Wie Nordkorea zu unserem Vorbild wurde

Von Urs-Martin Kellner am 20. Januar 2016

„Klappehalten“ ist gerade en vogue. Die Merkel-Kritiker in der CDU sollen das tun, auch die AfD bei den TV-Debatten vor den Landtagswahlen. Die Schweigeruhe ist sicherlich schön, hat aber einen klitzekleinen Haken.

„Einfach mal die Klappe halten“ – da hat CDU-Vize Julia Klöckner mit Blick auf die Dauernörgelmerkelnervkritiker einen wunderschönen Vorsatz für das noch so junge Jahr geprägt.

Guuuut, „Klappehalten“ steht womöglich im Gegensatz zu einer lebendigen Demokratie, aber „Klappehalten“ ist ausgesprochen alltagspraktisch: knackige Ansagen statt epischer Diskussionen, Hochgeschwindigkeits-Parteitage, Schnellsitzungen, kurze Verkündungs-Nachrichten anstelle quälend langer Pro-und-contra-Artikel. Das spart Papier, schont Augen, Leser-Nerven und Tablet-Akkus. Und wir gewinnen Sendezeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben! Zum Beispiel hat Gunter Gabriel gerade das Dschungelcamp verlassen, um..?  Ja, um ebenfalls die Klappe zu halten! Klasse.

„Klappehalten“ sorgt für asiatische Tiefenentspannung. Ganz Nordkorea ist dauertiefenentspannt. Das wären wir auch gerne. Halten wir doch heute im Opinion Club auch einfach mal die Klappe und schließen an dieser Stelle die Kolumne.

Herrlich. Summmmmm…

?
„Aber lassen Sie mich daran erinnern: Der Meinungsstreit ist keine Störung des Zusammenlebens, sondern Teil der Demokratie.“

?
Bitte? WER war das? WER stört hier in meinen Gedanken das parteiübergreifende „Klappehalten“?

Och nein, ausgerechnet der alte Mann und das Mehr nach Demokratie aus Schloss Bellevue. Hätte Bundespräsident Joachim Gauck seine moralische Weihnachtsansprache nicht durch ein festliches Klappehalten viel schöner gestalten können?

Klappe!
Summmmmmmmmm. Herrlich.

?
„Genauso klar ist: Nur mit offenen Diskussionen und Debatten können wir Lösungen finden, die langfristig Bestand haben und von Mehrheiten getragen werden.“

Schon wieder!

Nein, der Herr Gauck hat es wirklich nicht verstanden. Die Frau Klöckner schon. Quasselstrippen, Schlechtschwätzer und alternative Meinungsvertreter verderben nicht nur den Tag, sondern auch Wahlen. Außerdem verwirren sie das Volk. Das muss nicht sein.

Die roten und grünen Spitzenkandidaten von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg sind hier – sehr fortschrittlich – voll auf Klöckner-Linie. „Elefantenrunde vor Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: SWR gesteht ein, AfD auf Druck von SPD und Grünen ausgeladen zu haben“,  titelt die „Allgemeine Zeitung“. Richtig so. „Klappe halten“ als Erfolgsmodell: Wenn die AfD gar nicht erst die Klappe aufmachen kann, und alle anderen die Klappe über die AfD halten, dann ist die rechte Partei automatisch weg. Also nicht wirklich weg, nicht von den Wahlzetteln, aber irgendwie anders weg. Zumindest im Fernsehen.

Summmmmm.
?

Jaaaa, nun könnte man natürlich unter Berufung auf Herrn Gauck sagen: Hey, ihr etablierten Parteien, es ist doch eure Aufgabe mit guten Argumenten die extremen Parteien zu entzaubern. Fühlt ihr euch der AfD nicht gewachsen? Fördert ihr durch Ausgrenzung der AfD nicht gerade deren Wachstum?

Ach, was fragen wir überhaupt? Klöckner sei Dank, halten wir einfach mal die Klappe. Zumindest bis zur nächsten Weihnachtsansprache des Herrn Bundespräsidenten.

Summ.

Urs-Martin Kellner, Autor in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Rechts gedreht“ jeden zweiten Mittwoch.

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Zaunkoenigin am 20. Januar 2016

Jetzt fehlt mir eigentlich nur noch ein Hinweis im gleichen Stil auf das Verhalten/Klappe halten der Presse. Im konkreten Fall "SWR".

Das ist in diesem Fall nämlich nicht nur "Klappe halten". Das steigert das Ganze noch mal. Leider

maSu am 20. Januar 2016

Herrlich. Herr Kellner, Sie haben das Dilemma gut auf den Punkt gebracht. Aber Kritiker sollen schon lange die Klappe halten, wer die Klappe nicht hält wird diffamiert und beschimpft, bis nur noch jene den Mund öffnen, die nichts mehr zu verlieren haben: die Extremisten von rechts und links.

Jürgen Thiede am 21. Januar 2016

Ich sehe keine Spur von "Klappe halten". 44 Mitglieder der CDU/CSU-Bundestagsfraktion haben es Merkel sogar schriftlich gegeben. Vielmehr gehört schon Mut dazu, sich für Merkels Kurs auszusprechen: "Der frühere bayerische Minister Eberhard Sinner bekennt sich SOGAR ÖFFENTLICH zu Angela Merkel" (RP vom 20.11.2015).
44 Bundestagsabgeordnete hatten angekündigt, über die Bundeskanzlerin den Stab zu brechen. "Doch es wurde ein Wattestäbchen" (BILD). Weil die Argumente der Briefschreiber keiner Überprüfung standhalten. Ebenso wenig wie die angeblichen Gründe für eine Klage Bayerns beim Bundesverfassungsgericht oder die Strafanzeige der AfD gegen Merkel (hat man seit dem 09.10.2015 je wieder etwas davon gehört?). Im Gegensatz zu Nordkorea haben wir noch eine funktionierende Justiz.