Deutsche, wacht endlich auf

Von Andreas Theyssen am 30. Oktober 2015

Viele in Deutschland fühlen sich durch die Flüchtlingswelle überfordert und bedroht. So kann aber nur jemand empfinden, der in den letzten Jahrzehnten einiges nicht mitbekommen hat.

Am 19. Mai 1990 waren wir Deutschen sehr mit uns selber beschäftigt. Die Wende in der DDR, das Zusammenwachsen dessen, was zusammen gehörte, ein paar Wochen nur noch bis zur Wiedervereinigung – da konnte einem schon einmal jener BBC-Spielfilm entgehen, den die ARD damals zeigte. „Der Marsch“ hieß er und schilderte, wie sich Millionen Afrikaner wegen der Klimakatastrophe auf den Weg in die EU machen, mit Tausenden Booten übers Mittelmeer setzen und plötzlich an Europas Stränden stehen.

Wir Deutschen hätten also vorbereitet sein können auf das, was wir dieser Tage erleben: die Flüchtlingswelle. Nun gut, es war nicht die Klimakatastrophe. Es war auch nicht Angela Merkel mit ihrem „Wir schaffen das“, denn als sie diesen Satz sagte, waren die Flüchtlinge längst in der EU, nämlich in Ungarn und in Griechenland. Es war auch nicht das Wohlstandsgefälle, wie viele Flüchtlingsstrom-Apologeten Jahre lang meinten. Es war etwas, das uns in unserer deutschen Wohligkeit sehr weit weg erschien: der Krieg in Syrien. Geografisch gesehen ist Syrien dummerweise gleich um die Ecke.

Warnungen, dass es eine Flüchtlingswelle geben wird, hat es in der Vergangenheit zur Genüge gegeben. Weshalb tun wir Deutsche dann jetzt so überrascht?

Was sind wir doch ein Volk der Unbedarften. Wir leben sehr gut davon, dass wir unsere Mercedes und Maschinen in alle Welt verkaufen. Und gleichzeitig meinen wir, uns in Deutschland unberührt vom Rest der Welt einigeln zu können. Funktioniert nicht. Hat nie funktioniert, aber jetzt führen uns die Flüchtlinge das vor Augen. Täglich und zigtausendfach.

Und nun bibbern wir Deutsche. Fürchten um unsere Kultur, befürchten Überfremdung, fürchten uns vor allem, weil etwas anders ist. Nur: Ist es das wirklich? Kann es vielleicht sein, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten etwas nicht mitbekommen haben?

Deutschland war immer schon ein Einwanderungsland, was nicht sonderlich verwunderlich ist bei einem überaus wohlhabenden Staat, der in der Mitte eines Kontinents liegt. Es ist uns nur Jahrzehnte lang anders erzählt worden, vor allem von jenen konservativen Regierungen, die gleichzeitig Hunderttausende so genannter Gastarbeiter ins Land holten, um dem Arbeitskräftemangel der deutschen Wirtschaft entgegen zu wirken.

Machen wir Deutsche doch endlich mal die Augen auf und nehmen endlich wahr, was um uns herum in Deutschland passiert. Die Protagonisten der angeblich so bedrohten deutschen Kultur – sie sind zu einem großen Teil Menschen, denen das Deutschsein nicht unbedingt in die Wiege gelegt wurde. Der Augsburger Sänger Andreas Bourani („Auf uns“) – nordafrikanische Eltern. Der Schauspieler Elyas M’Barek („Fack ju Göhte“) – in München geboren, Mutter Österreicherin, Vater Tunesier. Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali – irakische Eltern. Die deutsche Literaturnobelpreisträgerin Hertha Müller – gebürtige Rumänin. Und als wir im vergangenen Jahr Weltmeister wurden in der deutschesten aller Kategorien – wem jubelten wir da zu? Mesut Özil (türkische Eltern), Miroslav Klose (gebürtiger Pole), Jerome Boateng (Vater Ghanaer), Sami Khedira (Vater Tunesier).

Schauen wir uns eine andere, sehr deutsche Einrichtung an: die Bundeswehr. 1999, während des Kosovo-Krieges, waren ihre Einheiten auch in Mazedonien stationiert, wohin sich Zehntausende Kosovo-Albaner flüchteten. Hilfsorganisationen waren überfordert, und so stampften die deutschen Soldaten binnen Tagen ein Flüchtlingscamp bei Gostivar aus dem Boden, auf dem Areal einer Müllkippe, das die mazedonischen Behörden den Flüchtlingen zugewiesen hatten. Wenn flüchtige Kosovaren in Bussen im Camp ankamen, begleiteten deutsche Soldaten sie zu ihren Zelten, trugen alten Frauen das Gepäck – und begrüßten sie in ihrer Muttersprache. Die deutschen Soldaten waren Wehrpflichtige, die – oder deren Eltern – selber aus der Region stammten.

Begeben wir uns schließlich auf das unterste Niveau – den Kindergeburtstag. Elf Freunde hat der Junior eingeladen, die meisten aus seiner Gymnasialklasse. Zwei von ihnen haben keinen reindeutschen Stammbaum, sondern kroatische oder kurdische Eltern. Keine Szene aus Berlin-Neukölln, sondern aus einer sehr durchschnittlichen süddeutschen Provinzstadt.

Nehmen wir endlich zur Kenntnis: Deutschland ist schon sehr lange ein Einwanderungsland, in das Hugenotten, Polen, Deutschstämmige von Polen bis Kasachstan, Gastarbeiter aus der Türkei und Italien, vietnamesische boat people oder bosnische Flüchtlinge kamen. Jetzt kommen eben noch ein paar dazu. Und selbst wenn es in diesem Jahr 1,5 Millionen Flüchtlinge werden sollten – das sind nicht einmal zwei Prozent der deutschen Bevölkerung. Zu wenige, um unsere Demokratie, unsere von christlichen und humanistischen Werten geprägte Gesellschaft zu verändern.

Insofern: Deutsche, macht endlich die Augen auf. Und entspannt Euch.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, ist erst durch die aktuelle Flüchtlingskrise so richtig vor Augen geführt worden, dass er selber aus einer Migrationsfamilie stammt. Die Großmutter: ins Rheinland übergesiedelte Ostpreußin. Die Mutter: Flüchtling aus der DDR. Die Schwester: adoptierte Inderin.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 107 Bewertungen (1,94 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Dominik Wichmann am 30. Oktober 2015

Ein sehr lesenswerter Text.

Cottonosi am 30. Oktober 2015

In die Galerie gehören außerdem die beeindruckenden Journalistinnen Golineh Atai (geboren in Teheran, in Hoffenheim groß geworden), Linda Zervakis (Tochter griechischer Kioskbesitzer in Hamburg) und Pinar Atalay (in Lemgo aufgewachsen als Kind türkischer Einwanderer).
Danke für diesen wohltuenden Kommentar sagt
Cottonosi (in Deutschland aufgewachsen, Vorfahren Kaschuben)

Joachim v. K. am 31. Oktober 2015

Das nennen Sie also "Kultur"?!

Andreas Theyssen am 31. Oktober 2015

Musik, Schauspiel, Literatur fallen klassischerweise unter Kultur. Bei Ihnen nicht, Joachim v. K.?

Joachim v. K. am 31. Oktober 2015

Im Sinne der geistigen, künstlerischen und gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung, NEIN, da zähle ich Andreas Bourani, Elyas M’Barek, Dunja Hayali und Mesut Özil nicht zu.

Des übrigen, wurde Klose als Sohn des deutschstämmigen Fußballspielers Josef Klose, und Herta (nicht der BSC) Müller zwar in Rumänien geboren, doch gehörte ihre Familie zur deutschen Minderheit der Donauschwaben, somit wurde ihr als der deutschen Ethnie angehörend, das "Deutschsein" eben schon in die Wiege gelegt.

Müller lernte erst im Alter von 15 Jahren die rumänische Sprache, ihre Mutter wurde (gerade wegen ihrer Deutschstämmigkeit) nach dem Zweiten Weltkrieg zu jahrelanger Zwangsarbeit in ein ukrainisches Lager deportiert, und ihr Vater war ehemals Soldat der Waffen-SS (10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“).

Andreas Theyssen am 31. Oktober 2015

Kann es sein, dass Ihr Kulturbegriff ein wenig beengt ist? Und: Wenn man "völkisch" denkt, dann haben Sie sicherlich recht. Aber eigentlich haben wir damit in Deutschland vor 70 Jahren aufgehört.

Zaunkoenigin am 3. November 2015

Mann, Mann, Mann, Herr Theyssen ... als ob Sie nicht wüssten, dass Kultur nicht nur aus Kunst besteht. So wie Sie hier diskutieren grenzt das an "Volksverdummung".

Zitat: UNESCO

„Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schliesst nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.“

Ich habe keine Lust mehr dazu noch weiter auszuholen ... es wird mit Ihnen ja sowieso nur ein sinnentstellter Schlagabtausch. Ich finde, dieses Zitat genügt.

phatterdee am 5. November 2015

Guter Artikel, mehr gibt es nicht zu sagen.
Danke 5 Sterne
Phatterdee

Andrea Marion Nierobisch am 9. November 2015

Guter Artikel… offensichtlich mitten ins Schwarze getroffen
Danke, von mir 5 Sterne

ach ... und dann hätten wir ja noch den guten deutschen Kulturbeutel Herr Joachim von K..

Die Königin der Zäune … Thema verfehlt 6 setzen … hieß das früher in der Schule. Das Thema war nicht Tennis.

Zaunkoenigin am 11. November 2015

Jupp, Frau Nierobisch .... das mit der Transferleistung ist nicht jeder Manns/Fraus Sache.

Haben Sie auch noch etwas inhaltlich zum Thema beizutragen, oder ging es Ihnen nur ums billige Stänkern?