EU-Utopie statt europäischer Realität

Von Sebastian Grundke am 8. Februar 2016

Grafikdesign kann politisch sein. Doch die EZB hat zum zweiten Mal die Chance vertan, mit einer klugen Gestaltung der Euro-Scheine Geschichte zu schreiben.

Bald kommt der neue 50-Euro-Schein. Er soll in Leipzig gedruckt werden und damit in einer Stadt, die neben Dresden im Zentrum des Rechtsrucks der BRD in den vergangenen Jahren stand. Das birgt eine schöne Konotation: Denn die Gestaltung des neuen Geldes steht ansonsten weiter im Wiederspruch zu dem, was in Europa los ist.

Der drohende Grexit und die Flüchtlingskrise samt Krieg in Syrien haben Europa in den vergangenen Jahren erschüttert. In dieser Zeit kam frisch gedrucktes Geld in die Portemonnaies der Europäer, das das Gegenteil auszudrücken schien: Die Farben des neuen 10-Euro- und des neuen 20-Euro-Scheines wurden kräftiger, die Konturen der Motive schärfer, die Sicherheitsmerkmale der Scheine verlässlicher und die Gestaltung insgesamt ein ganz klein wenig bunter. Europa, das scheinen sie zu sagen, wird greifbarer, offener und sicherer.

Dabei ist etwas ganz anderes der Fall. Europa wird viel bunter als sich das manche wünschen und gleichzeitig unsicherer. Die europäische Idee wiederum gerät durch den Gegentrend zurück zum Nationalismus gehörig ins Wanken, denn Rechtspopulisten dominieren die politische Debatte in vielen EU-Ländern.

In Deutschland kann selbst das Machtwort Sigmar Gabriels in Sachen AfD wenig davon ablenken: Der Verfassungsschutz mag die rechte Szene teilweise kontrollieren können, nicht jedoch braunes Gedankengut aus den Köpfen der Bürger vertreiben.

Am besten wäre deshalb gewesen, hiesige Landmarken, Denkmäler, Denker und Denkerinnen auf den hiesigen Euroscheinen abzubilden. Sie würden heute der politischen Lage vielmehr entsprechen als die aktuellen Motive und zudem zur Verständigung der Völker beitragen. Klar: Vielleicht ändert sich die politische Debatte noch einmal und Nationalisten verschwinden wieder aus Talkshows und Parlamenten. Doch selbst dann würden konkrete Motive zeitgemäß bleiben: Denn in jeder Region der Europäischen Union wird immer viel Tradition und Geschichte erhalten bleiben.

Die zweite Chance, der Realität mit dem Design des Geldes zu entsprechen, wäre nun die Einführung der neuen Scheine gewesen. Die EZB hat auch sie vertan. Sie hielt stattdessen an einem utopischen Zukunftsversprechen fest, versinnbildlicht durch die Zeichnungen irrealer Architektur auf den Euro-Banknoten. Eine Entscheidung, die zynisch wirkt: Denn die Motive vermitteln ein Konzept, welches meilenweit von der europäischen Realität entfernt ist. So haben die Zentralbanker zwar Geschichte geschrieben – jedoch nicht im positiven Sinne.

Sebastian Grundke arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er schreibt jeden Montag die Kolumne „Was mich bewegt“.

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