Die Kühlschrank-Polizei kommt

Von Urs-Martin Kellner am 17. Februar 2016

Frankreich geht drastisch gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln vor. Droht das auch in Deutschland? Oder kriegen wir Konsumenten noch rechtzeitig die Kurve?

Morgens um 7 Uhr in Deutschland. Wir schreiben das Jahr 2020.

Rrrrrrrrrsssss!

Die Türklingel schellt schrill. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Rrrrrrrrrssss!

Entgeistert blickt Mutter Gesine im Morgenmantel durch den Türspion: „Großer Gott, die Politessen von der Lebensmittelpolizei!“ Der fünfjährige Junior hatte gestern seine Fischstäbchen mit Kartoffelsalat nicht aufessen wollen, und Papa Dennis hat die Reste einfach in den Mülleimer gekippt! Gesine hatte ihn gewarnt. Auf das Wegwerfen von Lebensmitteln stehen bis zu drei Jahre Haft. Jetzt hilft nur improvisieren. „Dennis“, zischt die Mutter Gesine zu ihrem Mann. „Schnell! Den Müllbeutel mit den Essensresten unters Kinderbett!“

Rrrrrrrssssssssssssssssss, noch einmal schrillt die Klingel, jetzt fast im Befehlston.

Gesine muss öffnen. „Kommen sie doch herein…“, ringt sie sich ein Lächeln ab, das jedoch nicht erwidert wird. Schon stehen die uniformierten Damen mit dem strengen Blick in der Wohnung. „Wir haben Informationen, dass sie Lebensmittel illegal vernichten?!“ Zielstrebig öffnen die Kontrolleurinnen den Kühlschrank: „Was passiert mit dem abgelaufenen Joghurt?“ „Essen wir noch“, stammelt Mutter Gesine. Während die Blonde der Politessen die Chargennummern der Joghurts notiert, zieht die Brünette den Mülleimer auf und schnarrt: „Warum hat ihr Mülleimerbeutel keine Kontrollnummer?“ Mama Gesine wird blass. Wie hatte Dennis das übersehen können? Seit dem neuen Lebensmittelwegwerfverbots-Gesetz müssen alle Müllbeutel nummeriert sein, um Lebensmittelstraftäter ermitteln zu können. Sie hatte Dennis immer gewarnt…

Zurück ins Jahr 2016. Dort könnte das Drama aus der Zukunft seinen Ursprung genommen haben. Wie jedes Jahr berichten die Medien über eine unglaubliche Verschwendung von Lebensmitteln. 313 Kilogramm Nahrung landen pro Sekunde in deutschen Mülltonnen. Das sind elf Millionen Tonnen im Jahr, von denen – je nach Studie – rund die Hälfte aus Privathaushalten stammt. Gleichzeitig hungert eine Milliarde Menschen auf der Erde. Ein grundsätzliches Problem von Wohlstandsgesellschaften, das nicht nur Philanthropen auf den Magen schlägt. Jahre der Appelle und Ermahnungen haben daran nichts geändert. Selbst Heinrich Hoffmanns bedrohlicher Suppenkasper scheint seit 1845 wirkungslos.

In Frankreich haben Nationalversammlung und Senat deshalb ein Gesetz beschlossen, das auf den Handel zielt: Supermärkte ab 400 Quadratmetern Größe sind verpflichtet, nicht verkaufte Waren billiger abzugeben oder zu spenden. Ungenießbare Lebensmittel sollten zu Tierfutter verarbeitet oder kompostiert werden. Verstöße dagegen können, wie das RTL-Nachtjournal am 15. Februar verkündete, „ernste Folgen haben, zum Beispiel Gefängnis oder eine Strafe von bis zu 75.000 Euro“. So will die französische Regierung die Abfallmenge bis zum Jahr 2025 halbieren.

Das Gesetz stößt bei umweltbewegten Menschen und Verbänden allerdings nur auf mittelmäßige Begeisterung. Nicht, weil sie staatliche Vorschriften ablehnen würden, nein, weil die Regelung nicht umfassend genug scheint. Dem World Wildlife Fund (WWF) greift eine Lösung wie in Frankreich zu kurz, denn laut eigener Studie „Das große Wegschmeißen“ ist am Lebensmittelmüll der Handel nur mit 14 Prozent beteiligt. 61 Prozent entstünden im Einzelhandel, Großhandel, der Gastronomie und bei der Erzeugern, 39 Prozent in den Privathaushalten.

„Daher fordern wir für Deutschland eine Gesamtstrategie, die alle Bereiche berücksichtigt und in die Pflicht nimmt“, so der WWF. „Diese braucht sicherlich in Teilen auch gesetzliche Regelungen – damit Unternehmen, die sich besonders für die Vermeidung von Lebensmittelabfällen einsetzen, nicht im Wettbewerb benachteiligt werden. Beispielsweise haben Händler Angst, dass ihnen die Kunden weglaufen, wenn sie nicht mehr für die gesamten Öffnungszeiten ihres Ladens alle Brot- oder Gemüsesorten vorrätig haben.“

Bei allem Verständnis: Mit Gesetzen, Vorschriften und Strafen wird sich das Problem nicht lösen lassen. Es sei denn, wir wollen eine Planwirtschaft (die bekanntermaßen nicht funktioniert) oder wir finden unser kleines Zukunftsszenario oben erstrebenswert.

Zudem stellt sich die Frage, wie die hier eingesparten oder recycelten Lebensmittel den Hungernden dieser Welt zugute kommen sollen? In den Müll fliegen mehrheitlich nicht die nahezu ewig haltbaren Lebensmittel, sondern die verderblichen. Große Verschenkungsaktionen über die Tafeln hinaus verzerren den inländischen Markt. Warum soll Otto Sparfuchs für etwas bezahlen, wenn er alles in durchaus genießbarer Qualität später umsonst bekommt?

Ändern kann wirklich nur etwas der Verbraucher, denn seinetwegen schmeißen Handel und Erzeuger die Lebensmittel weg: Was nicht verkäuflich ist, landet im Müll, was verkauft werden kann, wird verkauft. So funktioniert Marktwirtschaft. Viele Supermärkte bieten Waren mit erreichter Haltbarkeit schon zu reduzierten Preisen an. Einfach mal zugreifen und nicht „ihhhh“ schreien, weil eine Erdbeere einen braunen Fleck, ein Apfel eine Druckstelle oder eine Gurke eine Krümmung zu viel hat.

Und vielleicht sollte man „Lebensmittelkunde“ in die Lehrpläne der Schulen aufnehmen. Wann ist Nahrung einfach nur nicht schön anzusehen, wann ist sie wirklich verdorben und ungenießbar? Die meisten Schulkinder haben ohnehin keine Vorstellung mehr, wie Lebensmittel erzeugt werden und scheinen zu glauben, Tomaten wachsen in sortierter Größe unter Folie im Sechserpack-Pappkarton zu je ein Kilo. Ein Ergebnis des EU-Normierungswahnsinns, den man ruhig mal überdenken dürfte.

Wenn es Verbraucherverbänden und Umweltschützern gelingen würde, Verbrauchern die Angst vor Lebensmitteln der Güteklasse B zu nehmen, wäre mehr gewonnen, als einmal mehr den Gesetzesdschungel auszuweiten und den vormundschaftlichen Staat zu stärken.

Urs-Martin Kellner, Autor in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Rechts gedreht“ jeden zweiten Mittwoch.

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Haggi am 18. Februar 2016

Dieser Beitrag zeigt mir, dass das Problem der Lebensmittelverschwendung noch nicht überall verstanden wird. Es geht bei gesetzlichen Regelungen gegen Lebensmittelverschwendung nicht darum, das Linke die Menschheit drangsalieren und zwangsbeglücken wollen. Es stimmt, der Handel hat nur einen relativ geringen Anteil an der Verschwendung; allerdings kann das Wegwerfverbot dazu führen, dass der Handel in Zukunft vernünftiger einkauft (vielleicht müssen nicht _immer alle_ Regale voll sein) und damit seine Lieferanten dazu bringt, eine Überproduktion zu vermeiden. Das eigentliche Problem ist aber nicht ob man wegwirft oder wiederverwertet, denn auch nach dem Wegwerfen kann vieles wiederverwertet werden (z.B. durch Kompostierung oder Verbrennung). Das eigentliche Problem ist der enorme Ressourcenverbrauch für die Herstellung von Lebensmitteln: Landschaftsverbrauch, CO2-Ausstoß, Düngemittel, Pflanzenschutzmittel, Urwaldvernichtung für den Anbau des Sojas, das die Rinder fressen, die wir dann essen, etc. Je weniger Essen wir verschwenden, desto weniger Ressourcen verschwenden wir für deren Herstellung. Eine Lebensmittelpolizei brauchen wir nicht; vielleicht reicht es, wenn mehr Menschen Nutzen von ihrer Vernunft machen.