Was ISIS und die Linkspartei gemeinsam haben

Von Falk Heunemann am 26. November 2015

Medien fühlen sich seit Neuestem in der Pflicht, die islamistischen Terroristen mit dem Schimpfwort Daesh zu betiteln. Das aber ist kein Journalismus mehr, sondern Kulturkampf.

Es ist gefühlt allenfalls ein paar Tage her, dass Unions-Politiker gern von Gestern sprachen. Wann immer es um jemanden ging, der Mitglied der Linkspartei war, da nannten sie diese nicht etwa Linke oder Linkspartei. Für die Konservativen war das weiterhin die PDS, wahlweise auch die Ex-SED (gern auch ohne Ex-). Nicht etwa, weil sie nicht mitbekommen hätten, dass die „Die Linke“ spätestens seit 2007 nunmal so hieß. Sondern weil sie ihre politischen Gegner und deren Sympathisanten damit ärgern, beleidigen, schmähen wollten.

Das Falschnamen-Phänomen haben nicht nur Politiker praktiziert. Springer-Medien wie „Bild“ und „Welt“ bezeichneten den 1949 gegründeten Staat DDR zunächst lange als „Sowjetzone“, später setzten sie die drei Buchstaben in Anführungszeichen – bis 1989. Ein Staat, der Mitglied der Uno war, dessen Vertreter sich mit Westpolitikern trafen, der internationale Verträge unterschrieb und der eine viel zu befestigte Grenze besaß – diesen Staat wollten also sie nicht anerkennen, sondern ihn für seine Existenz bestrafen. Die Anführungszeichen waren politische Zeichen, keine journalistischen.

An diese – heute lachhaft wirkenden – Beispiele muss man in diesen Tagen wohl mal wieder erinnern. Denn seit den Anschlägen in Paris ist in den Medien eine merkwürdige Debatte entbrannt: Wie soll man die Terroristen eigentlich nennen? Nun kann man darüber in der Tat ausführlich streiten, welcher Begriff, welche Abkürzung oder auch welche Eigenbezeichnung die Richtige ist. IS, ISIS, ISIL, Ex-Al-Kaida und einige andere mehr sind im Gespräch, je nach historischem Zeitpunkt, politischer Richtung und geografischer Ausdehnung der Islamisten.

Nun ist aber ein neuer Name aufgetaucht, bei dem es um Anderes geht: Daesh (auch Daesch, Daish oder Daisch). Transparenterweise offenbaren diverse Medien auch gleich ihr wahres Motiv für dessen Verwendung: „Warum der Name ‘Daesch’ den Islamischen Staat ärgert“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ zum Beispiel. „Die Terrormitglieder des IS finden Daesh despektierlich und wehren sich dagegen, so bezeichnet zu werden“, heißt es im sonst so nüchternen Deutschlandradio. Ausländische Medien stehen dem in nichts nach: „Isis will hate it if we start calling them Daesh“, titelt etwa die britische Tageszeitung „The Independent“. Und die konservative „Washington Post“ erklärte: „Members of the Islamic State find the term intolerable.“

Daesh, so haben es Sprachwissenschaftler erklärt, klingt im Arabischen höchst abfällig und beleidigend, auch wenn es formal die romanisierte Abkürzung ist für das arabische ISIS, also “Islamischer Staat im Irak und Syrien“. So ähnlich, als würde man die Thüringer Sozialdemokraten öffentlich nur noch „ThUSSIs“ nennen. Oder Unionspolitiker vom Rhein als „Urhin“.

Den Impuls zu dieser Deash-Lawine hatte der französische Präsident Francois Hollande gegeben, als er in seiner Rede nach dem Anschlag sich weigerte, die Terroristen IS, ISIS oder wie auch immer zu nennen. US-Außenminister John Kerry griff die neue Wortwahl auf. Die beiden dürfen das, sie sind Politiker, die nicht nüchtern formulieren und nach Objektivität und Unabhängigkeit streben müssen. Medien allerdings schon.

Sicher, auch Journalisten sind nicht frei von National- und Betroffenheitsgefühlen. In ihrer Berichterstattung müssen sie diese nicht verschweigen, aber mindestens reflektieren und skeptisch hinterfragen. Und sich nicht einspannen lassen in einen Krieg der Worte, mit dem Politiker einen echten Krieg vorbereiten wollen.

Journalisten müssen sich fragen: Ist eine Bezeichnung möglichst sachlich und vorurteilsfrei? Und macht sie klar, warum es geht? Bringt zum Beispiel Daesh tatsächlich mehr Klarheit als ISIS? Kann sich der News-Konsument unter dem Begriff etwas vorstellen?

Nun kann es gerechtfertigt sein, die Terroristen nicht länger mit der Abkürzung ISIS zu benennen. Für eine neue Bezeichnung kann es viele gute Gründe geben. Sie aber vor allem deshalb Daesh zu nennen, weil es diese Gruppe und ihre Anhänger beleidigt, ist polemisch, subjektiv, Politiker-ergeben – und damit schlicht unjournalistisch. Auch wenn es hier um Terroristen geht und nicht nur um die Linkspartei.

Die „Rote Armee Fraktion“ wurde in den Medien immer RAF genannt – obwohl sie weder der Roten Armee entstammte noch eine echte Fraktion war. PEGIDA darf weiterhin so heißen, wie sie sich selbst immer nannten, obwohl sie weder echte Patrioten noch wahrhafte Europäer sind.

Die Journalisten vertrauen ihren Lesern und Zuhörern in diesen Fällen, den Unterschied zwischen Namen und Taten erkennen zu können – und sie nicht über deren Bosheit durch Neubenennung belehren zu müssen.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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