Wo die Recherche der Leser an ihre Grenzen stößt

Von Falk Heunemann am 12. November 2015

Das Recherchekollektiv Correctiv setzt für die Recherche in der Sparkassen-Schattenwelt nun auf die Crowd. Ein spannendes wie sinnvolles Projekt – wenn da nicht zwei Probleme wären.

Es ist gut zwanzig Jahre her, da erschütterte die Universitätsstadt Jena der erste Finanzskandal ihrer noch jungen kapitalistischen Geschichte: Die örtliche Sparkasse hatte in den nicht einmal vier Jahren seit der Wende gut 300 Millionen Schulden angehäuft, vor allem durch zu windige Kreditvergabe. Die Städter waren empört, die Kommune musste für die Verbindlichkeiten einspringen und ging dabei, trotz Carl Zeiss, Jenoptik und Universität, fast pleite. Heute ist der Skandal in der Stadt wieder nahezu vergessen: Die Bank bezeichnet sich als „verlässlichen Partner vor Ort“ und hat 140.000 Kunden.

Bundesweit gehören die mehr als 400 Sparkassen zu den Institutionen, die das höchste Vertrauen genießen – trotz der Sparkassenskandale in Stendal, Halle, Schwetzingen, Köln, Menden oder Duisburg, trotz der Pleiten und der Milliardenverluste ihrer Landesbanken WestLB, LBBW, BayernLB oder HSH. Und trotz der vielen geprellten Lehman-Omas. „Weil wir anders sind als andere Geldinstitute,“ sagt der Sparkassenverband.

Insofern hat sich das Recherchekollektiv Correctiv (zusammen mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“) genau die Richtigen vorgenommen, um deren eigenen Anspruch mit der Wirklichkeit abzugleichen. Möglichst von allen Sparkassen, so das Ziel, sollen die Finanzzahlen zusammen getragen werden, darunter Mitarbeiterzahlen, Kundenbestand, Umsatz und Vorstandsgehälter. Weil das aber ein zu großer Datenberg wäre, um von einigen wenigen durchwühlt werden zu können, haben sie die Internetnutzer um Hilfe gebeten. Ein Daten-Crowdfunding sozusagen. „Ich hatte den Eindruck, dass ich allein an Grenzen stoße“, sagt FAZ-Wirtschaftsredakteur Hanno Mußler auf der Projektseite Crowdnewsroom.org. Eines der Rechercheziele: „Welche Sparkasse ist am gefährdetsten und könnte umkippen?“

Ein nicht nur überfälliges, sondern auch gleich doppelt nützliches Projekt. Zum einen nimmt es sich das Sparkassen-Unwesen vor – ein riesiges Bankenkonglomerat in Deutschland, das sich ungestraft als gemeinnützig und anti-kapitalistisch präsentieren kann, und so immer noch so tut, als hätte es mit der Finanzkrise nie, also kein bisschen etwas zu tun gehabt. Und obwohl immer wieder die Kommunen, also die Steuerzahler, Millionen nachschießen mussten, weil diese laut eines Sondergesetzes eine Gewährträgerhaftung für die Banken haben, ohne zugleich wirkliche Mitspracherechte zu haben.

Zum zweiten ist das Projekt spannend, weil es die Crowd nicht nur einbezieht, sondern sie auch explizit im Recherchieren schulen will. Die Correctiv-Journalisten bekommen damit nicht nur valide Daten, sondern vermitteln ihren Kritikern im Netz auch, wie Journalisten arbeiten. Nämlich mit Akribie, Ausdauer und viel handwerklicher Ausbildung. Das dürfte für mehr Verständnis sorgen bei so manchen, die Medien sonst so gerne schelten.

Allerdings: Die Idee, eine Crowd einzusetzen, ist nicht nur nicht neu. Anders als ihre Vorbilder kann sie nicht wirklich klar machen, welchen Nutzen die Crowd davon hat – abgesehen vom allgemeinen Dienst an der Öffentlichkeit. Nehmen wir als Gegenbeispiel doch nur die unzähligen Rechercheure auf Plattformen wie Vroniplag. Sie hatten die Verlockung, bei erfolgreicher Suche falsche Promotionen von Politikern entlarven zu können, etwa die von Promi-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg, der EU-Abgeordneten Silvana Koch-Mehrin oder Bildungsministerin Annette Schavan. Sie konnten sich fühlen als virtuelle Davids, die die Goliaths aus Berlin und Brüssel besiegen konnten.

Bei Correctiv wissen die Mitmacher am Ende nur, wieviel ihr Sparkassendirektor mehr verdient als die Kanzlerin.

Das zweite Problem: Trockene Zahlen – wie zu hohe Vorstandsgehälter und zu geringe Eigenkapitalquote – allein werden am Ende nicht das Vertrauen in die Sparkassen erschüttern. Zum journalistischen Handwerk gehörte es daher auch, daraus Geschichten zu fabrizieren, die das Abstrakte für Leser fassbar machen.

Ein Punkt etwa, den Correctiv zum Beispiel fahrlässigerweise vernachlässigt, ist die Behauptung, wie stark sich die Sparkassen in ihrer Region engagieren. Damit nämlich rechtfertigen sie die Gewährträgerhaftung oder auch höhere Gebühren und niedrigere Erträge. „Ein wesentliches Anliegen unseres Hauses ist die Unterstützung von regional tätigen und gemeinnützigen Vereinen,“ schreibt etwa die Sparkasse Jena-Saale-Holzland heute. Nun gut, aber was heißt das? 530.000 Euro hat sie laut ihren Geschäftsbericht 2014 für Spenden und Sponsoring (Werbung bei Veranstaltungen und Vereinen) ausgegeben. Das klingt nicht mehr so viel, wenn man die Bilanzsumme von 1,87 Milliarden Euro dagegen stellt. Oder wenn man bedenkt, dass das pro Kunde nicht einmal vier Euro pro Jahr sind.

Oder: Der Jahresbericht des Sparkassen-Dachverbandes DSGV behauptet, dass insgesamt 0,5 Milliarden Euro im Jahr 2014 in die Förderung von Sport, Kultur und Wissenschaft geflossen sind. Ist das viel, bei einem Jahresgewinn von 4,8 Milliarden Euro? Und bei einer Bilanzsumme von über 1127 Milliarden? Das ergibt rund eine Million pro Sparkasse oder nur 10 Euro je Kunde – im Jahr.

Und überhaupt: Stimmt es eigentlich, dass die Sparkassen tatsächlich so viel dafür ausgeben? Wer bekommt das Geld in der Masse? Wirklich vor allem Kindergärten und Sozialvereine – oder vor allem Werbeträger wie die Profifußballteams des 1. FC Köln, FSV Mainz, Werder Bremen, Bayer Leverkusen und andere mehr?

Das wäre doch mal eine schöne Rechercheaufgabe für Correctiv und die Crowd.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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David Schraven am 12. November 2015

Lieber Falk,

danke, dass Du dich mit unserer Recherche auseinandersetzt. Das freut uns natürlich sehr.

Ich sehe kein Problem darin, dass wir uns im ersten Schritt nur mit den Zahlen auseinandersetzen. Das ist die erste Arbeit.

Im nächsten Schritt werden aus den einzelnen Zahlen Geschichten. Dann nämlich, wenn man die Fakten beisammen hat. Dann macht es Sinn zu sehen, wie die Sponsorensummen zu den Gehältern und Gewinnen passen.

Oder die Parteizugehörigkeit der Gremien zu den Sparkassen finanzierten Festen.

Wir vernachlässigen überhaupt nicht, wie die Sparkassen sich in der Region engagieren. Im gegenteil, wir gehen das alles an.

Aber, wie Du schon sagtest, zuerst kommt die trockene Zahlenrecherche, bevor es saftig werden kann.

Du machst den Vergleich zu Vroniplag auf. Da stand auch nicht als erstes der Skandal im Raum, sondern vielmehr die trockene Literaturrecherche.

In diesem Sinne,

Danke für die kritische Begleitung.

Grüße David

Falk Heunemann am 12. November 2015

Hallo David,
um keinesfalls missverstanden zu werden: Ich finde das Projekt gut, hilfreich sowie lehrreich. Mich stört auch nicht, dass es die trockene Faktenrecherche beinhaltet. Das muss in der Tat mehr und intensiver geschehen. Der Unterschied zu Vroniplag allerdings ist: Dort hatten die Mitmacher ein deutlich klareres Ziel vor Augen, eine Belohnung für ihre Recherche: Sie könnten einen prominenten Politiker entlarven.
Ein ähnlich deutlicher Benefit ist bei eurem Projekt leider nicht dargestellt. Eure bislang kommunizierten Ziele wie "Wir wollen die Durchschnittsangaben des Sparkassenverbandes faktchecken" oder "Wir wollen sehen, welche Sparkasse bald Millionenhilfen von den Kommunen benötigen könnte" sind deutlich abstrakter und akademischer. Sparkassen sind deutlich anonymer und lokaler und für Nichtkunden weniger interessant als größere Institutionen und Politvertreter
Das heiß nicht, dass es sich nicht lohnt, die Fragen zu beantworten (siehe Einstieg). Sie haben für Interessenten nur deutlich weniger Sexappeal, um dabei mitzumachen.

Deswegen aber nochmal: Alles Gute, und bleibt dran.

David Schraven am 12. November 2015

Hallo Falk,

den Punkt kann ich gut nachvollziehen. Da schrauben wir dann mal dran. UNd werden hoffentlich besser.

Dank Dir!!

Grüße David

Klaus am 14. November 2015

"Zum zweiten ist das Projekt spannend,..."

Da heute bei Journalisten jeder Pups "spannend" ist, sagt das gar nichts mehr aus.
Ich hör inzwischen zu lesen uaf, wenn dies armselige Füllwort auftaucht.

Komisch, dass immer wieder "spannend" herhalten muss.
Geht doch mal auf "synonyme.woxikon.de", wenn Ihr selbst kein Sprachgespühr und einen zu kleinen Wortschatz habt.

Falk Heunemann am 14. November 2015

@Klaus
Vielen Dank für Ihre Sprachkritik, da haben Sie natürlich Recht, dass "spannend" keinesfalls inflationär verwendet werden sollte. Andererseits spricht auch nichts dagegen, es ab und zu zu verwenden. Erst recht zur Beschreibung eines Projekts, dessen Entwicklung und Ergebnisse beobachtenswert sind.
Schade, dass Sie inzwischen so sensibel sind, dass bereits ein Ihnen nicht gefallendes Wort ausreicht, um Sie vom Weiterlesen abzuhalten.Vielleicht entgehen Ihnen ja dadurch Argumente und Meinungen, die Sie a) bemerkenswert oder b) Widerspruch verdienen.
Mit freundlichen Grüßen

Falk Heunemann

Zaunkoenigin am 14. November 2015

Herr Heunemann, "spannend" wird seit einigen Jahren in Wirtschaft und Industrie dann verwendet, wenn dem Mitarbeiter irgend ein Mist der in der Regel ihm noch zum Nachteil gerät als besonders begrüßenswert untergejubelt werden soll. Ich kann also die Kritik in gewisser Weise nachvollziehen.

Nicht desto Trotz bedanke ich mich für Ihren Artikel und dem damit verbundenen Hinweis bzw. den eingebundenen Links. Ich finde das zwar nicht spannend, aber hoch interessant und werde mir diese genüsslich zu Gemüte führen. Denn.. mir sind sie alle neu .. und die erste Sichtung ergab ... für mich interessant.

Ich mag übrigens Zahlen .. und manchmal finde ich sie - in der richtigen Kombination betrachtet - "spannend" ;-)

Lothar Huber am 18. November 2015

"Und obwohl immer wieder die Kommunen, also die Steuerzahler, Millionen nachschießen mussten, weil diese laut eines Sondergesetzes eine Gewährträgerhaftung für die Banken haben, ohne zugleich wirkliche Mitspracherechte zu haben."

Kritische Recherche ist das eine, Unwahrheiten verbreiten das andere.

Die Gewährträgerhaftung gibt es schon lange nicht mehr!

Mit einer sorgfältigen Recherche wäre dieser Fehler nicht passiert....

Falk Heunemann am 18. November 2015

@Lothar Huber,
die Gewährträgerhaftung für bestehende Ausfallrisiken gibt es auch weiterhin. Entscheidend ist das Emissionsdatum z.B. des Kredits, Hypothek oder der Anleihe. Für Emissionen vor Juli 2001 besteht die Gewährträgerhaftung weiterhin unbeschränkt, danach entstandene (bis 2005) unterliegen bis Ende 2015 der Gewährträgerhaftung. Das nicht präziser dargestellt zu haben ist in der Tat ein Versäumnis, vielen Dank für den freundlichen Hinweis.