Das Ende der Pressevielfalt für ein ganzes Bundesland

Von Falk Heunemann am 25. Februar 2016

Die Mediengruppe Thüringen legt ihre drei Zeitungstitel im Freistaat zusammen. Das ist ökonomisch kurzsichtig und publizistisch gefährlich.

Thüringen, so singt der dortige Volksmund seit Rainald Grebe, ist eines von den schwierigen Bundesländern: Denn es kennt ja keiner außerhalb von Thüringen. Und so ignorierte der Rest der Republik leider eine Pressemitteilung des dort ansässigen Zeitungsverlags (MGT) in dieser Woche: „Mediengruppe Thüringen stellt sich zukunftsfähig auf.“

Dabei hat diese Mitteilung es in sich. Denn sie kündigt an, dass Thüringen das erste Bundesland werden dürfte, das weitgehend von einem Zeitungsverlag medial kontrolliert wird, der Funke-Mediengruppe. Nach Monopolkreisen gibt es also womöglich bald das erste Monopol-Bundesland. Das gab es bislang nur im deutlich kleineren Saarland. Selbst im kleinen Bremen koexistieren der „Weser-Kurier“ und die „Nordsee-Zeitung“.

Laut dem „Zukunftsprogramm“ will die Mediengruppe die dort existenten drei Tageszeitungen „Thüringer Allgemeine“, „Ostthüringer Zeitung“ und „Thüringische Landeszeitung“ noch stärker zentralisieren als bislang schon. Konkurrenzredaktionen im Lokalen werden endgültig in „Gemeinschaftsredaktionen“ zusammengelegt. Der Mantelteil kommt bald nicht mehr aus drei eigenständigen Redaktionen, sondern von einer neuen Gesellschaft, die „Content-Lieferant für alle drei Titel“ werden soll.

Die Mediengruppe deckt den weitaus größten Teil Thüringens mit seinen rund 2, 2 Millionen Einwohnern ab – bis auf einige Orte im Thüringer Wald. Die Auflage aller drei MGT-Titel liegt bei rund 260.000 Exemplaren täglich. So viele haben auch die „Berliner Zeitung“, „Tagesspiegel“ und „tageszeitung“ – zusammen. Man stelle sich nur mal den Aufruhr vor, wenn diese drei in Berlin fusionieren würden.

Die Mediengruppe, muss man wissen, gehört der Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ-Gruppe). Die erklärt zwar, dass man wegen Auflagenkrise und Mindestlohn in Geldnot sei. Tatsächlich aber hatte Funke im letzten veröffentlichten Geschäftsjahr eine Rendite von mehr als zehn Prozent erwirtschaftet: 105 Millionen Euro operativer Gewinn bei einem Umsatz von 929 Millionen Euro wurden 2015 ausgewiesen. Die Thüringer Zeitungen waren dabei immer einer der wichtigsten und zuverlässigste Renditelieferanten.

Das reicht offenbar aber nicht mehr. Nicht, nachdem die Funke-Erben sich gegenseitig die Verlagsanteile abkauften und die Kosten dafür natürlich nun von den Zeitungen erwirtschaftet werden soll. Und weil Funke expandiert. Vor kurzem noch hatte der Konzern knapp eine Milliarde übrig, um Springer ein paar profitable Regionalzeitungen abzukaufen.

Davon aber ist natürlich keine Rede in der Pressemeldung.

Nun ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Verlag sich gerade auch in Thüringen umstellen muss. Das Land verliert mittelfristig an Einwohnern, aufgrund der niedrigen Geburtenraten und der abgewanderten jungen Generationen nach 1990. Zugleich sind die Anzeigenpreise zurückgegangen.

Aber ist eine Zusammenlegung, eine Inhaltemonopolisierung da wirklich die richtige Lösung? Das Problem daran zeigt sich in vielen Monopolkreisen: Fehlt ein journalistischer Konkurrent, hat die Redaktion keinen Druck mehr, aktuell zu berichten. Oder sich Mühe bei der Recherche zu geben. Und der Verlag fördert diese Haltung durch Stellenabbau und Zusammenlegen von lokalen Redaktionen. Im Irrglauben, die Leser können ja ohnehin nicht ausweichen.

Natürlich können sie: Mehr noch als früher bestellen sie die Zeitung einfach ab, ihnen reichen Fernsehen und das Internet. Der Auflagen- und Umsatzverfall, der vermeintlich verhindert werden soll durch die Zusammenlegung, wird in Wahrheit beschleunigt.

Das aber verheißt für die politische, wirtschaftliche und kulturelle Berichterstattung in diesem Bundesland nichts Gutes. Eine Zentralredaktion entscheidet künftig für das nahezu ganze Bundesland, ob es wichtig ist, was Ministerpräsident Bodo Ramelow oder AfD-Fraktionschef Björn Höcke im Landtag so treiben, ob das Gebahren der Kaliunternehmen an der Werra umweltschädlich ist oder wie kommentiert wird, welches Orchester im Freistaat erhalten werden soll.

Sicher, es gibt noch ein Landesfunkhaus des MDR, doch der ist traditionell journalistisch harmloser als die westdeutschen Pendants. Zudem ist Thüringen innerhalb des Dreiländersenders weitgehend bedeutungslos. Von den Festangestellten des Sender sind 6 Prozent in Erfurt beschäftigt, die Entscheider sitzen im sachsen-anhaltinischen Halle (radio) und im sächsischen Leipzig (Fernsehen), Fernsehdirektor Wolf-Dieter Jakobi und Intendantin Wille sind Sachsen, der Hörfunkchef ein Wessi mit Springer- und FAZ-Vergangenheit. Die „Bild-Zeitung“ gibt es übrigens auch noch in Thüringen, ist dort angesichts der Auflage von knapp über 40.000 und Miniredaktion aber weitgehend bedeutungslos.

Nun war Mediengruppe Thüringen schon in den letzten Jahren eine publizistische Macht im Land. Bis vor wenigen Jahren jedoch waren die Redaktionen von OTZ, TLZ und TA (bei der ich mal beschäftigt war) inhaltlich völlig unabhängig und Konkurrenten, sowohl im Mantel als auch in den größeren Städten wie Erfurt, Eisenach, Weimar oder Jena. Zudem bedienten sie unterschiedliche Klientel, sowohl politisch – die TLZ mit Sitz in Weimar richtete sich an die konservativen Kulturbürger – als auch regional: Die OTZ deckt den ehemaligen DDR-Bezirk Gera ab, die TA den ehemaligen Bezirk Erfurt. Viele Strukturen, Verkehrsströme und Identitäten sind immer noch mehr an den alten Bezirksgrenzen ausgerichtet als an den neuen Freistaatsgrenzen. Für einen Rudolstädter scheint Nordhausen oder Artern in Sachsen-Anhalt zu liegen, während die Nordhäuser die Rudolstädter wahrscheinlich für Sachsen halten. Die Metropolen Jena und Erfurt sind traditionell einander von Herzen abgeneigt.

Diesen Regionalsinn ignoriert jedoch die Strukturreform. Den Zeitungen dürfte es noch schwerer fallen, „Ihre Zeitung“ den Lesern zu empfehlen. Regionale Besonderheiten und Empfindlichkeiten kann der Mantel noch weniger berücksichtigen. Erst recht, wenn auch die Bundespolitikseiten irgendwann vollständig aus der Funke-Zentralredaktion in Berlin erstellt werden, nicht in Erfurt oder Gera. Für die Berliner ist es mehr – und sicher auch zuviel – Aufwand, jeweils die Positionen lokaler Bundestagsabgeordneter zu recherchieren oder zu prüfen, wie sich ein Gesetzentwurf für die Region auswirken könnte.

Formell soll es übrigens weiterhin drei Chefredakteure der Titel geben. Inhaltlich aber wird alles zentral produziert. Wozu das führt, kann man ahnen: Blattmacher und Redakteure haben künftig drei Chefs statt einem, denen sie gerecht werden müssen. Synergie und Effizienz geht anders.

Theoretisch könnte das Kartellamt diese Zusammenlegung stoppen. Publizistisch gesehen müsste es das auch. Allerdings: Es könnte so ausgehen wie Anfang der 1990er Jahre: Ein Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung wollten die damaligen Regionalzeitungen „Ostthüringer Nachrichten“, „Thüringer Allgemeine“ und „Thüringische Landeszeitung“ den Anzeigenvertrieb zentralisieren Das Kartellamt war jedoch dagegen. Da stellte der Verlag über Nacht – vom 30. Juni auf 1. Juli 1991 – die „Ostthüringer Nachrichten“ (OTN) ein, kündigte allen Redakteuren und übernahm sie einfach in eine neu gegründete Gesellschaft, die die neue „Ostthüringer Zeitung“ (OTZ) am nächsten Tag mit fast identischem Layout an alle OTN-Abonnenten und Kioske auslieferte. Dem Kartellamt blieb wenig anderes übrig, als das hinzunehmen.

Die Geschichte könnte sich nach exakt 25 Jahren wiederholen.

Falk HeunemannAutor in Berlin, war Jahre lang Politikredakteur der „Thüringer Allgemeinen“. Er schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Heunemann auf Twitter folgen: @der_heune

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Per am 26. Februar 2016

Find ich nicht gut diese Entwicklung, aber zumindest in Südthüringen gibt es immer noch "Freies Wort". Nicht unbedingt besser, aber der Text tut so als gäbe es gakeine Alternativen und das stimmt definitiv nicht.

ingmar frauding am 27. Februar 2016

Ich hatte die "Freude" ebenfalls ein Dutzend Jahre den Thüringer Medien ausgesetzt zu sein. Und ich muss sagen: ich habe immer weniger Unterschiede im Mantel von TA/TLZ/OTZ entdecken können. Die Artikel von DPA (bzw. nach der zwischenzeitlichen Agentur-Abo-Einsparung, wenn ich da Funke richtig erinnere) und AFP waren meist nur unterschiedlich angeordnet und betitelt. Der zentrale Mantel wird den LeserInnen kaum auffallen, weil er schon vorher kaputtgespart war.

Heute sind RedakteurInnen für komplette Seiten(!) allein zuständig - auch im Lokalen. Was soll ich da an eigenen Bundes- und Landespolitik-Inhalten erwarten, die über das Kürzen von DPA-Texten hinausgehen?
Zur Erinnerung: das Freie Wort bekommt seinen Mante seit einigen Jahren ebenfalls extern von den Stuttgarter Nachrichten die zur Südwestdeutschen Medienholding gehören.

Das letzte, was die MGT hat, sind die Lokalredaktionen und Sport und Kultur (die letzten beiden jenseits von Frauen-Handball und Theater Weimar im Bedeutungs-Nirvana).

Die Online-Redaktion war über Jahre damit ausgelastet, die Print-Artikel ins Uralt-CMS zu kopieren. Erst mit der Entlassung der letzten Klick-Kräfte und dem Weggang von Online-Chef Jan Hollitzer zur Berliner MoPo (wo er krasse Qualität liefert, wenns auch Boulevard ist), hat irgendjemand gemerkt, dass die Nazikommentare auf der Seite sich nicht alleine weglöschen. Seit neuestem gibt es also wieder Stellenausschreibungen für Online, dazu eine großflächige Paywall und den Versuch, auf Facebook ein paar Klicks zu kriegen.

Die MGT hat über Jahre jeden Trend verschlafen, sich kaputtgespart und einige LeserInnen durch Entlassung von Sergej Lochthofen vergrault. Das digitale Print-Format sah von 2000 bis 2015 gleich aus. Der Laden ist Altbacken in jeder Ecke.

TA TLZ und OTZ können mit der Zusammenlegung der Redaktionen nichts mehr kaputtmachen. Da war schon vorher Medienwüste und nur noch Simulation von Heterogenität. Irgendwann gibts ein Einheitslogo und dann wars das. Aber rentabel wirds bis dahin immer sein.

Passant am 27. Februar 2016

Nachdem ende 2014 bei den Anzeigenblättern die Konkurrenz so gut wie ausgeschaltet war und ab 2015 bei den Mitarbeitern „aufgeräumt“ wurde war das bei den Zeitungen abzusehen.

Andreas Kühn am 28. Februar 2016

Sehr guter Beitrag! Das "Freie Wort" wird auch in Südthüringen medialen Einheitsbrei nicht verhindern, zumal sowohl ZGT als auch "Freies Wort" SPD-nah sind. Andererseits tun sich zumindestens Nischen auf für lokale Portale. Wirklich gelackmeiert sind all diejenigen, die Print noch immer online vorziehen.

miplotex am 29. Februar 2016

Lesenswerter Beitrag, aber offenbar mit Distanz zu den Betroffenen und Beteiligten. Da kommt niemand zu Wort. Das sog. Zukunftskonzept wird schon heftig diskutiert in Bindersleben, TH und darüber hinaus. Hier irrt der Autor.

Falk Heunemann am 29. Februar 2016

@miplotex: Ich habe nie behauptet, dass das "Zukunftskonzept" in Bindersleben und Thüringen nicht diskutiert wird - im Rest der Republik hat es allerdings nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die es verdient.
Überdies: Da ich aus Thüringen stamme und selbst (wie im Text erwähnt) einige Jahre bei der TA war, können Sie davon ausgehen, dass ich durchaus noch über Kontakte verfüge. Dass im Text niemand zu Wort kommt, ist angesichts dessen, dass dies ein Kommentar (das ist ja hier opinion-club) ist, aus meiner Sicht nicht nötig, da es sich um meine Einschätzung der Situation handelt.

@Per: Die Süddthüringer Zeitung/Freies Wort ist nicht namentlich erwähnt, aber ich habe darauf verwiesen, dass es "Orte im Thüringer Wald" gibt, die nicht von der MGT abgedeckt werden. StZ/FW beziehen übrigens Inhalte für den Mantel zum nicht unerheblichen Teil von den Stuttgarter Nachrichten.

Thomas Hartmann am 1. März 2016

Typische Erfurt-zentrierte, verzerrte Sicht mit wenig Ahnung vom Gesamtbundesland.

Freies Wort und Südthüringer Zeitung und Meininger Tageblatt decken keineswegs nur einige "Orte im Thüringer Wald" ab, sondern den gesamten ehemaligen Bezirk Suhl, also den fränkischeb Südteil des Landes plus die Region Ilmenau.
Diese Zeitungen übernehmen einige wenige Beiträge von den Stuttgarter Nachrichten, sind aber redaktionell völlig unabhängig.

Außerdem erscheint in Altenburg, im Ostzipfel des Landes, noch eine Lokalausgabe der Leipziger Volkszeitung.