Sachsen – Vom Heimatstolz zum Chauvinismus

Von Volker Warkentin am 23. Februar 2016

Hoyerswerda, Bautzen, Clausnitz: Immer wieder fällt der Freistaat im Südosten durch rechtsradikale Umtriebe auf. Auch wenn Ministerpräsident Stanislaw Tillich sich distanziert – er und seine Amtsvorgänger sind an der Entwicklung nicht ganz unschuldig.

Sachsen macht wütend. Und Sachsen macht Angst. Ein rechtsextremer Mob bejubelt in Bautzen die Brandstiftung in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft. Tage zuvor blockieren in Clausnitz Rechte einen Bus mit Flüchtlingen. Die Polizei, die viel zu wenig Kräfte im Einsatz hat, geht massiv vor – gegen die Ausländer, nicht gegen die Randalierer. Das und die Rechtfertigungsversuche von Polizeiführung, Landes- und Bundesregierung machen den Skandal perfekt.

In keinem Bundesland scheint der Rechtsextremismus so tief verwurzelt wie im Freistaat. Nirgendwo bricht sich der Hass auf alles Fremde so massiv Bahn wie im Land der Eierschecke und des Blümchenkaffees. Zehn Jahre lang saß die NPD im Landtag, jetzt sitzt dort die AfD den Altparteien im Nacken.

Die seit 1990 regierende CDU hat den Menschen eingeredet, etwas Besseres zu sein und damit den Extremismus gefördert. Dabei tönte der erste Nach-Wende-Regierungschef Kurt Biedenkopf, die Sachsen seien gegen Fremdenhass immun. Das war ignorant, und vom Gegenteil hätten sich „König Kurt“ und andere Christdemokraten schon zu Anfang der 1990er Jahre nach den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda überzeugen können. Aber dass die Regierenden die rechten Tendenzen ignorierten oder schönredeten, rächt sich jetzt.

Eigentlich haben die Sachsen allen Grund zu einem selbstbewussten, vor allem aber weltoffenen Auftreten. Das bevölkerungsreichste der ostdeutschen Bundesländer steht für wirtschaftlichen Erfolg, die Arbeitslosigkeit in Dresden ist niedriger als in manchen Problemregionen der alten Bundesländer. Und die Sachsen – vor allem die in Leipzig – läuteten 1989 mit ihren legendären Montags-Demonstrationen das Ende des SED-Regimes und die deutsche Einheit ein.

Und nun kommen aus Sachsen Hassparolen gegen „Volksverräter“ in Politik, Justiz und Medien, die dem Islam angeblich Tür und Tor öffnen. Dabei gibt es im Freistaat eigentlich keinen Grund, zum Aufstand gegen den Islam aufzurufen. Schon gar nicht im Namen des Christentums. Denn 74 Prozent der Bewohner gehören keiner Religionsgemeinschaft an.

Sicherlich in der löblichen Absicht, das in 40 Jahren DDR verloren gegangene Landesbewusstsein wiederzubeleben, förderten die CDU-geführten Regierungen einen Sachsenkult, der in bestimmten rechten Milieus in Chauvinismus ausartete. Sie haben in der Flüchtlingskrise einen gemeinsamen Nenner gefunden, der wie ein Brandbeschleuniger wirkt.

Öl ins Feuer goss auch CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich mit seiner Erklärung, der Islam gehöre nicht nach Deutschland. Dass er die Täter von Bautzen als Verbrecher einstuft, ehrt den Landesvater. Er hätte sich aber schon früher von der rechten Gewalt distanzieren und den Verfolgungseifer von Polizisten und Staatsanwälten auf Neo-Nazis richten müssen.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, ist als junger Reuters-Journalist 1986 bei der Leipziger Frühjahrsmesse erstmals zu Besuch in Sachsen gewesen. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint dienstags.

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Zaunkoenigin am 23. Februar 2016

Und wenn sich jemand mal die Mühe machen würde nach den wirklichen Ursachen zu forschen und weniger das aufzulisten warum das Verhalten der Sachsen entsetzlich ist (ja, das ist es), dann kämen wir vielleicht auch irgendwann mal zu einer Erkenntnis und diese Erkenntnis würde ggf. Lösungsansätze ermöglichen.

Jedes Verhalten hat Ursachen. Und ohne die Gründe zu kennen kann man Verhalten nicht nachhaltig ändern. Es sei denn mit Gewalt und das wäre wiederum nicht nachhaltig.

Und nein, ich glaube nicht an die These, dass die Sachsen größenwahnsinnig sind und nur deshalb so agieren.

Was mich an ihrem Artikel ärgert ist folgendes:
*Die Polizei, die viel zu wenig Kräfte im Einsatz hat, geht massiv vor – gegen die Ausländer, nicht gegen die Randalierer*

Diese Aussage ist unüberlegt und vor allem haben Sie noch nicht einmal den Ansatz erkennen lassen, dass Sie sich gefragt haben, ob die Polizei Gründe dafür gehabt haben könnte die außerhalb von Fremdenhass zu suchen ist.

Ich werde Ihnen jetzt einige Gründe nennen warum der Polizist so gehandelt haben könnte.

a) Sprachbarriere. Selbst wenn beide Parteien Englisch sprechen dürfte das weder fließend noch in solchen Stresssituationen präsent sein.
b) Panik beim Opfer. Und Angst davor den vermeintlich sicheren Bus zu verlassen. Wer Angst/Panik hat (was man bei dieser Meute keine hatte, dann hat man wenig ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb), der reagiert selten logisch. Ich habe einmal miterlebt wie sich ein Mann mit Händen und Füssen weigerte sein brennendes Fahrzeug zu verlassen. Er musste mit körperlicher Gewalt aus dem Fahrzeug entfernt werden.
c) es musste schnell gehen. Zeit für langes "gut zureden" war da nicht.

Was wäre denn gewesen wenn einem der Flüchtlingen etwas passiert wäre weil ein Stein durch die Scheiben geworfen worden wäre? Mh.. hätte man dann nicht gerade anders herum argumentiert?

Ein wenig moralische Unterstützung der Polizei bei diesem schweren Job (und das noch unterbesetzt - aber auch das wollte man ja lange Zeit nicht wahrhaben. Ich erinnere mich da auch an einige Argumente hier im Opion-Club bei den letzten Wahlen) wäre schon angebracht.

TGR am 25. Februar 2016

Zwei Aspekte sollte man bei der Analyse des sächsischen Chauvinismus auch nicht unerwähnt lassen:
a) Der Umstand, dass in der Region wenige Migranten und so gut wie keine Muslime leben, sodass die Xenophobie und Islamophobie gar keine Möglichkeit hat, sich am realen Zusammenleben mit den Menschen abzuschleifen.
b) Der Biedermeiereske Rückzug des sächsischen Bürgertums ins Private während der DDR-Geschichte (sehr schön zu studieren übrigens in Uwe Tellkamps Roman "Der Turm"), der eine Denkstruktur auch in gebildeten Kreisen verhärtet hat, die auf Ausgrenzung und Mißtrauen gegenüber allem Fremden abzielt. Nicht umsonst behaupten sächsische Kollegen von mir gerne, der massive Zulauf zu Pegida in Dresden hat damit zu tun, dass im Tal der Ahnungslosen 40 Jahre kein Westfernsehen zu empfangen war (was ich für eine sehr simplifizierende Betrachtung halte).

Zaunkoenigin am 25. Februar 2016

Ja TGR, auch das wäre einen genaueren Blick wert.

Und die Geschichte der DDR-Gastarbeiter auch: http://www.politische-bildung-brandenburg.de/node/2137

Wie sollte und konnte auf diese Weise Akzeptanz und Toleranz anderer Kulturen und Mentalitäten entstehen?

Volker Warkentin am 25. Februar 2016

Da haben Sie einen Punkt gemacht, lieber TGR. Ich hatte auch das "Tal der Ahnungslosen" im Sinn, habe dann aber auf dessen Erwähnung verzichtet, weil nach über 25 Jahren auch der letzte Hintersasse sein enges Tal einmal verlassen haben dürfte. Sie wissen, was die Kürzel ARD und ZDF im Volksmund bedeuteten? Sie standen für "Zentrales Deutsches Fernsehen - Außer Raum Dresden". Trotz aller Widrigkeiten galten die vigilanten (sprich fischilanten) Sachsen aus dem DDR-Bezirk Dresden als Weltmeister im Antennenbau. Die Zahl der Ausreiseanträge war im Raum Dresden auch höher als anderswo in der DDR. Deshalb rückte dem reformorientierten SED-Bezirkschef Hans Modrow Anfang 1989 das SED-Zentalkomitee auf den Pelz. In der Frühjahrssitzung des ZK warf Honecker dem Dresdner wegen der vielen Ausreiseanträge in seinem Beritt auch mangelnde ideologische Wachsamkeit vor.

Und Ihnen, werte Zaunkönigin, sei gesagt: Fehlendes Verständnis für fremde Kulturen ist weder Entschuldigungs- noch ein Erklärungsgrund für Angriffe auf Flüchtlingsheime. Auch in der DDR waren Mord, Totschlag und Brandstiftung strafbewehrte Verbrechen,

Zaunkoenigin am 25. Februar 2016

Werter Herr Warkentin, nur weil Sie das negieren bedeutet das noch lange nicht, dass Menschen nicht so ticken. Fehlendes Verständnis und Angst und vielleicht noch wenig Bildung, das war schon immer ein explosives Gemisch. Und im Falle der DDR kommen noch die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen hinzu. Es war ein völlig anderes Leben.

Empörung alleine hilft niemanden wenn die Auslöser nicht identifiziert werden. Geht es Ihnen darum sich rechtschaffen zu empören und den moralischen Zeigefinger zu erheben, oder wollen sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten (und sie haben als Journalist viele) etwas dazu beitragen, dass vielleicht der eine oder andere auch anfängt sich in Frage zu stellen?

Und das hier empfehle ich zur Lektüre: http://publikative.org/2014/11/27/der-gescheiterte-antifaschismus-der-sed-rassismus-in-der-ddr/

Vielleicht akzeptieren nach dem Lesen, dass wir schon etwas weiter zurück schauen müssen wenn wir die Hoffnung auf Änderung behalten wollen. Und wir sollten auch insofern ehrlich zu uns sein und zugeben, dass wir im Westen die Chance auf eine andere Entwicklung hatten als die Menschen im Osten.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich suche keine Entschuldigungen! Aber ich suche Erklärungen. Im Grunde ist das doch wie bei Krankheiten. Ohne korrekte Diagnose keine Heilungschance.