Nerds können Terroristen nicht stoppen

Von Falk Heunemann am 19. November 2015

Das Hackerkollektiv Anonymous will nun in den virtuellen Krieg gegen die Islamisten des „Islamischen Staates“ ziehen. Das Netz jubelt – leider zu früh.

Das flimmrige Youtube-Video klingt martialisch: „Wisset, dass wir Euch finden werden“, sagt dort ein Sprecher an die Adresse der Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) gerichtet. Er trägt dabei die inzwischen berühmte weiße Guy-Fawkes-Maske, das Erkennungszeichen der Hackeransammlung „Anonymous“. „Das ist eine Kriegserklärung.“ Im Hintergrund laufen Nachrichtenbilder von der Nacht der Anschläge in Paris.

Oha: Anonymous, das ist die Boygroup für Millionen Millenials, ein führungsloses, anonymes, globales Kollektiv von Hackern, die sich die größten Gegner vornehmen und sie mit den Mitteln des Internets besiegen wollen.

Nun wirkt diese Ankündigung nicht nur merkwürdig, weil diese Netzanarchisten-Gruppe sich mit Masken von Guy Fawkes schmückt, der aus religiösen Gründen einen Bombenanschlag auf das britische Parlament geplant hatte. Und, ganz nebenbei, deren Verkaufserlöse dem US-Konzern Time Warner zufließen.

Es ist auch zu schön: Anonymous verspricht, vom Rechner aus das Böse in der Welt besiegen zu können, ohne Blutvergießen, ohne Schusswechsel, ohne einen Fuß vor die Tür setzen zu müssen. Keine Debatten mehr über Bundeswehreinsätze, kein politischer Streit über den „Preis der Freiheit“, Armeen wären überflüssig, Kasernen würden zu Rechenzentren, Bits statt Panzer, DoD-Attacken statt Drohenangriffe. Das ist der pazifistische Traum des Internetzeitalters.

Sicher, die Anonymous-Hacker könnten einiges erreichen: Wenn sie etwa die Social-Media-Kanäle der Islamisten kappen, schwächen sie ISIS/Daesh, die auch übers Internet ihre Anhänger und Täter rekrutieren. Ähnliches hatten sie bereits nach den Terroranschlägen gegen die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ unternommen.

Allerdings: Schon das Beispiel von „Charlie Hebdo“ zeigt zugleich die Grenzen auf. Das Hacken von Twitter-Kanälen und die Veröffentlichung von Namen seiner Unterstützer seit Januar haben die Terroristen nicht davon abhalten können, innerhalb weniger Monate in Paris erneut zuzuschlagen. Sie rekrutieren weiter. Denn wer die Berichte ehemaliger ISIS/Daesh-Anhänger hört, dem wird auffallen, dass die ersten Kontakte zu den Extremisten oft nicht übers Internet entstanden, sondern durch Begegnungen und persönliche Gespräche mit extremistischen Imamen und anderen Islamisten. Social Media verstärkte ihren Gesinnungswandel dann. Den Zufluss neuer Täter wird Anonymous also allenfalls verlangsamen, aber nicht stoppen können. Die Daten potenzieller Anhänger zu veröffentlichen, ist auch problematisch: Es drohen Hetzjagden auf unschuldige Moslems.

Noch schwieriger wird es mit dem Geldzufluss. Die Islamisten finanzieren sich nicht wie Al Quaida vor allem durch externe Geldgeber, sondern vorrangig durch den Verkauf von Öl – laut der Nachrichtenagentur AP sind das monatlich 50 Millionen Dollar. Sprudelnde Quellen lassen sich nicht so leicht vom heimischen Rechner aus stoppen wie digitale Bankkonten.

Womöglich könnte Anonymous noch frühzeitig Hinweise auf geplante Anschläge entdecken. Aber was tun sie dann damit? Veröffentlichen, wie sie es bislang mit allen Daten gemacht haben? Das löst nur Panik aus und verstärkt die Ängste in der Bevölkerung – das ist, was die Terroristen erreichen wollen. Geben sie die Hinweise an die Behörden weiter? Dann müsste Anonymous ja plötzlich mit staatlichen Institutionen kooperieren, mit der Polizei und den Geheimdiensten. Das widerspräche allem, wofür Anonymous stehen will.

Seit gut zwölf Jahren gibt es dieses lose Hackerkollektiv. Anonymous-Aktionen richteten sich gegen Scientology, Visa-Card, Mastercard, Sony, Monsanto, die Filmindustrie und gegen mexikanische Drogenkartelle. Sie alle gibt es, trotz martialischer Ankündigungen, immer noch.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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Zaunkoenigin am 19. November 2015

.. und dennoch kann der Versuch nicht schaden und dennoch halte ich jede noch so kleine Störung dieser Verbrechergruppe für hilfreich und das hier

*Sprudelnde Quellen lassen sich nicht so leicht vom heimischen Rechner aus stoppen wie digitale Bankkonten.* .. ist so nicht ganz korrekt. Oder glauben Sie, dass die Einnahmen aus den sprudelnden Quellen via Banknoten von Hand zu Hand gereicht werden? Oder läuft das nicht doch vielmehr über Konten?

Falk Heunemann am 19. November 2015

@Zaunkönigin
Doch, das halte ich schon für korrekt. 1) Ich schrieb nicht, dass es unmöglich ist. 2) Es ist ein Unterschied, ob man Geldzuschüsse aus dem Ausland bekommt oder eine wertvolle Ware wie Öl zum Verkauf anbieten kann (Wobei Al Quaida zum Teil Drogen verkaufte) 3) Es gibt zahlreiche Länder, die an billigem Öl interessiert sind und bei denen die Zahlung zum Beispiel geschieht durch die Lieferung von Waffen - Öl ist dann sozusagen das Zahlungsmittel. 4) Geldzahlungen für illegale Öllieferungen geschehen inzwischen etwa über unbegrenzt aufladbare Prepaidkarten, über alternative Internetbanken, verschlüsselte dezentrale Alternativwährungen wie Bitcoin, die über keine Banken und Zentraldienste (Paypal, Money Transfer) abgewickelt werden u.ä. - das macht es für Hacker und auch Geheimdienste deutlich schwerer als noch vor 14 Jahren, nach 9/11.

Zaunkoenigin am 19. November 2015

Ja, Herr Heunemann, das macht es schwerer, bzw. schränkt es ein. Alles was online abläuft (auch die nicht gängen Wege) lässt sich knacken und etwas anderes haben die Hacker auch nicht im Fokus. (die unbegrenzt aufladbaren Prepaidkarten waren mir allerdings neu)

Falk Heunemann am 19. November 2015

@Zaunkönigin: Um etwas zu knacken, muss man aber wissen, wo die Finanzströme verlaufen, um an den Knotenpunkten ansetzen zu können. Das ist bei dezentralen, verschlüsselten Währungen wie Bitcoin etwa fast unmöglich.
Ich sage ja auch nicht im Kommentar, dass Hacker keinerlei Effekt haben werden im Kampf gegen Terroristen. Ich warne nur vor zu viel Euphorie und naiven Erwartungen.

Zaunkoenigin am 20. November 2015

Herr Heunemann .. Ich denke, ohne "das Pfeifen im finsteren Walde" (für etwas anderes halte ich Euphorie nicht) würde man gar nicht erst anfangen diesen Gewaltsmoloch zu bekämpfen. Deshalb würde ich nicht dazu neigen Versuche die sicherlich nicht das ganze System zum Erliegen bringen werden klein zu reden. Nicht mutlos machen - jeder sollte an der Stelle an der etwas tun kann das auch tun. Sand im Getriebe hat schon so manches System früher oder später zum erliegen gebracht.

Und dieses "fast unmöglich" gerade im IT-Securitiy-Bereich habe ich schon mehr als einmal gehört. Und mehr als einmal hat sich das Gegenteil heraus gestellt. Das liegt meist noch nicht einmal an der Technik sondern am Menschen an sich. Ja, es ist eine Sisyphusarbeit und man weiß nie wie erfolgreich die Suche am Ende sein wird. Und? Haben Sie andere zielführende Vorschläge? Hat die Arbeit der Geheimdienste, des Militärs und Polizei bisher aus gereicht?

phatterdee am 29. November 2015

Unter den Taliban war mit Todesstrafe veroten Drogen Anzubaum (Mohn), erst unter der NATO wurde Afganistan zu einem der größten Opium Exportöre der Welt. Es ist Fackt das Deutsche Soldaten Mohnfelder bewacht haben. Ich weiß hab das jetzt keinen Tollen link der zur Hannoversche Allgemeine Zeitung verweist nur zu Wikileaks aber die sind ja keine Quelle *Zwinker*