Warum Seehofer gefährlich ist

Von Falk Heunemann am 11. Februar 2016

Bayerns Ministerpräsident imitiert den Politikerschreck Donald Trump. Die Folgen sind allerdings verheerender als bei seinem amerikanischen Vorbild.

Flüchtlinge sind alles Verbrecher. Wir brauchen eine undurchdringliche Mauer als Grenze. Wir ertragen es nicht mehr. Die in der Hauptstadt haben den Kontakt zur Bevölkerung verloren. Putin ist ein toller Staatsmann mit einer Führungsstärke, die der eigenen Regierung fehlt.

Von wem stammen solche Aussagen? Von Seehofer? Donald Trump? Beiden?

Dass die Antwort darauf schwer fällt, ist kein Zufall. Seit Monaten robbt Horst Seehofer, bayrische Fönwelle und Hobbyeisenbahner, über die Grenzen des politischen Anstands. Kaum eine Woche vergeht, in der der CSU-Gorilla nicht irgendeine neue Forderung aufstellt und medial auf seinen Brustkorb trommelt. “Rechtsfrei”, “kein Recht und keine Ordnung”, jetzt gar die “Herrschaft des Unrechts”.

Jedes Mal geht er ein kleines Stück weiter. Jedes Mal tobt erneut eine mehrheitliche Empörungswelle. Populist wird er dann genannt, Hetzer, geistiger Brandstifter. Man versucht, gegen ihn anzuargumentieren und hat damit ungefähr so viel Erfolg wie ein Zuschauer, der den Bachelor-Kandidatinnen auf dem Bildschirm im Minutentakt zuruft: „Das kann doch nun echt nicht Euer Ernst sein.”

Seehofer wird nicht aufhören. Denn wer glaubt, er lasse sich von Empörung oder Argumenten oder Anstand ausbremsen, hat ihn nicht verstanden. Er macht nicht auf Politiker, der den Auftrag hat, das Gemeinwesen im Auftrag seiner Wähler zu gestalten und deren Probleme zu lösen. Er macht auf Trump.

Donald Trump, das ist dieses Medienmonster, das es selbst auf die Toppplätze deutscher Nachrichtenseiten schafft, wenn er irgendeinen Unsinn von sich gibt. Warum auch nicht: Er brüllt, er wütet, er lächelt böse, er stichelt, er redet mal wie ein Kind und mal wie ein betrunkener Onkel. Bei jedem seiner Sätze hört er zu, wie seine Zuhörer reagieren, um danach seine Position auszurichten. Und er attackiert jeden, der ihm schwach genug dafür erscheint, um sich selbst und seine Anhänger dadurch stark zu reden.

Kein Wunder, dass nicht nur amerikanische Medien voll mit Berichten über ihn sind. Jeder Satz, jede Anekdote, jeder Kommentar zu seinem Verhalten wird geklickt, jeder fühlt sich bemüßigt, sich mit ihm zu beschäftigen. Langweilig wird es nie mit ihm. Dass ProSieben seine Auftritte im Wechsel mit der „Big Bang Theory“ zeigt, ist eigentlich nur noch eine Frage der Zeit.

Seine Methode ist Aufmerksamkeitskrebs: Er frisst sich in die politische Debatte hinein, und je mehr er sie verdrängt, desto mehr Aufmerksamkeit erhält er und desto mehr Raum erhält er in der Öffentlichkeit.

Das will Seehofer offenbar auch. Ihn drängt es nahezu täglich ins Rampenlicht. Doch weil das, wie man schon bei Trump sieht, eben nur mit Extremismen geht, redet auch der CSU-Vorsitzende so wie er – extrem.

Bei Trump kann uns Deutschen das egal sein, er wird erstens ohnehin nicht Staatsoberhaupt. Und politische Verantwortung trägt er momentan auch nicht. Seehofer schon. Er ist nicht nur Ministerpräsident eines Bundeslandes, sondern auch Parteichef eines Koalitionspartners auf Regierungsebene. Damit ist er gefährlicher. Denn Trump ist in seiner Abscheu vor der Politik glaubwürdig. Ihm kann man abnehmen, dass er angewidert ist vom politischen Hickhack, vom Aktionssymbolismus, vom Ausweichen und Aussitzen. Man muss diese Haltung weder teilen noch mögen. Aber es könnte zumindest zu einer Diskussion führen, wie Politik anders gehen müsste.

Seehofer dagegen vergiftet die Debatte, eben weil er selbst Amtsträger ist. Er polemisiert gegen „Die da oben“, obwohl er selbst zu denen da oben gehört. Er fordert Handeln ein, ohne selbst zu handeln. Er ruft nach dem starken Regenten und zeigt sich selbst durchsetzungsschwach. Er fördert die Abscheu vor Politikern, weil er selbst scheinheilig, verantwortungslos und politisch abscheulich agiert.

Anders als Trump wird er damit auch nicht mehr Anhänger gewinnen. Trump ist politisch unbelastet und für seine Anhänger glaubwürdig, Seehofer nicht. Zu Trump gibt es für sein Anhängerspektrum keine Alternative, zu Seehofer schon – die AfD. Der Bayer schadet damit allen, ohne selbst am Ende gewinnen zu können.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Heunemann auf Twitter folgen: @der_heune

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