Wie käuflich sind Journalisten?

Von Volker Warkentin am 16. Februar 2016

Der Fall des „Welt“-Jounalisten, der die AfD beraten wollte, wirft Fragen nach der Unabhängigkeit der Medien auf. Die Spielregeln sind eindeutig, aber die Praxis ist es nicht immer.

Da wollte einer ganz schlau sein und war doch nur dummer als die Polizei erlaubt. „Welt“-Reporter Günther Lachmann wollte der rechtspopulistischen AfD gegen Bares mit Rat und Tat zur Seite stehen. Allerdings heimlich, denn seinen Job bei der „Welt“ wollte er behalten. Sein Spiel flog auf: Jetzt ist Lachmann sowohl seine Stelle als auch seinen Ruf los. Und wie sieht das bei anderen Journalisten aus?

Den rechtsradikalen Krakeelern, die ständig das Wort von der „Lügenpresse“ im Munde führen, hat Lachmann eine Steilvorlage geliefert. Bestätigt er doch das Vorurteil von schmierigen und käuflichen Journalisten, denen fehlendes Rückgrat eigen ist. Der Journalist, der bei Springers „Welt“ für die „Alternative für Deutschland“ zuständig war, hatte den Populisten eine Beratertätigkeit angeboten und soll dafür 4000 Euro monatlich verlangt haben, die entweder an seine Frau oder einen Mittelsmann gezahlt werden.

Das war eindeutig eine Grenzüberschreitung, zumal Lachmann der AfD sogar den Entwurf eines Strategiepapiers übermittelte. Damit hat er es ganz klar an der notwendigen Distanz zum Berichterstattungsobjekt fehlen lassen. Mit dem Rausschmiss zog der Springer-Verlag die richtigen Konsequenzen: “Ein Journalist, der sich als PR-Berater einer Partei andient, hat seine Unabhängigkeit verloren, seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt – und damit seinen Job“, so „Welt“-Chefredakteur Stefan Aust.

Austs Satz sollten sich alle Journalisten ins Stammbuch schreiben. Denn die Grenze zwischen Merkern und Tätern ist in der Berliner Republik unscharf geworden. Kein Wunder, dass es nicht nur von rechtsaußen Kritik an einer allzu großen Nähe zwischen Politikern und Journalisten gibt. Hinzu kommt, dass mancher Journalist gerne Vergünstigungen in Form von „Presserabatten“ in Anspruch nimmt.

Das ist mit dem hohen Anspruch vieler Medienarbeiter unvereinbar, die „Vierte Gewalt“ im Staate zu sein. Wer sich gleichberechtigt neben Legislative, Exekutive und Judikative sieht, sollte besonders strenge Anforderung an sich selber stellen. Nur wer sich von Zuwendungen jedweder Art frei macht, kann das Wächteramt wahrnehmen, das die Journalisten gerne für sich beanspruchen.

Dabei bieten die publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserats ausreichend Orientierung. So heißt es in Ziffer 6 der Grundsätze: „Journalisten und Verleger üben keine Tätigkeiten aus, die die Glaubwürdigkeit der Presse in Frage stellen könnten.“ Geächtet ist auch eine Politik des Handaufhaltens: „Die Annahme von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein könnten, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion zu beeinträchtigen, ist mit dem Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar.“ Wer nach dieser Maxime handelt, kann aufrecht durch die Welt gehen und auf die vielzitierte „Schere im Kopf“ verzichten.

Dass der hehre Anspruch oft auf die harte Realität des Lebens trifft, ist aber auch klar. Diese schmerzhafte Erfahrung machen vor allem Lokaljournalisten, die im Gegensatz zu den Berliner Polit-Korrespondenten noch enger mit der Politik verbandelt sind. Die Kanzlerin zu kritisieren, ist oftmals folgenloser als dem Bürgermeister mit einem kritischen Kommentar an die Karre zu fahren. Der nimmt eher und länger übel als die Kanzlerin. Denn dem Stadtchef läuft der Journalist jeden Tag über den Weg, der Kanzlerin nicht.

Nur eine ganz besonders enge Form der Nähe zwischen Politik und Medien kann man vielleicht durchgehen lassen. Ob Bundespräsident Joachim Gauck, Altkanzler Gerhard Schröder, dessen Ex-Vize Joschka Fischer oder FDP-Chef Christian Lindner: Sie alle sind oder waren durch die Liebe mit Journalistinnen verbunden.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, hat als junger Lokalredakteur unter der Verfilzung von Medien und Kommunalpolitik gelitten und hat sich deshalb in die große weite Welt des Politik-Journalismus aufgemacht. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint dienstags.

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Zaunkoenigin am 18. Februar 2016

Ui, ui, ui... Herr Warkentin. Sie sind mutig ;-)

**Denn die Grenze zwischen Merkern und Tätern ist in der Berliner Republik unscharf geworden. Kein Wunder, dass es nicht nur von rechtsaußen Kritik an einer allzu großen Nähe zwischen Politikern und Journalisten gibt. Hinzu kommt, dass mancher Journalist gerne Vergünstigungen in Form von „Presserabatten“ in Anspruch nimmt.**

Als ich das so ähnlich vor einigen Monaten in diesem Forum hier schrieb, war so mancher sehr entrüstet und hat genau das ganz weit von sich gewiesen.

Danke!

Was den Lokaljournalist angeht. Der bekommt oft genug vom eigenen Redakteur die Grenzen aufgezeigt, damit besagter Bürgermeister oder noch schlimmer, der gute Werbekunde nicht vor den Kopf gestossen wird und mit empfindlichen Sanktionen droht.

Dass es nicht leicht ist habe ich übrigens auch nie bestritten. Deshalb brachte ich allgemein Journalisten in jungen Jahren Anerkennung und auch etwas Bewunderung entgegen. Davon ist nur leider nur noch wenig übrig. Die Skepsis überwiegt.