Rüpel mit Kamera

Von Volker Warkentin am 8. Dezember 2015

Der Auftritt von Medienvertretern nach dem Massaker von San Bernardino leistet all jenen Vorschub, die ohnehin glauben, es mit der „Lügenpresse“ zu tun zu haben.

Die mutmaßlichen Massenmörder von San Bernardino waren kaum identifiziert und ihre Wohnung durchsucht, da gab die Polizei die Räume für die Medien frei. Was folgte, war ein ekelhafter Voyeurismus von Fernsehkollegen, der in der Mediengeschichte seinesgleichen sucht. Die Kamerateams durchwühlten die Wohnung und filmten die Bilder von Unbeteiligten und Kindern ab, als ob das neue Erkenntnisse über den Hintergrund oder die Motive des islamistisch motivierten Anschlags liefern würde, bei dem 14 Menschen getötet wurden.

Medienberichten zufolge taten sich nach dem Massaker in der kalifornischen Stadt die Sender Fox, MSNBC und CNN hervor. Mit Journalismus hatte das, was sich in der Wohnung der beiden von der Polizei erschossenen Tatverdächtigen abspielte, nichts, aber auch gar nichts zu tun. Da wurde nur die vermeintliche Sensationsgier des Publikums bedient.

Jegliche Medienethik, sofern die Beteiligten jemals in deren Genuss gekommen waren, schien vergessen. Wer geglaubt hatte, das rüpelhafte Verhalten von Medienvertretern nach dem mutmaßlich vom depressiven Ko-Piloten herbeigeführten Absturz der German-Wings-Maschine sei nicht mehr zu toppen, wurde in San Bernardino eines anderen belehrt. Schlimmer geht’s nimmer – bis zum nächsten Mal, bis der unendlich erscheinende Hunger des Molochs Fernsehen nach Bildern in neuen Exzessen ausartet.

Diese Art von Journalismus liefert den Pegidas und AfDlern und wie die seltsamen Heiligen sonst noch heißen, die „Argumente“ gegen die sogenannte Lügenpresse, deren Vertreter bedrängt, beschimpft und sogar geschlagen wurden. Diese Kollegen aus San Bernardino haben der Qualitätspresse und dem seriösen Journalismus einen Bärendienst erwiesen.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, zweifelt nach über 40 Jahren im Beruf am Verstand mancher Kollegen mit Fernsehkameras. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint jeden Dienstag.

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