Stinkefinger für Michael Moore

Von Falk Heunemann am 18. Februar 2016

Bei der Europa-Premiere von “Where to Invade Next“ beweist Michael Moore: Mit der Wahrheit nimmt er es in seinen Filmen nicht so genau. Das fällt selbst seinen Fans auf.

Tatsächlich ein Stinkefinger. Der Mann neben mir reckt ihn hoch, mitten in der europäischen Filmpremiere von “Where to Invade Next” von Michael Moore. Dabei hatte er bislang zu Szenen gekichert und mit applaudiert, der Film schien ihm gefallen zu haben, wie so vielen hier im Friedrichstadt-Palast. Bis zu dem Moment, als es um Deutschland geht.

Der Film, eine Mischung aus Dokumentarfilm und Essay, ist zunächst ein typischer Michael Moore: Der Oscar-Gewinner wurde berühmt mit seinen kurzweiligen, zynischen und zugleich aufwändig produzierten Polemiken über alles, was Linke über die USA aufregt: die Waffenliebe („Bowling for Columbine“), die Globalisierung („Roger&Me“), Präsident Bush („Fahrenheit 9/11“), der Kapitalismus („Capitalism: A Love Story“).

“Where to Invade Next” geht weiter: Es wird ein großer Rundumschlag gegen alles, was in den USA schiefläuft und anderswo scheinbar besser läuft. Dafür reiste Moore in mehrere Länder, um dort tolle Ideen für die Amerikaner zu klauen – symbolisch mit Erobererflagge. In Italien zum Beispiel bewundert er den bezahlten Urlaub und die arbeitnehmerfreundlichen Unternehmer, in Frankreich das tolle 4-Gänge-Schulessen in der Normandie, in Norwegen das komfortable Gefängnissystem, in Portugal die Straffreiheit für Drogenkonsum.

Die Amerikaner, will Moore zeigen, sind so viel rückständiger, die Europäer so viel klüger, sozialer, fortschrittlicher, menschlicher. Deshalb wird immer wieder kräftig applaudiert in Berlin.

Dann geht der Film nach in Deutschland. Moore besucht eine Bleistiftfirma Faber&Castell und staunt über Fenster in den Produktionshallen. Er wundert sich, dass Arbeitnehmer einfach und kostenlos Kuren verschrieben bekommen können. “Hier gibt es eine lebendige Mittelschicht”, kommentiert er. “Zweitjobs kennt man hier nicht”, die Beschäftigten wüssten gar nicht wohin mit ihrer vielen Freizeit. Vor allem aber bewundert er die deutsche Erinnerungskultur, mit Stolpersteinen, Gedenkschildern, Mahnmalen mitten in Berlin. Und er zeigt eine Schulklasse, die gewissenhaft den Holocaust studiert.

Da geht der Stinkefinger hoch, der Applaus wird spärlicher

Warum, frage ich den Sitznachbarn später. Er habe viel mit Schulklassen zu tun, sagt der Mann. Sicher, sie lernten die wichtigsten Fakten und hörten sich viel an. Aber verinnerlichten sie es auch? Warum gab es dann den NSU, warum hat die AfD solch einen großen Erfolg?

Moore mache es sich mit Deutschland viel zu einfach, sagt der Mann.

Wirklich nur mit Deutschland? Italien feiert Moore für die vielen Arbeitnehmerrechte. Dass 12 Prozent allerdings gar keinen Job haben (doppel so viele wie in den USA) und die Jugendarbeitslosigkeit gar bei fast 50 Prozent liegt, verschweigt er.

In Island und in Tunesien zum Beispiel feiert er den Feminismus: Frauen, das zeigten diese Länder, seien die besseren Politiker, die besseren Unternehmer, die besseren Banker – da gibt es sogar Sonderapplaus im Friedrichstadt-Palast. Sicher, so Moore, es habe die isländischen Finanzkrise gegeben. Aber dass eine “Bank”, die von Frauen geführt wird, als einzige Gewinne machte, das könne doch kein Zufall sein.

Kleiner Schönheitsfehler: Audur Capital ist keine Bank, sondern ein geschlossener Fonds. Und der wurde inzwischen von den Eigentümerinnen verkauft und ging in Virding auf.

Dass die Deregulierung, die die Finanzkrise ermöglichte, auch von Frauen beschlossen wurde, erwähnt er natürlich nicht. Auch nicht, dass der Anti-Establishment-Kandidat Jon Gnarr, der in Folge der Krisenunruhen zum Bürgermeister der Hauptstadt gewählt wurde, eine Frau ablöste. Ach, und dass in Island gerade einmal 300.000 Menschen leben, taucht an keiner Stelle auf, während er von allen anderen Ländern die Einwohnerzahlen einblendet.

In Frankreich schreibt er dem Schulessen die integrative Macht zu, wenn Kinder armer wie reicher Eltern oder auch von Migranten sich darüber anfreunden. Ohne zu erwähnen, dass Frankreich eins der größten Rassismusprobleme in Europa hat oder dass es dort ein ausgeprägteres Elitendenken gibt als anderswo.

Das alles sind keine fundamentalen Fehler. Aber sie zeigen, wie Moore arbeitet. Er betont alle Argumente, die seine These stützen, ordnet sie aber nicht ein und verschweigt alles, was seiner Aussage widersprechen könnte. “Ich pflücke die Blumen und lasse das Unkraut stehen”, sagt er zwar gleich zu Anfang, wahrscheinlich, um Vorwürfe von Schönfärberei aufzufangen. Aber auch bei Blumen muss man genau beschreiben, in was für einem Umfeld sie wachsen konnten und ob sie womöglich schön aussehen, aber vielleicht auch Dornen haben oder giftig sind.

Trotzdem lohnt sich der Film gerade für das deutsche Publikum. Auch wenn Moore sogar vor der Premiere per Videoeinspielung – er konnte wegen Lungenentzündung nicht anreisen – warnt, es könne den Deutschen manches merkwürdig vorkommen, der Film richte sich ja nun mal vor allem an Amerikaner.

Dennoch: “Where to invade next” dokumentiert, trotz seiner Vereinfachungen, viele soziale Errungenschaften der letzten Jahrzehnte: 30 Tage bezahlter Urlaub für Arbeitnehmer, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Mutterschaftsurlaub, kostenlose Bildung, zunehmende Gleichberechtigung für Frauen, eine große Mittelschicht. Und auch eine aktive und breite Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte – auch trotz NSU und AfD.

So mag sich der Film an Moores Landsleute richten. Er zeigt aber gerade den Europäern und Deutschen auch auf, wie gut es ihnen in Wahrheit geht – auch wenn es ihnen nicht bewusst sein mag.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Heunemann auf Twitter folgen: @der_heune

Fotos zur Premiere:

Die Darsteller: https://goo.gl/photos/fKN4u7Uks4HGNec88 https://goo.gl/photos/7hN5t1HmTBQRzgbt7

Michael Moore: https://goo.gl/photos/6DWjWcKUnEWdTSUK9

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Jürgen Thiede am 24. Februar 2016

Sehr geehrter Herr Heunemann,
nach der Lektüre Ihrer Kritik habe auch ich mir Michael Moores Film auf Berlinale angeschaut. Und ich finde, dass Europa tatsächlich so fortschrittlich und menschlich ist, wie Moore es zeigt, auf jeden Fall fortschrittlicher und menschlicher als die amerikanische Gesellschaft.
Wie aktuell der Film für das amerikanische Publikum ist, für das Moore ihn gedacht hat, zeigt der gegenwärtige Vorwahlkampf, in dem Bernie Sanders (auch von deutschen Medien) als linker Spinner hingestellt wird, obwohl er nichts anderes als die Einführung einer gesetzlichen Krankenversicherung und die Abschaffung der Studiengebühren fordert. (Man muss auch kein deutscher „Linker“ sein, um sich über manche Entwicklungen in den USA aufzuregen, wie Sie schreiben.)
Warum ausgerechnet ein muslimisches Land wie Tunesien mehr Fortschritte bei der Gleichberechtigung der Frauen gemacht hat als die USA,
warum die Rückfallquote von Straffälligen in Norwegen 20% beträgt, in den USA aber 80%,
warum das finnische Bildungssystem in allen Rankings Bestnoten erhält,
sind Fragen, die der Film zurecht stellt und die Sie nicht hätten unerwähnt lassen sollen. Vor allem zeigt Moore jedoch, dass fast alle fortschrittlichen und mitmenschlichen Ideen, die anderswo verwirklicht wurden, aus Amerika stammen, dort aber inzwischen vergessen wurden oder verleugnet werden.
Natürlich kann man darüber streiten, wie erfolgreich deutsche Schulen bei der Behandlung der Nazi-Vergangenheit sind. Dass unser Land mit seiner Vergangenheit anders umgeht als die USA, ein „Land, das mit Völkermord geboren und auf dem Rücken von Sklaven erbaut wurde“, wie Moore sagt, kann allerdings niemand leugnen.

Falk Heunemann am 24. Februar 2016

@Jürgern Thiede: Vielen Dank für Ihre Kritik. Ich behaupte ja nicht, Michael Moore stelle die Lage völlig falsch dar. Aber er macht sie sich schöner, indem er seine Beobachtungen nicht einordnet. Kann man zum Beispiel das kleine, besonders ölreiche Norwegen (wo Ölförderung in Staatsfonds-Besitz ist) vergleichen mit den heterogeneren USA? Wussten Sie, dass trotz allem liberalen Strafvollzugs die skandinavischen Hauptstädte eine ähnlich hohe Kriminalitätsrate haben wie New York City mit seiner Law&Order-Politik (Quelle: EU ICS: http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Crime_statistics/de)? Dass es nicht erst seit 2015 das erste Sklaverei-Museum in den USA gibt, wie Moore behauptet, sondern bereits seit 1988, es heißt America's Black Holocaust Museum in Milwaukee?
Sind Museen überhaupt sinnvoll als Vermittler von Historie in einem Land mit dieser geografischen Ausdehnung? Eine Bildungfunktion erfüllen daher mehr Bücher, Filme und Serien - wie "Roots" 1977, die Serie wurde von 30 Millionen Amerikanern gesehen.

Oder dass in den Siebzigern nicht nur deshalb die Drogengesetze verschärft wurden (wie Moore es suggeriert), weil Schwarze sich Bürgerrechte erkämpften. Sondern weil Drogenhandel,-konsum und -tote drastisch anstiegen, bis zu den tödlichen Crack-Epidemien in den Achtzigern, mit Straßenschlachten zwischen Drogengangs in Miami, LA oder NYC (Der Kokainmarkt wird inzwischen auf jährlich 85 Mrd. Dollar geschätzt)?

Oder: Wie passt sein Lobgesang auf den gesunden und breiten deutschen Mittelstand zur statistisch gemessenen Einkommens- und Vermögensentwicklung in Deutschland?

Und: Moore stellt den europäischen Welfare-State in seinem Film als Vorbild dar. Der war jedoch nie eine amerikanische Idee. Das amerikanische Verständnis ist seit der Gründung, dass die soziale Gemeinschaft - Kirchgemeinde, Nachbar, Familie, private Spender - sich um Menschen kümmern, sei es bei Notfällen, Bildung. Nicht der Staat.
Ich sage ja nicht, dass das die bessere, zeitgemäße Lösung ist, aber das ist nunmal das US-Verständnis, das sich seit Franklin Roosevelts New Deal-Politik wandelt.
Dass Moore diese Ideen wie freie Bildung oder staatlich bezahlte Elternzeit als uramerikanisch verkauft, ist ein netter rhetorischer Trick, um die US-Zuschauer einzunehmen, aber redlich ist es nicht.

Jürgen Thiede am 25. Februar 2016

Sehr geehrter Herr Heunemann,
Ihre Antwort überzeugt mich nicht. Ich will nur auf eines Ihrer Argumente eingehen, den Wohlfahrtsstaat. Gibt es überhaupt „den europäischen Welfare-State“? Ist die soziale Sicherheit im skandinavischen Typ nicht viel umfassender als im deutschen oder französischen? Auf jeden Fall sind Deutschland und die USA insofern vergleichbar, als die Umverteilung von Vermögen bei uns ähnlich gering ausfällt. Die Leistungen unseres Sozialversicherungssystems sind allerdings höher.
Bleibt die Frage, ob Kranken-, Unfall- und Altersversicherung 'unamerikanisch' sind, weil sie in den USA (durch den Social Security Act von 1935 bzw. die Great Society-Reformen der sechziger Jahre) 50 bzw. 80 Jahre später als in Deutschland eingeführt wurden (bei der Arbeitslosenversicherung gibt es nur einen deutschen Vorsprung von 8 Jahren). Dienten Franklin D. Roosevelts oder Lyndon B. Johnsons Initiativen nicht dem ureigensten Ziel der amerikanischen Gesellschaftsordnung, jedem die Möglichkeit zu eröffnen, das zu tun, wozu er willens und in der Lage ist?
Überhaupt ist es in dem Film „Where To Invade Next“ nicht Michael Moore, der irgendwelche europäischen Ideen „als uramerikanisch verkauft“, sondern es sind die Moores Gesprächspartner, die die Menschen in den USA an ihre Werte erinnern, z.B. die Polizisten in Lissabon, die darauf hinweisen, dass das Verbot von „cruel and unusual punishment“ (Amendment VIII) seit 1791 Bestandteil der amerikanischen Verfassung ist. Was ist daran nicht „redlich“ oder „ein netter rhetorischer Trick“?

Falk Heunemann am 25. Februar 2016

Hallo,

es gibt den europäischen Wohlfahrtsstaat insofern, dass es in Europa (bei allen regionalen Unterschieden) seit Jahrzehnten ähnliche Vorstellungen darüber gibt, welche sozialen Aufgaben der Staat wahrzunehmen hat: Allgemeine Krankenversicherung, Bildung, Rente, Arbeitslosenabsicherung, Sozialleistungen für Eltern, Rechte für Arbeitnehmer(Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bei Urlaub) etc.
Diese Vorstellung gibt es in den USA nicht in diesem Maße. Erinnern Sie sich bitte nur mal daran, wie schwierig der politische Kampf um Obamacare war - fast anderthalb Jahrhunderte nach den Bismarckschen Reformen.
Was die Zitatgeber betrifft: Michael Moore hat sie ja ausgesucht, befragt, ihre Aussagen geschnitten und in sein Narrativ eingeordnet, sie sind nicht zufällig ihm vor die Kamera geraten.

Was den 8. Verfassungszusatz betrifft: "cruel and unusual punishment" ist für den Supreme Court und nicht die Todesstrafe (außer bei Kindern und Behinderten), sondern z.B. Verbrennen, Vierteilen oder seit einigen Jahrzehnten auch unverhältnismäßig lange Gefängnisstrafen für Ordnungswidrigkeiten oder kleine Straftaten.
Die Zitierung einer kurzen Formulierung aus der Verfassung reicht einfach nicht, um zu belegen, dass die Abschaffung der Todesstrafe eine alte US-Idee ist.

Nochmal, es geht nicht darum, dass irgendwelche Ideen "unamerikanisch" sind, sondern Moore behauptet ja, dass sie "uramerikanisch" seien und die Welt sie kopiert habe- und er sie nun wieder nach Hause bringen will. Das halte ich für eine Verdrehung der geschichtlichen Entwicklung - und daher für einen rhetorischen Trick.

Noch etwas: Die Umverteilung und ist in Deutschland um ein Vielfaches stärker und die Ungleichverteilung geringer als in den USA.
http://www.arm-und-reich.de/internationaler-vergleich/umverteilung.html.
Denken nur mal an die deutschen Renten- und Krankenversicherungssysteme, an Hartz-IV (von dessen Höhe Amerikanisch Arme nur träumen können.
oder nehmen Sie den Gini-Koeffizienten (Von 0 totale Gleichheit bis 1= einer hat alles, alles anderen nichts): Deutschland liegt bei 0,28 (ähnlich wie Dänemark und Finnland), die USA fast bei 0,5 (wie China oder einige afrikanische Staaten).