Der Mann, der den Rap und den Hiphop erfand

Von Sebastian Grundke am 24. Dezember 2015

Weihnachten 2006 verstarb der Sänger James Brown. Sein Einfluss ist bis heute lebendig: Ohne ihn wären ganze Genres der heutigen Musik undenkbar.

Die wenigsten Menschen erinnern sich daran, wo sie waren, als Sie das erste Mal einen Song von James Brown hörten. Vermutlich waren es „Sex Machine“ oder „This Is a Man’s World“. Die Songs dudeln schließlich bis heute in jedem Formatradio und in jeder Touristenfalle herauf und herunter. Welche ungehörte Kraft die Musik einst hatte, wird durch diese Endlosschleife verbrämt – und dadurch, dass andere Stücke nicht laufen: „Say It Loud, I’m Black and I’m Proud“ etwa oder auch „King Heroin“ – also der gesellschaftskritische Teil von Browns Werk.

Allerdings war der Musiker aus dem US-Bundesstaat Georgia auch früher schon so etwas wie der Vorzeigeschwarze der Popmusik: Die Weißen Amerikas tolerierten ihn. Er war der Roy Black der USA – allerdings auch dann noch, als er offen für die Rechte der Afroamerikaner eintrat und die entsprechenden Aufnahmen in die Charts einstiegen. Der Legende nach soll selbst sein Album „Payback“, mit dem er en passant den Rap erfand, auf Partys von ultrakonservativen Studentenverbindungen reihenweise verschlissen worden sein.

Bis heute jedenfalls ist der Titelsong des Albums neben der Aufnahme „Funky Drummer“ – ebenfalls von James Brown – Teil des Fundaments der HipHop-Kultur, die in den vergangenen 35 Jahren die Charts lange dominiert hat. Andere Aufnahmen aus den 1960er- und 1970er-Jahren sind auch heute noch Inspirationsquelle und Steinbrüche zugleich. Viele von Browns Werken wirken rückklingend sogar so, als hätten sie ihre Bestimmung erst in den Aufnahmen späterer Musiker gefunden: in House- oder Technonummern etwa, in R’n’B- und eben in Hip-Hop-Stücken. Die Aufnahme „Down and Out in New York City“ ist ein gutes Beispiel dafür: von Leon Haywood über Snoop Dog bis zu den Red Hot Chilli Peppers finden sich Zitate oder Fortschreibungen von musikalischen Themen. Andernorts sind es zumindest Drumbreaks, ein stampfender Rhythmus, ein Groove, ein Textfragment, ein Riff oder ein Zitat, die an den selbsternannten „Godfather of Soul“ erinnern. Der Pop samt Beatles-Craze wäre ohne Rhythm’n’Blues ohnehin nicht möglich gewesen. Selbst weiße Rockabilly-Musiker aus den Südstaaten imitierten damals Brown und seine Zeitgenossen Little Richard, Chuck Berry und Wilson Pickett.

Den wenigsten Deutschen ist das bewusst. Ein Schwarzer auf einem Titelblatt eines Magazins oder in den Charts ist hierzulande immer noch eine Seltenheit. Zeitgenössische Black Music steht wiederum immer im Verdacht sexistisch oder gewaltverherrlichend zu sein. Dass sich Musikproduzenten regelmäßig Material bei den Vorläufern dieser Musik borgen, egal, was sie produzieren – ein offenes Geheimnis von Branche und Aficionados, das in den USA schon zu allerlei Gerichtsprozessen um Urheberrechte geführt hat.
Selbst auf mancher Schlager- und Chanson-Aufnahme aus früheren Jahren finden sich Einflüsse von Soul und Funk, deren ungekrönter König James Brown war: bei Hildegard Knef und Mary Roos beispielsweise. Udo Jürgens B-Seite zu seiner Single „Deine Einsamkeit“ mit dem Titel „Peace Now“ ist sogar zu großen Teilen eine Übernahme des Songs „Right On Be Free“ der „Voices of East Harlem“ aus demselben Jahr.

Selbst bei Helene Fischers großem Hit „Atemlos durch die Nacht“ findet sich – allerdings nur mit einigem gutem Willen – ein Rest von Chaka Khans „Ain’t Nobody“. Dass der Song der Fischer durchaus sexistisch ist, ihr Khans romantisches Kunststück zum stumpfsinnigen Bumsstück geraten ist, wird kaum kritisiert. Stattdessen wird im Feuilleton immer wieder auf Hip Hop, R’n’B, House, Techno und Pop eingedroschen und damit auf die gesamte Tradition schwarzer Musik. Viel zu oft wird damit deren Einfluss verschleiert, mancher Rechtsanspruch kaschiert.

Hiesige Musikproduzenten sollten den heutigen Tag deshalb zum Anlass nehmen, ihre Arbeit zu überdenken und Mut zu fassen. Damit sie künftig mehr Einflüsse fremder musikalischer Kulturen respektvoll einbinden. Die Zeit dafür ist reif.

Sebastian Grundke, freier Journalist in Hamburg, sammelt seit seinem 16. Lebensjahr Schallplatten. Mitterweile besitzt er rund 1.400 Stück, hauptsächlich Soul, Funk, Jazz und Disco der 1960er- und 1970er-Jahre. Gelegentlich arbeitet er als Disc-Jockey.

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