Ihr lebt Geschichte, Deutsche

Von Andreas Theyssen am 5. Februar 2016

Wie konnte ein zivilisiertes Land wie Deutschland in die Nazi-Barbarei verfallen? Die Frage ist einfach zu beantworten. Man muss sich nur ein wenig umsehen.

In den 1960er und 1970er Jahren war es eine beliebte Beschäftigung unter Heranwachsenden zu fragen: Wie konnte das passieren? Wie konnte ein kultivierter Staat wie Deutschland in die Nazi-Barbarei fallen? Wie konnte es sein, dass Menschen ermordet wurden, bloß weil sie einem anderen Glauben anhingen, einer anderen Nation angehörten, Sozialdemokraten oder Kommunisten waren, behindert oder homosexuell.

Es war kein ganz einfaches Unterfangen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Sicherlich, im Geschichtsunterricht wurde das Dritte Reich „bis zur Vergasung“ durchgekaut (ja, dieser Begriff war damals in der Umgangssprache noch recht verbreitet). Aber darüber hinaus musste man Bücher wie Eugen Kogons „Der SS-Staat“ lesen und viel mit Zeitzeugen reden.

Mit dem Lehrer, der als Wachsoldat dem KZ Dachau zugeteilt worden war. Mit dem Lehrer, der in Russland als Wehrmachtssoldat gekämpft hatte und zum militanten Anti-Militaristen geworden war („statt dem Eisernen Kreuz bekamen wir Eisen ins Kreuz“). Mit den Eltern, die von sowjetischen Scharfschützen und amerikanischen Tieffliegern schwer verwundet worden waren. Mit dem Großvater, der NSdAP- (und später SED-)Mitglied gewesen war. Mit dem Musiker Coco Schumann, der das Vernichtungslager Auschwitz überlebt hatte.

Durch viel Lesen und noch viel mehr Zuhören – insgesamt ein mühsamer Prozess – bekam man dann einen Eindruck, wie es dazu kam, dass sich ein zivilisiertes Land in eine Barbarei verwandelt hatte.

Heutige Generationen haben es viel einfacher. Sie müssen sich nur umschauen, in ihrem persönlichen Umfeld, auf Facebook, in den Nachrichten. Da können sie Geschichte leben und live den Mechanismus mitverfolgen, der die Weimarer Republik in das Nazi-Schlachthaus transformiert hat.

Vorstufe 1. Ablehnung und Verächtlichmachung etablierter Institutionen. Es wird nicht mehr konkret kritisiert, sondern pauschal abgelehnt. Die Politiker, die allesamt unfähig sind. Das Parlament, das nur eine „Schwatzbude“ ist. Die Medien, die alle lügen. Die Polizei, die nur vertuscht und nicht durchgreift. Die Justiz, die zu lasch ist. Die Demokratie, die eine „Merkel-Diktatur“ ist.

Vorstufe 2. Feindbild und Entmenschlichung. Ein Feind ist immer gut, denn ein Feind eint die mit allem Unzufriedenen. Der Feind, das sind heute „die Flüchtlinge“ oder „die Muslime“ oder beides zusammen. Der Feind entführt und vergewaltigt Kinder und deutsche Frauen, er stiehlt, er nimmt uns Arbeitsplätze, er überrennt unsere Grenzen.

Damit der Feind ein richtiger Feind sein kann, muss er vom Subjekt zum Objekt, sprich: entmenschlicht werden. Es gibt keine Individuen mehr, es wird nicht mehr unterschieden zwischen der Mutter, die mit ihren Kindern vor dem Terror in Syrien flieht, und dem maghrebinischen Halbwüchsigen, der möglicherweise hofft, in Deutschland als Taschendieb zu ein wenig Wohlstand zu kommen.

Der Feind wird zur amorphen Masse, mit der verfahren werden soll, wie man eben mit Massen verfährt: begrenzen, abschrecken, abhalten, abschieben. Dass es um Menschen geht, wird vergessen oder bewusst ignoriert. Und ist der Mensch erst einmal entmenschlicht, gibt es keine Hemmungen mehr.

Vorstufe 3. Gewaltaufrufe und Gewalt. Der Feind muss bekämpft werden, damit er uns nicht unterwandert, bedroht oder gar „umvolkt“. Das muss selber in die Hand genommen werden, weil „die Politiker“ oder „die Polizei“ ja nichts tun. Man gründet Bürgerwehren, wirft Brandsätze oder – in einem Fall – Handgranaten gegen Flüchtlingsunterkünfte, verprügelt Flüchtlinge. Dazu rottet man sich zusammen, so dass sogar die Polizei warnt vor einer „Pogromstimmung, die eine kreuzgefährliche Intensität bekommt“. Und Politiker fordern, dass Staatsbeamte auf Flüchtlinge schießen sollen, sollten diese versuchen, die deutsche Grenze zu überqueren.

Es gibt noch etliche Vorstufen bis zu einer vergleichbaren Barbarei wie der Nazi-Diktatur. Zum Beispiel, dass nicht nur einzelne Politiker, sondern eine ganze Partei sich für Gewalt gegen den Feind ausspricht. Und diese Partei muss es dann erst einmal schaffen, an die Regierung zu kommen.

Aber man muss das Projekt Gelebte Geschichte ja nicht bis zum Ende durchziehen, liebe Deutsche. Es reicht eigentlich völlig, gelegentlich ein Geschichtsbuch zur Hand zu nehmen.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ freitags.

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Zaunkoenigin am 6. Februar 2016

Na, DAS nenne ich mal eine Analyse ... eine, die mitten im Prozess beginnt und daraus dann die Schlüsse zieht.

Dolle Nummer! Ich nenne so etwas billige Manipulationsversuche.

Zaunkoenigin am 7. Februar 2016

ja wie?

ganz schön bequem...und ärmlich!

Daumen runter ohne Argumente. Erinnert mich an die Pegidabewegung. Da war ich damals auch sprachlos.

Bedauerlich. Aber so läuft das schon die ganze Zeit.

TGR am 9. Februar 2016

@Zaunkoenigin
Gut, dann mal Argumente ohne Bewertung:

Der Text von Hr. Theyssen erscheint mir vor allem eine induktive Analyse. Das zieht natürlich immer - gerade in den Geisteswissenschaften - das Induktionsproblem nach sich, d.h. kann von empirischen Befunden wirklich auf eine allgemeingültige Theorie geschlossen werden. In den Naturwissenschaften haben wir dafür zum Glück in vielen Fällen die Möglichkeit von Experiment + Deduktion, um den Erkenntniskreislauf immer weiter zu drehen. Gerade wenn es aber um die Verknüpfung von historischen Ereignissen + aktuellen Entwicklungen geht und daraus eine Zukunftsprognose entwickelt wird, bin ich aber extrem kritisch (und das gilt in allen Fällen, sei es jetzt der obenstehende Text, oder die Assoziation "Völkerwanderung + Untergang römisches Reich = Flüchtlingskrise + Zukunft Europas/Deutschlands", oder "die spätrömische Dekadenz = Sozialleistungen", oder die unzähligen Hitler/Nazi-Vergleiche, etc. etc.).

Trotzdem sind einige Befunde im Text nicht von der Hand zu weisen - in einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung existieren oder manifestieren sich Denkmuster, die autoritär und menschenverachtend sind. Dazu zählt nun mal die pauschale Verächtlichmachung von Institutionen und - in meinen Augen noch verwerflicher - die Objektivierung, die pauschale Entmenschlichung von Menschen, egal welcher Herkunft, welchen Glaubens, welcher Weltanschauung etc. - Gewalt ist dann nur noch ein Symptom (wenn auch das hässlichste, das aus dieser Entmenschlichung erwächst). Das bedeutet nicht, dass keine Kritik geübt werden darf, das bedeutet, dass Kritik - am besten konstruktive Kritik - vorrangig am Einzelfall geübt werden sollte und peinlichst genau auf die logischen Assoziationen geachtet werden sollten (sonst kommen wir wieder zum Induktionsproblem).

Zaunkoenigin am 9. Februar 2016

TGR.. schön.. ich freue mich.. so kann sich doch noch etwas daraus entwickeln.

Ich störe mich nicht am induktiven Ansatz und auch nicht daran, dass wohl immer einiges ungenau bleiben wird. M.E. ist das in diesem Zusammenhang die einzige Möglichkeit der Betrachtung. Ich störe mich daran, dass (wie bei der grundsätzlichen Analyse der Nazi-Zeit auch) die Analyse mitten im Entwicklungsprozess ansetzt.

Was meine ich damit?

Es geht doch um die Frage "Wie konnte ein zivilisiertes Land wie Deutschland in die Nazi-Barbarei verfallen? Die Frage ist einfach zu beantworten. Man muss sich nur ein wenig umsehen."

Herr Theyssen suggeriert, dass diese Entwicklung urplötzlich einsetzte. Auf einmal kritisieren Menschen pauschal. Quasi aus dem Nichts heraus. Und genau DAS ist eben nicht der Fall. Das war damals beim Nazi-Deutschland nicht der Fall und das ist es heute auch nicht.

Da wird der Pauschalkritiker mit Feindbild zur hirnlosen Kreatur stilisiert der ohne Anlass zum Rassisten mutiert. Wer glaubt denn so etwas? Haben die alle auf einmal zu heiß gebadet? Oder gab es da vorher irgendwelche Entwicklungen die beeinflussbar gewesen wären?

Nein, ich möchte damit die Entwicklung nicht schön reden. Und ja, mich beunruhigt die Entwicklung ebenfalls und ich werde ganz sicher nicht behaupten, dass einige wesentliche, von Herrn Theyssen genannte Punkte nicht gegeben sind. Auch ich frage mich bei jedem Anschlag, wohin diese "Reise" noch gehen wird. Das frage ich mich aber auch bei Vorkommnissen wie in Köln, Stuttgart, Hamburg usw.

Dennoch ist seine "Analyse" unvollständig und "verzerrend" ist. Nichts gegen Analyse. Ja, bitte.. gerne! Aber dann doch bitte auch so, dass es eine vollständige Betrachtung ist und dass am Ende eine Erkenntnis steht die weiter bringt. Man muss doch am Beginn der Entwicklung ansetzen. Nur wer die Ursache kennt, kann etwas tragfähig ändern. So zumindest meine persönliche Erkenntnis.

Es geht doch nicht darum sagen zu können "ich hab's schon immer gesagt". Es geht darum gegensteuern zu können. Mit Verdammen und Pauschalverurteilungen von der Kanzel herab werden wir ganz sicher keinen Fanatiker abhalten können.

Man hat das in der Vergangenheit mit der Analyse der Geschichte rund um das dritte Reich hinlänglich getan. Nämlich unvollständig, Befindlichkeiten beachtend und nicht ausgesprochene No-Goes. Ich kenne keine sachliche, vollständige Analyse dieser Zeit und dieser Entwicklung. Vor allem kenne ich keine, die die Befindlichkeiten aller Bevölkerungs- und Bildungsschichten betrachtet. Man tut immer so, als ob das alles eine einheitliche graue Masse gewesen ist. War es aber nicht. Genau so wenig wie heute.

Aus meiner Sicht gehört zur Gesamtanalyse auch die Entwicklungen nach dem Krieg zu betrachten. Darauf zu schauen wie viel Altnazis wir in unseren Parteien hatten die unsere Gesellschaft und Politik wesentlich geprägt haben. Warum wir das toleriert und weg geschaut haben. Teilweise waren sie in hohen Ämtern.. ich sage da nur .. Karl Carstens, Richard von Weizsäcker, Hans Filbinger, Dr. Theodor Maunz (in seiner Funktion als Grundgesetzkommentator), Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher ...

http://www.berliner-zeitung.de/politik/nazi-vergangenheit-von-politikern-ein-doppeltes-spiel,10808018,23485498.html

und auch so etwas wäre einen Blick wert ... http://ag-freies-deutschland.de/zur-lage-der-nation/im-larve-gibt-es-flecken-auf-gaucks-weissem-kittel/pundesprasident-joachim-gauck-vorsicht-vor-dem-gauckler/

Ich denke einfach, so eine Analyse ist langwierig und umfangreich - wenn sie denn seriös und hilfreich sein soll. Ich glaube aber auch nicht, dass uns das jemals gelingen wird. Nur so tun als ob man DIE Erkenntnis gewonnen hätte wenn man ein paar Knackpunkte listet, das halte ich für einen Manipulationsversuch und dann auch noch eine Beleidigung der Intelligenz der Leser.

Zaunkoenigin am 10. Februar 2016

wird mein Kommentar von gestern noch irgendwann frei geschaltet werden?

Zaunkoenigin am 10. Februar 2016

Ich bins jetzt leid darauf zu warten, dass hier ein Admin meinen Beitrag frei gibt weil sich darin Links zur Berliner Zeitung und ag-freies-Deutschland befinden.

Dann eben ohne Links:

TGR.. schön.. ich freue mich.. so kann sich doch noch etwas daraus entwickeln.

Ich störe mich nicht am induktiven Ansatz und auch nicht daran, dass wohl immer einiges ungenau bleiben wird. M.E. ist das in diesem Zusammenhang die einzige Möglichkeit der Betrachtung. Ich störe mich daran, dass (wie bei der grundsätzlichen Analyse der Nazi-Zeit auch) die Analyse mitten im Entwicklungsprozess ansetzt.

Was meine ich damit?

Es geht doch um die Frage „Wie konnte ein zivilisiertes Land wie Deutschland in die Nazi-Barbarei verfallen? Die Frage ist einfach zu beantworten. Man muss sich nur ein wenig umsehen.“

Herr Theyssen suggeriert, dass diese Entwicklung urplötzlich einsetzte. Auf einmal kritisieren Menschen pauschal. Quasi aus dem Nichts heraus. Und genau DAS ist eben nicht der Fall. Das war damals beim Nazi-Deutschland nicht der Fall und das ist es heute auch nicht.

Da wird der Pauschalkritiker mit Feindbild zur hirnlosen Kreatur stilisiert der ohne Anlass zum Rassisten mutiert. Wer glaubt denn so etwas? Haben die alle auf einmal zu heiß gebadet? Oder gab es da vorher irgendwelche Entwicklungen die beeinflussbar gewesen wären?

Nein, ich möchte damit die Entwicklung nicht schön reden. Und ja, mich beunruhigt die Entwicklung ebenfalls und ich werde ganz sicher nicht behaupten, dass einige wesentliche, von Herrn Theyssen genannte Punkte nicht gegeben sind. Auch ich frage mich bei jedem Anschlag, wohin diese „Reise“ noch gehen wird. Das frage ich mich aber auch bei Vorkommnissen wie in Köln, Stuttgart, Hamburg usw.

Dennoch ist seine „Analyse“ unvollständig und „verzerrend“ ist. Nichts gegen Analyse. Ja, bitte.. gerne! Aber dann doch bitte auch so, dass es eine vollständige Betrachtung ist und dass am Ende eine Erkenntnis steht die weiter bringt. Man muss doch am Beginn der Entwicklung ansetzen. Nur wer die Ursache kennt, kann etwas tragfähig ändern. So zumindest meine persönliche Erkenntnis.

Es geht doch nicht darum sagen zu können „ich hab’s schon immer gesagt“. Es geht darum gegensteuern zu können. Mit Verdammen und Pauschalverurteilungen von der Kanzel herab werden wir ganz sicher keinen Fanatiker abhalten können.

Man hat das in der Vergangenheit mit der Analyse der Geschichte rund um das dritte Reich hinlänglich getan. Nämlich unvollständig, Befindlichkeiten beachtend und nicht ausgesprochene No-Goes. Ich kenne keine sachliche, vollständige Analyse dieser Zeit und dieser Entwicklung. Vor allem kenne ich keine, die die Befindlichkeiten aller Bevölkerungs- und Bildungsschichten betrachtet. Man tut immer so, als ob das alles eine einheitliche graue Masse gewesen ist. War es aber nicht. Genau so wenig wie heute.

Aus meiner Sicht gehört zur Gesamtanalyse auch die Entwicklungen nach dem Krieg zu betrachten. Darauf zu schauen wie viel Altnazis wir in unseren Parteien hatten die unsere Gesellschaft und Politik wesentlich geprägt haben. Warum wir das toleriert und weg geschaut haben. Teilweise waren sie in hohen Ämtern.. ich sage da nur .. Karl Carstens, Richard von Weizsäcker, Hans Filbinger, Dr. Theodor Maunz (in seiner Funktion als Grundgesetzkommentator), Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher …

Link .. Berliner Zeitung

und auch so etwas wäre einen Blick wert .. Link: ag-freies Deutschland

Ich denke einfach, so eine Analyse ist langwierig und umfangreich – wenn sie denn seriös und hilfreich sein soll. Ich glaube aber auch nicht, dass uns das jemals gelingen wird. Nur so tun als ob man DIE Erkenntnis gewonnen hätte wenn man ein paar Knackpunkte listet, das halte ich für einen Manipulationsversuch und dann auch noch eine Beleidigung der Intelligenz der Leser.

Zaunkoenigin am 10. Februar 2016

Ach so.. man sollte mich nicht ungeduldig nennen. Mein Beitrag war vom 09.02.2016 - 13:32

Inzwischen wurden hier schon wieder Artikel veröffentlicht...

Ronald am 16. Februar 2016

Dass die sogenannten sozialen Medien, die heutzutage immer unsozialer werden (siehe die Welle der Hasskommentare), und hier besonders Facebook nun wirklich nicht als Vorbild zur Geschichtsbildung taugen, sollte eigentlich auch der Autor wissen: Wer diese daraus bezieht, erhält nur Halbwissen durch Falschmeldungen usw.!

Andreas Theyssen am 17. Februar 2016

Der Autor hat allerdings auch nirgendwo behauptet, dass man seine Geschichtsbildung aus Sozialen Medien beziehen soll. Sie taugen lediglich zur Begutachtung aktueller Befindlichkeiten.

TGR am 17. Februar 2016

@zaunkoenigín
Leider krankheitsbedingt eine späte Antwort, vielleicht lesen Sie es garnicht mehr...
Ein langer Text zur Konkretisierung Ihres ersten Einwurfs, der für meinen Geschmack wenig konkret ist.
Um beim Beispiel der Nazizeit zu bleiben - wo ist der tatsächlich Startpunkt einer "Bewegung", die tatsächliche Ursache, die den Prozess ins Rollen bringt? Waren es die Versailler Verträge? Oder die gesellschaftlichen Umwälzungen, die infolge der langen Kriegsjahre einsetzten? Oder die monarchiezersetzenden Denkstrukturen des 18./19. Jahrhunderts? Welche Rolle spielt die späte Nationalstaatsbildung Deutschlands und die Deutsche Romantik? Für mich gilt - wo immer man meint, einen Startpunkt gefunden zu haben, schließt sich doch zuvor ein entscheidender "Denkbaustein" oder eine entscheidende gesellschaftliche Entwicklung an. Das kann man überspitzt so sehen, dass das jede gesellschaftliche Entwicklung ihren Ausgangspunkt beim Urknall genommen hat, oder auch dass wir in einem "teleologischen Geschichtsstrom festhängen". Nicht meine Ansicht - ich denke, dass wir die Vergangenheit nicht ändern, die Gegenwart aber gestalten und beeinflussen und auf die Zukunft hoffen und vertrauen können.

Sie möchten (wie natürlich Hr. Theyssen in seinem Text intendiert hat) das Ganze auch auf die aktuelle Situation in der BRD (und ggf. Europa) beziehen. Die Entwicklungen, die zur aktuellen Flüchtlingskrise geführt haben, sind rückwirkend nicht zu ändern, Fluchtursachen und Migrationsströme bleiben bestehen. Die Entwicklungen, die darin münden, dass sich bei einem Teil der Bevölkerung Politikverdrossenheit und Zukunftsängste in Protesten und z.T. gewalttätigem Verhalten Bahn bricht, sind nicht zu ändern. Sie können analysiert und sie können auch bilanziert werden, und darin sehe ich auch – wie gesagt – einen Pluspunkt in Hr. Theyssens Text – die Zusammenfassung in drei Punkte, deren destruktives Potential für unsere Demokratie noch nicht absehbar ist. Hoffen wir, dass es nicht in einem neuen faschistischen Staat endet (was ich aber aus verschiedenen Gründen nicht annehme).

Zwei Punkte noch: (1) Sie schreiben vom Pauschalkritiker als Feindbild. Ich habe eigentlich keine Feinde, und möchte auch keine. Mit Pauschalkritikern habe ich tatsächlich so meine Probleme, weil diese Kritik (a) häufig emotional getrieben ist und nicht rational und faktengestützt diskutiert und argumentiert wird und (b) daraus folgt, dass häufig eine Diskussion sich fruchtlos bleibt, weil der Pauschalkritiker eigentlich nur seine Emotionen zum Ausdruck bringt und nicht an der Diskussion von rationalen Lösungsmöglichkeiten interessiert ist. Um es platt zu sagen – Angst bleibt Angst, da kann man noch so lange diskutieren, das Limbische System ist an Statistiken und anderen Weltsichten nicht interessiert….
(2) Sie knüpfen elegant Links und Gemunkel ein, in denen es um – grob gesagt – verbrämte Systemkritik unter dem Deckmantel von Personenkritik geht. Das Eine hat mit dem Anderen in meinen Augen nichts zu tun – natürlich bestand das (auch politische und bürokratische) Personal der frühen BRD (und auch der DDR) zu einem guten Teil aus demselben Pool wie aus der Nazizeit. Die Personen sind aber austauschbar, in einem Staatswesen geht es um die Institutionen (Verfassung + Ausgestaltung). Das es immer wieder Personen in bestimmten Positionen gibt, die mehr oder weniger untauglich sind, ist eine Binsenweisheit. Wenn Sie aber konkrete Kritik an Institutionen unserer Demokratie haben, wäre es interessanter, diese auch zu benennen.