Die Schmarotzer aus Osteuropa

Von Andreas Theyssen am 6. November 2015

Die östlichen EU-Staaten verweigern sich einer Aufnahmequote für Flüchtlinge. Und demonstrieren damit ein erstaunlich hohes Maß an Vergesslichkeit.

Pauschalisieren geht gar nicht. Einzelfälle nehmen und dann zu verallgemeinern – das ist ein ganz großes No-no. Aber Pauschalisieren ist schwer angesagt in diesen Tagen. Es sind „die“ Flüchtlinge, ganz gleich ob es sich um Wirtschaftsflüchtlinge aus Albanien, um vom „Islamischen Staat“ Vertriebene aus dem Irak oder um Fassbomben-Flüchtlinge aus Syrien handelt. „Die“ Flüchtlinge sind dann entweder kriminell oder Islamisten oder Terroristen oder Krankheitsüberträger. Oder alles gleichzeitig. Und selbstverständlich „alle“.

Eben weil Pauschalisieren in diesen Tagen so en vogue ist, machen wir es heute auch einmal. Es geht um „die“ Osteuropäer.

Die Flüchtlingskrise fordert einige EU-Staaten wie Deutschland, Österreich, Schweden und Griechenland überdurchschnittlich. Deshalb drängen diese darauf, dass die Flüchtlinge auf die gesamte EU verteilt werden, dass jedes Land nach einem Schlüssel – also abhängig von Bevölkerungszahl und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit – eine bestimmte Zahl von Flüchtlingen aufnimmt. Doch wer sagt dazu Njet? Vor allem die osteuropäischen EU-Länder Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien, die Slowakei und die baltischen Staaten. Sie lehnen Flüchtlinge ab. Basta.

Das ist bemerkenswert, denn diese Staaten demonstrieren damit ein erstaunlich hohes Maß an Selbstvergessenheit. Sie selber profitieren enorm von der europäischen Solidarität. Zum Beispiel von den Brüsseler Agrarsubventionen oder auch von den EU-Zuschüssen zum Aufbau ihrer Infrastruktur. Und in Rumänien gibt es – etwa bei Timisoara – riesige Einfamilienhaus-Neubausiedlungen, in denen an ungefähr jedem vierten Haus ein Schild mit der Aufschrift „Pension“ hängt. Ihre Besitzer haben sich ihr Eigenheim zum Teil finanzieren lassen aus einem EU-Topf zur Förderung von Landpensionen. Kurzum: „Die“ Osteuropäer nehmen sehr gerne von der EU. Aber jetzt, im Fall der Flüchtlingskrise, der EU auch mal etwas zu geben – das lehnen sie entschieden ab.

Das ist noch aus einem anderen Grund bemerkenswert. Denn diese Länder, die heute Flüchtlinge so vehement ablehnen, haben selber Jahrzehnte lang hunderttausende Flüchtlinge produziert, nämlich bis 1990, als sie Teil des sowjetischen Machtbereichs war. Und diese Länder profitierten damals davon, dass andere Länder, vor allem im Westen, diese Flüchtlinge aufnahmen.

Als sowjetische Panzer 1956 den Ungarn-Aufstand niederwalzten, flüchteten Zehntausende Ungarn in den Westen. Als 1968 das gleiche mit dem „Prager Frühling“ geschah, flüchteten Zehntausende Tschechen und Slowaken über die nahe Grenze nach Bayern und Österreich. Als 1981 in Polen General Jaruzelski das Kriegsrecht verhängte und begann, Oppositionelle zu internieren, da retten sich Zehntausende Polen in den Westen. Und in den baltischen Staaten besteht die heutige politische Elite vor allem aus den Nachfahren jener Esten, Letten und Litauer, die vor den sowjetischen Besatzern in den Westen geflüchtet waren. Zum Beispiel Estlands Staatspräsident, der in den USA aufwuchs und später in München lebte. Oder die Leiterin des KGB-Museums im lettischen Riga, die in den USA geboren wurde.

Die Weigerung der Osteuropäer, Flüchtlinge aufzunehmen, kann man kaltherzig nennen oder auch egoistisch. Sie ist aber definitiv geschichtsvergessen. Und vor allem gibt es ein drastisches Wort für Menschen (oder auch Staaten), die von anderen immer nur nehmen, aber selber nichts geben: Schmarotzer.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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c.k. am 8. November 2015

Ich finde Ihren Beitrag ja ein wenig geschichtsvergessen.
Wie lange hat es in Deutschland gedauert vom ersten Gastarbeiter zur "Willkommenskultur"? Ziemlich genau 60 Jahre von "naja, die gehen ja wieder" über "Deutschland ist kein Einwanderungsland" zu "Grenzen sind 20. Jahrhundert". 60 Jahre in denen das Thema mal mehr mal weniger Teil des Diskurses war und wir uns an den Gedanken und die neuen Mitbürger gewöhnen konnten. Und die momentane Euphorie endlich mal die Guten sein zu können, überdeckt auch vieles. In Marxloh ist nicht plötzlich eitel Sonnenschein.
Und wie sieht es bei den "Schmarotzern" (ziemlich wiederliche Wortwahl wie ich finde) aus? Die denken seit ein paar Monaten über die reale Möglichkeit nach Einwanderungsländer für Muslime zu werden und dabei werden sie fleißig beschimpft vom Aufarbeitungsweltmeister Deutschland. Ein paar Monate vs 60 Jahre...das kann man doch nicht ignorieren. Und dann Ländern die 40 Jahre unter Fremdherrschaft gelitten haben aus der Berlin diktieren zu wollen, dass Souveränität und Grenzen jetzt ausgedient haben und sie gefälligst zu machen haben, was wir für richtig halten wird nicht funktionieren. Zumal Deutschland mit der Position in Europa auch relativ einsam ist. Und es ist ja nicht so, dass im Osten die Kaltherzigkeit herrschte. Polen hat mittlerweile eine halbe Million Ukrainer und nicht wenige tschetschenische Flüchtlinge aufgenommen...aus freien Stücken.
Ich glaube Ihr Kommentar zeigt wie gefährlich Moral als Leitlinie von Poltik ist, gerade in Deutschland. Wenn wir einmal glauben auf der Seite des Richtigen, Guten, Wahren und Schönem zu stehen, machen wir keine Gefangenen mehr. So wird das nix mit Europa.