sommer lästige Insekten nicht verjagen.

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Manfred Reinecke am 30. Oktober 2015

Es hat vor Jahren (2007-2009) eine bundesweite Initiative gegeben, an der ich verantwortlich beteiligt war. Es wurden Verlagen (mehr als 30, vom Klein- bis Konzernverlag), dem BDZV, dem VDZ etc. ein Geschäftsmodell vorgestellt, welches von allen als tragfähig und innovativ und vor allem als "mögliche" Einnahmequelle beurteilt wurde.
Nur das nötige Invest (relativ gering) haben alle gescheut und vor allem wollte keiner der erste sein.
Insofern hält sich mein Mitleid mit den Verlagen in Grenzen - mit den Journalisten fühle ich, weil sie die unternehmerische Untätigkeit oder Hochnäsigkeit der Verlage ausbaden müssen.
Im übrigen ist das Konzept unter geänderten Prämissen sicher noch umsetzbar.