Dazulernen im Angesicht der Katastrophe

Von Martin Benninghoff am 18. November 2015

Die Anschläge von Paris sorgen für die immer gleichen Reflexe von Politikern und Publizisten. Zwei Überlebende des Massakers in der Konzerthalle Bataclan zeigen, wie es besser geht.

Dies wird ein kurzer Text über Reflexe. Und über Julia und Thomas. Die beiden Kölner konnten dem Massaker in der Pariser Konzerthalle Freitagnacht mühsam entrinnen. Als sie sich am Sonntag – im übertragenen Sinne – noch die Splitter und den Staub der Katastrophe von der Kleidung putzten, sich nach wenigen Stunden wieder ins normale Leben aufmachten, sagten sie, gut, dass wir noch leben; aber schon der zweite Satz war die klare Ansage, dass niemand nun meinen sollte, gegen Flüchtlinge zu wettern oder gegen Muslime, nur weil die Täter Islamisten waren oder weil einer über eine Flüchtlingsroute nach Europa eingesickert sein könnte.

Ach Gott, wie gerne würde man das den Markus Söders oder den Matthias Matusseks dieser Welt zurufen. Die reflexhaft vom Terror radikalisierter Islamisten auf große Gruppen wie die der Muslime oder der Flüchtlinge schließen, und wo sie nicht gleich schließen, so doch ein Assoziationsnetz aufspannen, das Reflexe bei Wählern oder Lesern auslösen soll. Alleine die unbestreitbare Möglichkeit, dass sich unter den vielen Tausend Flüchtlingen auch einzelne Islamisten nach Europa einschleichen könnten, wird als Vehikel der generellen Zuwanderungskritik missbraucht.

Den Sündenböcken, den Muslimen, bleibt da nur noch hölzerne Gegenwehr. „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ ist ein solch schlapper Satz, der so monokausal auch gar nicht stimmt. Aktuell ist er selten zu hören, aber die Distanzierungen gehen munter weiter. Die Türkische Gemeinde sagt: „Wir Muslime müssen den Terror jetzt für jeden laut hörbar verurteilen“, und acht muslimische Verbände verkünden unisono, die Muslime stünden gegen Terror und jede Form von Gewalt.

Als wenn man das betonen müsste. Es ist ein Reflex des vorauseilenden Gehorsams in einer Öffentlichkeit, die Schuldige sucht. Nicht nur, dass Muslime ohnehin ein denkbar schlechtes Image bei manchen Zeitgenossen haben, nein, nun sind die Attentäter auch Muslime, und sie berufen sich auf den Islam. Das führt zu der absurden Situation, dass sogar ein Verein wie der „Liberal-Islamische Bund“, ein kleiner Verein säkularer und liberaler Muslime – ungefähr so weit weg vom Terror wie die evangelische Gemeinde nebenan –, sich nun in mehreren Pressemitteilungen von den Anschlägen distanziert. Wenn wir schon so weit sind, dann sollte sich auch die IG Metall davon distanzieren.

Psychologisch mag man eine solche Reflexspirale erklären können. Aber da wir nun alle an diesem Punkt angekommen sind, sollten wir den weiteren Reflex unterbinden und die Muslime nicht pauschal zu Schuldigen dieser Radikalisierung machen. Auch einem Söder, auch einem Matussek stünde die intellektuelle Größe zu Differenzierung und Präzision gut zu Gesicht. Gerade Menschen der Öffentlichkeit sollte das ein besonderes Anliegen sein, wenn schon der Verstand am Stammtisch gelegentlich aussetzt.
Präzise sein heißt:

(1) Lasst uns die Muslime unter uns nicht pauschal unter Generalverdacht stellen.
(2) Lasst uns den islamischen Verbänden beim Kampf gegen Radikalisierungen einzelner Mitglieder oder von deren Kindern helfen. Vielerorts herrscht in den piefigen Moscheeverbänden blanke Hilf- und Ratlosigkeit, wie man den charismatischen Internetpredigern aus der salafistischen Szene etwas entgegensetzen kann.
(3) Gemeinsam mit solchen Moschee- und Islamverbänden lässt es sich besser gegen die wenigen, aber straff organisierten Islamisten- und Salafistengruppen angehen.

Wenn sogar Überlebende eines islamistischen Attentats die Größe aufbringen, zu differenzieren und präzisieren, statt sich nur ihren Reflexen hinzugeben, dann gibt es für Leute wie Söder oder Matussek keine Entschuldigung. Julia und Thomas waren einfach nur Konzertbesucher, und sie sind intellektuell manchem Politiker und manchem Publizisten meilenweit enteilt.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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Christian am 18. November 2015

Kann ich unterschreiben und um ein weiteres, ziemlich berührendes Beispiel ergänzen (http://bit.ly/1QtPQ6A). Allerdings halte ich Kommentare wie diesen grundsätzlich für ähnlich überflüssig wie die der muslimischen Verbände. Natürlich steht es außer Frage, dass man Flüchtlinge jetzt nicht unter Generalverdacht stellen kann - schließlich sind selbst i.d.R. Opfer der gleichen Terrororganisation. Es dürfte darüber hinaus aber auch unstrittig sein, dass ISIS seine Kämpfer seit Monaten dazu aufruft, die Flüchtlingskrise systematisch für die Einreise nach Europa auszunutzen. Hier fehlt mir dann häufig der Wille zur Erkenntnis, dass sich unter den Einreisenden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ISIS-Kämpfer befinden. Es wäre aus meiner Sicht unentschuldbar diese Situatuion nicht genau zu analysieren und entsprechende Maßnahmen zu treffen. Die Sachlichkeit, die sich viele von denen wünschen, die jetzt gegen Flüchtlinge im allgemeinen wüten, würde ich mir auch von denen wünschen, die - zurecht - genau dagegen Front machen.

Martin Benninghoff am 18. November 2015

Dem kann ich mich ja anschließen. Ich hielt und halte es eben nur für eine Binse, dass der "IS" möglicherweise auch Flüchtlingsrouten fürs Einschleusen von Terroristen nutzen könnte - das ist klar. Aber ebenso klar ist auch: Das gehört natürlich zur vernünftigen Analyse der Situation.