Die Pegida-Therapie

Von Sebastian Grundke am 15. Februar 2016

Immer mehr Menschen wehren sich gegen Rechtspopulisten und versuchen, deren Anhänger zu überzeugen. Ihre Leistung wird von Politik und Medien nicht ausreichend gewürdigt.

Immer mehr junge Erwachsene, Aktivisten und engagierte Bürger wollen nicht mit ansehen, wie etwas lang Erprobtes und Gutes in Deutschland vergessen wird: jene gesellschaftliche Übereinkunft nämlich, dass sich die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten nicht wiederholen darf und jede Entwicklung in diese Richtung intolerabel ist.

Diese Menschen diskutieren vor allem im Web mit Pegida-Anhängern, AfD-Mitgliedern, Trollen und Aluhüten – eben jenen Menschen, die sich von der Gesellschaft verlassen oder abgehängt fühlen, so dass sie im Internet – oft anonym – Presse, Migranten und Islam mittels kruder Fantasien die Schuld an etwas geben, was sie als die Misere ihres Lebens empfinden.

Ein neuer Teil unserer Zivilgesellschaft liest Erfundenes, Verstiegenes und rechtlich Fragwürdiges von rechts und hält dagegen. Momentan lassen wir ihn mit dem Kummer, der Trostlosigkeit und der Wut von Arbeitslosen, verarmten Rentnern, Verlierern der Wende, schlecht Ausgebildeten und einem immer größeren Teil der klassischen bürgerlichen Mitte allein. Das muss sich ändern.

Dieser wenig beachtete Teil unserer Zivilgesellschaft verdient deshalb die Aufmerksamkeit von Politik und Medien mehr als rechte Populisten und deren Anhänger. Denn er ist es, der sich mit gedanklichem und emotionalem Giftmüll herumschlägt, den Terror, Nachwehen von deutscher Einheit und weltweiter Finanzkrise sowie die Schattenseiten der Globalisierung mit sich bringen.

Momentan ist nämlich ein wichtiger Teil der deutschen Identität krank: ihr Geschichtsbewusstsein und damit ihr verantwortungsvoller und konsequenter Umgang mit Geschichte in Zusammenleben und Politik.

Sebastian Grundke arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er schreibt jeden Montag die Kolumne „Was mich bewegt“.

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