Die unterschätzten Väter der Türkei

Von Sebastian Grundke am 25. Januar 2016

Die Türkei wird immer instabiler. Der Grund dafür ist der Erfolg Präsident Erdogans: Er wird dem türkischen Staat zum Verhängnis.

Der Kemalismus ist in der Türkei Alltag: Statuen des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk zieren größere Plätze, auf Fahnen und in Bildern wird der „Vater aller Türken“ verehrt. Die Politik der Kemalisten ist dabei durchaus westlich: Nationalstaat statt Reich, Trennung von Kirche und Staat statt islamischer Politik und Kirchenrecht.

Mehrfach haben in der Türkei kemalistische Hardliner des Militärs bereits geputscht, zuletzt 1980. Damals gingen gescheiterte Wahlen dem Putsch voraus. Immer ging es gegen einen erstarkenden Islamismus, gegen eine starke türkische Linke und gegen radikale Kurden. Die Umstürze waren blutig, die Prozesse danach umstritten und grausam.

Das Netzwerk der kemalistischen Hardliner, die in der Türkei eng mit organisierter Kriminalität und Militär verwoben sein sollen, gilt inzwischen als stark geschwächt. Dennoch ist der Einfluss der Kemalisten nicht zu unterschätzen. Viel zu wenig wird er hierzulande thematisiert. Dabei spielen Atatürks Erben trotz der zunehmenden Macht von Präsident Recep Tayyip Erdogan weiterhin eine wichtige Rolle im politischen Leben der Türkei und bilden auch einen starken Gegenpol zu anderen extremen Bewegungen wie dem Islamismus und dem Terrorismus militanter kurdischer Organisationen. Deshalb werden die Kemalisten in den kommenden Jahren die Zukunft der Türkei entscheidend mitbestimmen. Sie könnten sogar versuchen, das Land wieder ganz in ihrem Sinne zu stabilisieren.

Ein Putsch wie zuletzt 1980 allerdings wäre heute kaum mehr denkbar. Damals beriefen sich die Militärs auf den in der Verfassung festgeschriebenen Kemalismus. Inzwischen lautet die türkische Verfassung anders – dem Einfluss der Europäischen Union sei Dank.

Sebastian Grundke, freier Journalist in Hamburg, hat in Istanbul studiert und schreibt die OC-Kolumne „Was mich bewegt“ jeden Montag.

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