Bravo, Frau Reker!

Von Sebastian Grundke am 12. Januar 2016

Die Kölner Oberbürgermeisterin erntet für ihren Umgang mit den Übergriffen und Verbrechen zum Jahreswechsel viel Spott, Kritik und Häme. Dabei macht sie alles richtig.

Beim Fechten heißt der Abstand der Fechter zueinander Mensur. Sie bemisst sich nach Fuß- oder Armeslängen. Stehen zwei Fechter zueinander in kurzer Mensur, haben sie eine Armeslänge Abstand zueinander.

Nun hatte die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker Frauen geraten, zu der so genannten „Antänzer“-Szene in Köln auf einer Armeslänge Distanz zu bleiben. Die soll Frauen in der Silvesternacht teilweise belästigt und beklaut haben. Die Aussage Rekers wurde scharf kritisiert: als Einmischung, die aus Frauen feige Opfer macht, als nutzlos, weil ein Gegner mit einem Messer oder eine anderen Waffe einen dann verletzen kann.

Natürlich tragen Deutsche im Alltag längst keine Fechtwaffen mehr. Dennoch ist die Armeslänge der Abstand, den wir intuitiv zu Fremden halten – im Bus, in der Bahn, auf der Straße. Alles andere gilt als distanzlos. Deshalb treiben sich Taschendiebe und Tatscher gerne im Gedränge herum, wo dies nicht möglich ist – bei Volksfesten oder in Diskotheken, wo Alkohol oder Drogen die Menschen enthemmt und distanzloser gemacht hat.

Rekers Rat hat an all dies erinnert. Wir sollten ihn ernst nehmen. Denn er mahnt uns, uns einer wichtigen Verhaltensweise wieder bewusst zu werden: Nämlich auch Menschenaufläufen mit genau so viel Distanz und Haltung zu begegnen, dass im Fall der Fälle ein Kampf, aber auch eine Flucht möglich sind.

Sie ermächtigt damit Frauen, sich gegen Übergriffe zu wehren oder ihnen aus dem Weg zu gehen und tut dies im Rückgriff auf eine Tradition, die typisch Mann ist. Das ist selbstbewusst, emanzipiert, pragmatisch und diplomatisch zugleich – schlicht brilliant.

Sebastian Grundke arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er hat mit Fechten und anderen Kampfsportarten keine Erfahrung – aber ein Lexikon sprichwörtlicher Redensarten im Regal stehen.

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Freund des Grundgesetzes am 12. Januar 2016

Toll, wie Sie Frau Reker verteidigen! Leider verfehlen Sie das Thema. Frau Reker hat die zu Recht verspottete "#eineArmlaenge" nämlich nicht nur bezüglich des (ebenso verharmlosend so genannten) "Antanzens" empfohlen, sondern ausdrücklich als Reaktion auf die Ereignisse von #KoelnHbf.

Da geht es aber vor allem um größere Männergruppen (ich will den migrantischen/muslimischen Aspekt hier einfach mal ganz herauslassen, obwohl er offensichtlich relevant ist), die ihre Überzahl und körperliche Überlegenheit nutzen, um Frauen einzukreisen, zu bedrängen und sexuell zu belästigen oder zu mißbrauchen. Es ist doch offensichtlich, daß gegen eine solche bewußte Zudringlichkeit und körperliche Gewalt, die in einer Gruppe organisiert und von ihr verübt wird, die Empfehlung der "Armlänge Abstand" nicht hilft!

Was soll diese Verharmlosung?

Was die betroffenen und alle anderen Frauen von derlei Empfehlungen halten, zeigen nicht nur Umfrageergebnisse und die "Aufschreie" in sozialen Medien, sondern auch die Verkaufszahlen von Pfefferspray (sowie Elektroschockern und Gaspistolen) - die sind Ihnen wohl nicht engangen, oder brauchen Sie Nachhilfe?

Andreas Theyssen am 12. Januar 2016

Was 'Reker wirklich gesagt hat, finden Sie hier: http://www.sueddeutsche.de/panorama/koeln-eine-armlaenge-empoerung-1.2806458

Freund des Grundgesetzes am 12. Januar 2016

Habe ich gelesen. Ändert genau gar nichts an meiner Einschätzung. Dieser "Tip" ist auch im kompletten Zusammenhang nicht sinnvoller. Und im übrigen zu behaupten, sie habe sich damit nicht auf #KoelnHbf bezogen, ist ja albern - schließlich wurde die Empfehlung auf der Preseekonferenz zu eben diesem Thema und als Antwort auf die Frage gegeben, wie sich Frauen in Zukunft in vergleichbaren Situationen schützen könnten, also keineswegs "eine allgemeine, pauschale Empfehlung, wie sie auch andere Opferschutzorganisationen geben".

Was soll's. Frau Reker ist für die Ereignisse in Köln und die bundespolitischen Folgen wohl ähnlich relevant wie ein Sack Reis in China.

Schönen Tag noch!

maSu am 15. Januar 2016

Manche Menschen halten auch besser eine Armlänge Abstand von höheren Hirnfunktionen. Macht bestimmte Nachrichten bestimmt "angenehmer".