Was treibt Angela Merkel an?

Von Jürgen Thiede am 28. Januar 2016

Seehofer mosert, die CDU mosert, die europäischen Nachbarn mosern, viele Deutsche mosern. Dennoch hält die Kanzlerin an ihrem Kurs in der Flüchtlingspolitik fest. Warum? Dahinter steckt ein Mann, dessen Gedanken und Lebenswerk Merkel geprägt haben.

Viele wundern sich über die Hartnäckigkeit, mit der Angela Merkel an ihrem Kurs in der Flüchtlingsfrage festhält, obwohl die Zustimmung zu ihrer Politik, ihrer Partei und ihrer Person laut Umfragen sinkt. Hat sie sich nicht immer an der Meinung des Wahlvolks orientiert? Ratlos sind besonders die, die ihr 15 Jahre lang nachgesagt haben, sie hätte keine Überzeugungen, für die sie kämpfen würde, und hätte noch nie eine Politik verfolgt, die ihr ein wirkliches Anliegen sei. So verzweifelt nicht nur Horst Seehofer an ihr.

Auch das Magazin „Der Spiegel“ rätselte in seiner letzten Ausgabe über die Motive der Kanzlerin und fand Erklärungen im Elternhaus und in der Jugend der Bundeskanzlerin. Nebenbei erwähnte der Artikel die Freundschaft zwischen den Eheleuten Angela Merkel und Joachim Sauer und dem Ehepaar Klaus von Dohnanyi und Ulla Hahn.

Klaus von Dohnanyi – ist das nicht der ehemalige Erste Bürgermeister Hamburgs von der SPD?

Stimmt. Sein Vater Hans war ein Jurist und gläubiger Christ, der 1945 im KZ Sachsenhausen als Verschwörer gegen Adolf Hitler hingerichtet wurde. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der ebenfalls für seinen Widerstand gegen das Dritte Reich sterben musste, war Klaus von Dohnanyis Onkel. Auf persönlichen Befehl Hitlers wurde er vier Wochen vor dem Ende des Krieges im KZ Flossenbürg gehenkt. Vielen ist er bis heute bekannt durch das Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, dessen Text er zu Weihnachten 1944 in der Haft schrieb. Bonhoeffer ist der Denker, von dem sich Angela Merkel am meisten anregen ließ, aus dem Glauben heraus politisch aktiv zu werden.

Bonhoeffer kann man keine Gefühlsduselei nachsagen, denn der brillante Theologe war auch ein sehr praktischer Kirchenmann und aktiver Widerstandskämpfer. Glaube hatte für ihn Konsequenzen – für den Alltag und für die Politik. Für ihn war immer klar: Der Himmel ist nicht auf Erden herstellbar, aber der christliche Glaube muss sich im Diesseits zeigen. Er muss sich darin zeigen, dass wir das Gerechte tun, dass wir für andere sorgen.

Wie die Kirche ihre Verantwortung gegenüber dem Staat auszuüben hat, beschreibt Bonhoeffer 1933 so: Sie fragt den Staat nach der Rechtmäßigkeit seines Handelns, sie ist den Opfern eines Gesellschaftssystems verpflichtet, auch wenn sie keine Christen sind, und sie muss Widerstand leisten, wo Unrecht geschieht. Aufgabe der Kirche sei es, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“.

Angela Merkel weiß sich nicht nur den Wählern gegenüber verantwortlich, sondern ist sich auch der Verantwortung vor Gott bewusst. Dass Politik den Bedürftigen zu dienen hat, ist für sie selbstverständlich. Das erklärt auch ihr Eintreten für Flüchtlinge. Und dem Rad in die Speichen fallen, heißt für sie, Unterdrückung, Krieg und Terror gewaltlos bekämpfen.

Aus dem Satz „Wir schaffen das“, den Angela Merkel gegen alle Überfremdungs- und Abstiegsängste setzt, spricht jene biblische Furchtlosigkeit, die Papst Johannes Paul II. in Osteuropa oder Präsident Theodore Roosevelt im Vorkriegsamerika verbreitet haben. Ihnen gemeinsam ist die Gewissheit, dass sich die Prinzipien einer freien Gesellschaft durchsetzen werden. Mit diesen beiden historischen Figuren will ich Angela Merkel nicht auf eine Stufe stellen, aber es wäre ein großes Verdienst, wenn sie ihren Landsleuten etwas von der Gewissheit vermitteln könnte, dass sich letztlich die Prinzipien einer freien Gesellschaft durchsetzen.

Jürgen Thiede, Theologe in Kirchlinteln/Niedersachsen, arbeitete 25 Jahre als Pfarrer in Bayern und war bis 2012 stellvertretender Landesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CSU. Dort hatte er zwölf Jahre lang mit Angela Merkel zu tun.

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Zaunkoenigin am 28. Januar 2016

wollen Sie jetzt Frau Merkel noch einen Heiligenschein verpassen?

In erster Linie ist Frau Merkel den Bürgern verpflichtet. Wenn sie das nicht leichten kann oder mag, dann hat sie in diesem Amt nichts zu suchen.

reiner tiroch am 24. März 2018

Kirche uns Politik was? ein Scheiterhaufen wie seit Jahrtausenden die den Menschen dienen? lol. was Merkel bisher an nutzloser Politik daher brachte ist eine bodenlose Frechheit, sonst nix. das Lebenswerk von Frau Merkel bestand doch lediglich darin Deutschland an die Wand zu fahren. als Krönung warnte sie vor 200 Millionen anrückender Afrikaner die sie selber eingeladen hatte bei der Afrika Konfernz und total verleugnen lässt. Lügen ohne Ende sind also ein Lebenswerk? heißt es nicht, du sollst nicht lügen? oder gilt das nur für die kleinen Leute? und das soll die beliebteste Politikerin sein, die seit 10 Jahren Putin ärgert, damit es bald im Sinne der Amis kracht? Kotz!!!