Brücke aus der braunen Vergangenheit

Von Sebastian Grundke am 10. November 2015

Hamburg bewirbt sich um die Olympischen Spiele 2024. Dafür soll der Süden Hamburgs so an die Innenstadt angeschlossen werden, wie es schon die Nazis planten.

Im Jahr 1965 sollte alles fertig sein: Der Sprung über die Elbe nach Süden mit einer Brücke, am besten eine wie die Golden Gate Bridge in San Francisco. Auch ein Hafen sollte her, der Eindruck macht: Die Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen sollten mit Prachtbauten beeindruckt werden. Das waren die Pläne der Nazis für Hamburg als Nordmetropole, als Tor zu Skandinavien. So kam es zum Glück nicht. Stattdessen baute die Hansestadt nach dem Krieg erst einmal den Neuen Elbtunnel.

Elf Brücken und zwei Tunnel verbinden Hamburg mit dem Süden der Elbe. Jene Brücke, die die Nazis planten, fehlt. Angesichts der Geschichte und der Kosten wäre eine Umsetzung auch Wahnsinn. Aus der Brücke über die Elbe ist deshalb längst der metaphorische „Sprung über die Elbe“ geworden. Unter diesem Label firmiert bei der Stadt heutzutage die nicht-feste Elbquerung. Doch die Variationen vom Masterplan der Nazis scheinen den Hamburgern immer wieder schief zu gehen. Vielleicht, weil sie das Problem nicht beim Namen nennen: Nämlich dass eben eine Brücke in Citynähe nicht nur Teil der Nazipläne war, sondern auch das Herz des richtigen Sprungs über die Elbe wäre. Denn auch wenn Hamburger sonst gerne Tacheles reden, sagen sie stattdessen lieber: „Im Elbtunnel ist ja immer Stau, nä?“

Also scheint es so, als könnte Hamburg stadtplanerisch nicht so recht mit seiner Vergangenheit abschließen: Hamburg baut mit der Elbphilharmonie seit Jahren ein teures Wahrzeichen mitten in den alten Hafen. Zuvor baute die Stadt mehrere Bürohäuser entlang der Großen Elbstraße. Sie sind wie das Konzerthaus am besten vom Wasser aus zu sehen und sehen allesamt gleich aus, wie Mietskasernen – trotzdem oder weil jedes von anderen, oft ausländischen Architekturbüros entworfen wurde. So sehen heute die Kreuzfahrtler auf der „Queen Mary“ und anderen Schiffen gleich Hamburgs vermeintlich beste Seite. Auch der Neue Elbtunnel sollte mal eine Brücke werden, nach Naziplänen am besten eine wie über den Hudson River in New York.

2013 sollte dann endlich der Sprung über die Elbe folgen, doch er misslang: Die Internationale Bauausstellung (IBA) und die Internationale Gartenschau (IGA) in und um Hamburg-Wilhelmsburg waren in der Zeit nicht erfolgreich, die Besucher blieben aus. Vor allem wurde eine Seilbahn über die Elbe dann doch nicht gebaut, denn die Bürger stimmten dagegen. Wilhelmsburg südlich der Elbe, wo viele Ausländer leben, sollte so angebunden und verändert werden – ohne Brücke.

Schon vor IBA und IGA garantierte die Stadt jahrelang jedem Studenten ein Zimmer für rund 200 Euro, wenn er nur nach Wilhelmsburg zöge. Ausländer und Bildungselite sollten sich mischen, das Viertel verändert und der soziale Brennpunkt so gelöscht werden. Doch die Förderung ist mittlerweile ausgelaufen, stattdessen zog dann die Baubehörde 2013 in ein neues Gebäude nach Wilhelmsburg um, raus aus dem alten Gebäudekomplex nahe der Stadthausbrücke, der seit langem unter Denkmalschutz steht. In ihm hatte während der NS-Zeit die Gestapo ihr Hauptquartier.

Via den weiter östlich gelegenen Elbbrücken und dem wenig bekannten Bus- und Taxitunnel geht es von Wilhelmsburg aus noch immer am schnellsten in die Hamburger City und zurück. Der Tunnel ist eine Reise wert: Hamburgs Grafittikünstler haben sich an seinen Wänden verewigt. Wer heute von Norden nach Süden hindurch fährt, bekommt so gleich das Gefühl: Es geht in ein Ghetto.

In neun Jahren soll am Ende des Tunnels, auf der Veddel und nahe Wilhelmsburg, das olympische Feuer brennen. Einen Fackelzug haben die Befürworter der Bewerbung bereits organisiert. Die sieht vor, den Kleinen Grasbrook unweit der Elbphilharmonie in der Hafen City mit einem teuren Stadion und anderen Neubauten zu pflastern. Die Veddel selbst ist zu großen Teilen ein Industriegebiet, der Grasbrook hat den Bau der Hafen City beinahe unbebaut überstanden. Deshalb scheint es so, also hätte sich Hamburg die Olympiapläne lange offen gehalten.

Ausgerechnet die US-amerikanische Stadt Los Angeles bewirbt sich ebenfalls um die Spiele. Dort verbindet die Vincent-Thomas-Brücke den Hafen mit Terminal Island, einer Insel vor der Stadt. Sie sieht der Hamburger Köhlbrandbrücke ähnlich. Nur laufen deren Pfeiler oben spitz zu, wie preußische Pickelhauben.

Stichwort Preußen: Bock auf Bismarck? In Hamburg steht noch ein Bismarck-Denkmal. Es überschaut den Hafen und grüßt gleichsam herannahende Schiffe. Der Bau überragt die um ihn herum stehenden Bäume. Es soll Architekten in Hamburg geben, die darauf warten, dass die Bäume das Denkmal überwachsen. Künstler haben vor einigen Monaten eine Steinbock-Skulptur auf dem Kopf des Denkmals platziert. Eigentlich schämt sich Hamburg für das Denkmal rot. Denn die Nazis instrumentalisierten das nationalistische Erbe des Reichskanzlers für ihre Zwecke. Manche meinen: Sie waren die logische Folge von Bismarcks Politik. Im Inneren des Denkmalsockels in Hamburg jedenfalls sollen noch ein übertünchtes Hakenkreuz und eine Karte von Deutschland in den Grenzen von 1944 hängen.

Die Hamburger Bürger dürfen am 29. November über die Olympia-Bewerbung entscheiden. Kritiker monieren, die Spiele seien zu teuer. Eine Brücke über die Elbe nahe des Zentrums wäre es sicher auch: Sie müsste auf Stelzen stehen um große Schiffe passieren lassen zu können. Ihre Pfeiler würden wahrscheinlich auf den Landzungen nahe der Hafen City und den Elbinseln ruhen.

Dann doch lieber Olympia.

Sebastian Grundke arbeitet als freier Journalist in Hamburg-Wilhelmsburg. Er ist in Hamburg geboren, zittert schon vor dem ersten Wagner-Konzert in der Elbphilharmonie und fragt sich, was er beim Volksentscheid in Sachen Olympia eigentlich ankreuzen wird.

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Zaunkoenigin am 13. November 2015

Ich würde mich als Hamburger Bürger erst einmal fragen wer das finanzieren soll und wie das mit dem aktuellen Flüchtlingsproblem, bzw. mit den damit verbundenen Kosten für die Kommunen, zusammen passen würde.

Noch ist nicht aller Tage Abend.

Sebastian Grundke am 14. November 2015

Sehr geehrter Nutzer Zaunkönigin,

vielen Dank für den Kommentar. Damit sind sie auf der Linie der hiesigen AfD, also der bürgerlichen Rechtspopulisten, die ebenfalls als erstes nach den Kosten fragen und deshalb gegen Olympia ist.

Anders als Sie andeuten, denke ich zudem nicht, dass ein Votum für oder gegen Olympia gleichzeitig ein Votum für oder gegen die Aufnahme von Flüchtlingen ist. Diese Verknüpfung lässt die Not der Flüchtlinge außer Acht und ebenso die Pläne für die Olympiabewerbung. Sie spiegelt deshalb nicht die politische Debatte wider, sondern zeichnet ein Zerrbild der Realität.

Ihren Zusatz "Es ist noch nicht aller Tage Abend" verstehe ich nicht. Könnten Sie den klarstellen?

Mit freundlichen Grüßen,

Sebastian Grundke

Zaunkoenigin am 14. November 2015

Sehr geehrter Herr Grundke,

bitte nicht "Nutzer".. wenn schon diese Anrede, dann Nutzerin.

Ich habe übrigens an keiner Stelle geschrieben, dass ich wegen der Kosten gegen Olympia bin und noch weniger, dass sich die Frage stellt "ob Olympia oder Flüchtlinge". Tz tz tz.. da lesen Sie etwas hinein was da nicht steht und ich auch nicht zum Ausdruck bringen wollte.

Sie unterstellen mir gerade ziemlich üble Gedanken. Meine Oma sagte bei so etwas gerne mal "was ich denk' und selber tu', trau' ich auch den Andren zu". Nicht doch, Herr Grundke, nicht doch. DAS hätte ich nicht von Ihnen gedacht.

In einem haben Sie Recht, ich bin gegen Olympia. Aber diese Haltung habe ich seit mehreren Jahren grundsätzlich und gleichgültig wo es statt findet und in erster Linie nicht wegen der Kosten. Aber, davon steht in meinem Beitrag nicht ein Wort.

Wie gesagt, Tz tz tz! Sie haben schlampig gelesen.

Mein "noch ist nicht aller Tage Abend" erkläre ich gerne. Ich gehe davon aus, dass Ihnen bewusst ist, dass wir auch in Deutschland (und schon gar nicht in Hamburg) einen Dukaten-(sprich Euro)-Scheißer im Schrank stehen haben. Mit anderen Worten, unsere Einkünfte sind endlich.
Mit meinem Satz wollte ich lediglich zum Ausdruck bringen, dass, selbst wenn die Bürger für die Ausrichtung von Olympia stimmen sollten, es vermutlich in der aktuellen Lage nicht soweit kommen wird, dass man diese Bauten errichtet. Vor die Wahl gestellt "Flüchtlingsunterkunft oder Brücke" (um das mal flapsig zu formulieren) wird man die Unterkunft wählen (hoffe ich doch.. denke ich doch.. gehe ich einfach mal von aus).

War das verständlich?

Ach ja, ich fand's schon fast amüsant, dass Sie mich mit meinem harmlosen Beitrag doch gleich in die AfD-Ecke geschubst haben. Sollten Sie Vorurteile haben?

Sebastian Grundke am 14. November 2015

Sehr geehrter Nutzer Zaunkönigin,

Ich möchte Sie bitte an die im Netz generell gültigen Netiquette erinnern. Bitte unterlassen Sie also in Zukunft Kommentare in diesem Tonfall und von oben herab und bleiben sie sachlich. Ihr erster Kommentar deckt sich mit der AfD-Position zum Thema. Meine Einordnung in der Hinsicht war also korrekt.

Des Weiteren ist ihr Kommentar im Hinblick auf die Flüchtlinge Off-Topic, also nicht zum Thema. Wenn sie über die Flüchtlingskrise diskutieren wollen, tun sie das bitte in den Kommentaren der Kollegen zum Thema.

Wenn Sie beides zuklünftig nicht trennen können, ihren Ton nicht ändern und nicht sachlich bleiben, sondern mich weiter persönlich angreifen, werde ich ihre Kommentare zukünftig löschen.

Mit freundlichen Grüßen,

Sebastian Grundke

PS: Ihr Pseudonym lautete früher auf eine männliche Endung. Zudem ist es so, dass sie hier anonym schreiben und in der deutschen Sprache ist die männliche Form üblich in diesen Fällen.

Zaunkoenigin am 14. November 2015

Sehr geehrter Herr Grundke,

wer hier unsachlich wird, möchte ich mit Ihnen nicht diskutieren. Ebenfalls nicht, wer von Oben herab argumentierte. Es ist aus meiner Sicht auch nicht diskussionsfähig, wer nicht in der Lage ist Inhalte zu erfassen.

Ehrlich gesagt (um es kurz zu machen) fand ich Ihren ersten Kommentar schlichtweg unverschämt und unsachlich. Ich habe mich bemüht der Netiquette entsprechend sachlich zu bleiben. Dass ich mir eine gewisse Ironie nicht verkneifen konnte und wollte, sollten Sie eher dankbar annehmen und sich nicht noch weiter vergaloppieren.

Mein Pseudonym endete hier noch NIE mit der männlichen Endung. Ich fürchte, auch hier verrennen Sie sich. Bemühen Sie doch selbst einmal der Suchfunktion Ihres Forums und behaupten Sie nicht etwas, was nicht der Wahrheit entspricht.

Ach ja.. ICH wollte nicht über Flüchtlinge diskutieren. Wie gesagt, Sie sinnentstellen meinen Beitrag und dagegen verwahre ich mich!

Und nun viel Vergnügen beim Löschen. Dann sollten Sie aber konsequenter Weise auch Ihre erste Antwort an mich löschen.

Ich werde mir erlauben von diesem Disput einen Screenshot zu erstellen. Schon alleine deshalb, damit mir nicht erneut das Wort in der Tastatur herum gedreht werden kann.

Sebastian Grundke am 14. November 2015

Sehr geehrter Nutzer Zaunkönigin,

vielen Dank für Ihren Hinweis mit dem Nutzernamen. Bitte bleiben Sie dennoch beim Thema: Das lautet hier Olympia, Stadtentwicklung, Stadtgeschichte, Olympia und die Politik der Hansestadt in dieser Hinsicht.

Mit freundlichen Grüßen,

Sebastian Grundke

Zaunkoenigin am 15. November 2015

In Hinblick auf die Netiquette kann ich leider nicht schreiben was ich von Ihrer Antwort halte. Ich bedaure das sehr.

Sebastian Grundke am 15. November 2015

Sehr geehrter Nutzer Zaunkönigin,

Ihre Kommentare sind uns immer willkommen!

Mit freundlichen Grüßen,

Sebastian Grunkde

Zaunkoenigin am 15. November 2015

das las sich von Ihnen schon deutlich anders.

MfG
Nutzer/IN .. wie's der Nick schon sagt.

Irgendwie kann ich mir die Frage nicht verkneifen... "welches Kraut hatten Sie heute Nacht geraucht"?