Die Lust der Briten am Harakiri

Von Claudia Wanner am 25. Februar 2016

Großbritannien entscheidet über seinen Verbleib in der EU. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Briten gegen die EU votieren, ist hoch. Dabei sind die wirtschaftlichen Risiken eines Austritts enorm – auch für den Rest Europas.

Für London werde es bitter, warnt Jamie Dimon, Chef der US-Bank JP Morgan. Er rechnet mit einer “massiven Verlagerung” von Aktivitäten weg vom heute wichtigsten Finanzzentrum. Wenn Finanzdienstleistungen nicht länger aus London in der ganzen EU angeboten werden können, dann sei die Attraktivität des Standorts dahin, warnt er.

Die Reaktion auf solche Warnungen in großen Teilen der britischen Bevölkerung? Bullshit. Reine Panikmache. Londons Ende als Finanzplatz habe die Welt schließlich schon heraufbeschworen, als das Land sich gegen die Teilnahme am Euro entschieden habe.

Richtig ist, dass niemand vorhersehen kann, welche genauen wirtschaftlichen Folgen ein Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU haben wird. Richtig ist aber auch, dass große Schocks der vergangenen Jahre – Stichwort Pleite Lehman Brothers – gezeigt haben, dass es plötzlich an Stellen zu Auswirkungen kommt, die niemand im Blick hatte, wie damals als beispielsweise der Geldmarkt plötzlich ausgetrocknet war. Ziemlich sicher dürfte daher der Vergleich mit dem Euro-Nicht-Beitritt hinken, schließlich hat sich die Wirtschaftswelt in den vergangenen 15 Jahren rapide weiter vernetzt.

Die Auseinandersetzung mit den potenziellen Brexit-Folgen gewinnt an Bedeutung. Immerhin sagen die Umfragewerte den Befürwortern eines Verbleibs nur noch eine Nasenlänge Vorspung vor dem Brexit-Camp voraus. Eine aktuelle Umfrage sieht das Verhältnis bei 52 zu 48.

Das Raus-Lager hatte zuletzt eine Reihe von Erfolgen zu verbuchen. Mit der Entscheidung des beliebten Londoner Bügermeisters Boris Johnson und des Justizministers Michael Gove, einem engen Vertrauten von Premierminister David Cameron, gegen den Verbleib in der EU zu stimmen, ist der Brexit salonfähig geworden. Vorbei die Zeiten, in denen sich nur politische Randfiguren und Exzentriker à la UKIP-Chef Nigel Farage dafür aussprachen, den Kanal endlich zu einer echten Grenze zu machen.

Ohnehin hat es der Mehrzahl der Briten immer schon an Leidenschaft für die europäische Idee gefehlt. Brüssel gilt als lästiger Moloch, der sich ausschließlich mit absurden Vorschriften in die libertäre Inselwelt einmischt. Das wird noch befeuert durch eine zum ganz überwiegenden Teil anti-europäische Presse. So verbreitet ist das Anti-Brüssel-Gedankengut, dass die Handelskonzerne Tesco und J Sainsbury und die Bank Barclays vor ein paar Tagen auf die Unterschrift eines offenen, pro-europäischen Briefes von einer Reihe von Konzernlenkern verzichtet haben, um Mitarbeiter und Kunden nicht vor den Kopf zu stoßen.

Um was aber geht es tatsächlich im Falle eines EU-Ausstiegs? Den Anfang machen dürfte eine chaotische Phase der Unsicherheit. Mit dem “Raus” werden schließlich jede Menge Details des Alltags unklar. Was passiert bei der Abfertigung von Waren an der Grenze? Zölle? Einfuhrbeschränkungen? Unter welchen Bedingungen dürfen EU-Ausländer im Land bleiben? Und Briten in der EU? Immerhin 1,8 Millionen leben auf dem Kontinent, über die Hälfte davon im sonnigen Spanien. Was wird aus europäischen Garantierichtlinien, dem Verbot überhöhter Roaminggebühren, europaweit geregelten Finanzprodukten?

Den vermutlich langwierigen Verhandlungsprozess über die Abtrennung dürfte erschweren, dass die EU-Verhandlungspartner keine Gefangenen machen werden, schon um potenzielle Nachahmer nicht weiter zu ermutigen.

Ist schliesslich ein neues Gleichgewicht, eine Phase der Sicherheit erreicht, dürfte der Handel deutliche Auswirkungen zu spüren bekommen. Der ungehinderte Zugang zum riesigen europäischen Markt wird dahin sein. Auch wenn die Engländer sich gerne anderes einreden: Die EU ist ihr wichtigster Handelspartner. Fast die Hälfte der Ausfuhren gehen dorthin – sie dürften für die EU zum großen Teil einfach zu ersetzen sein. Nach China, einem vermeintlichen Zukunftsmarkt für die Insel, werden weniger Exporte verschifft als in die Niederlande. Für die EU ist die Insel dagegen weniger wichtig: 14 Prozent ihrer Ausfuhren gehen nach Großbritannien.

Am Handel hängen auch eine Reihe anderer Branchen und Arbeitsplätze. Beispiel Auto: Was von Englands einst stolzer Branche übrig geblieben ist, sind heute vor allem Produktionsstätten ausländischer Konzern, etwa aus Japan. Für sie ist der Zugang nach Europa mindestens ähnlich wichtig wie der britische Markt selbst.

Oder was wird mit der Finanzbranche, mit über zehn Prozent Anteil ein wichtiger Treiber der britischen Volkswirtschaft? Ein beachtlicher Teil des Europa-zentrierten Geschäfts dürfte anderswo hinwandern. Beispiel Investmentfonds: 1 Billion Euro Vermögen werden heute im Königreich in sogenannten Ucits verwaltet, in Fonds, die in allen EU-Staaten angeboten werden können – mehr als doppelt soviel wie vor fünf Jahren. Ist das Land erst raus aus der Union, funktioniert dieses Modell wohl nicht länger. Das Geld würde rasch in andere Fonds-Zentren wie Luxemburg und Dublin umgeschichtet. Nochmal so viel Vermögen haben US-Banken in London unter Verwaltung. Sie habe große Abteilungen in der Stadt aufgebaut, zu einem beachtlichen Teil, um den europäischen Markt zu bedienen – was bald womöglich nicht länger funktioniert.

Auch die Vorteile eines schwächeren Pfundes dürften sich in Grenzen halten. Zwar werden durch die bereits begonnene Abwertung – das Pfund ist seit Wochen unter Druck – britische Waren im Ausland günstiger. Doch die Insel ist nie ein Exportweltmeister gewesen.

Bitter dabei für den verbleibenden Rest der EU: Entspannt zurücklehnen geht nicht. Die wirtschaftlichen Verwerfungen, die ein Brexit mit sich bringt, werden den Kontinent keineswegs unberührt lassen. Für Wirtschaftsteilnehmer außerhalb Europas ist schließlich genauso unsicher, was die Scheidung für den verbleibenden Teil der Union bedeutet. Der Abwärtstrend des Euro gegenüber dem Dollar gibt schon einen Vorgeschmack.

Claudia Wanner, Autorin in London, ertappt sich bis heute dabei, dass es sie überrascht, wenn englische Bekannte davon sprechen, im Urlaub “nach Europa” reisen zu wollen.

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TGR am 25. Februar 2016

Eine spannende Analyse. Interessant würde im Falle eines Brexits auch, ob die schottische Regierung noch einmal ein Unabhängigkeitsreferendum initiieren würde. Die Auswirkungen eines schottischen Austrittes auf das United Kingdom wurden ja beim Referendum 2014 bereits heiß, und z.T. auch fast apokalyptisch, diskutiert.

Claudia Wanner am 25. Februar 2016

Das naechste schottische Referendum wurde schon in Aussicht gestellt -http://www.bbc.co.uk/news/uk-scotland-scotland-politics-35625067. Mit dem Fall des Oelpreises haben sich allerdings auch die Argumente fuer ein unabhaengiges Schottland ein wenig verlagert ...

TGR am 25. Februar 2016

Ja, in der Tat ist die Frage nach einem wirtschaftlich "lebensfähigen" Staat Schottland eng mit dem Ölpreis verknüpft.

Nur habe ich die Befürchtung, dass unter gewissen Gesichtspunkten emotionale Reaktionen den Wählerwillen stärker beeinflussen als rationale Überlegungen - d.h. sollten die Briten mehrheitlich für einen Brexit stimmen, könnte eine emotionale Gegenreaktion der Schotten sie aus dem UK treiben. Zum Glück sind Unabhängigkeitsreferenden nicht schnell zu organisieren, sodass Emotionen verrauchen können.

Ich persönlich hoffe, dass dieselben Überlegungen, die die Schotten 2014 bewogen haben, im UK zu verbleiben, nun auch die Mehrheit der Briten dazu bringen, in der EU zu verbleiben - die Sorge vor einer unkalkulierbaren nahen wirtschaftlichen und diplomatischen Perspektive.

Claudia Wanner am 25. Februar 2016

Yup, das sehe ich genau so. Die Angst vor der Unsicherheit gilt hier auch als das staerkste "Pfund" mit dem die Remain-Fraktion wuchern kann ... Aber ob das in der Frage der traditionell ungeliebten EU genuegt, wird sich erst Ende Juni zeigen.

Thüringer am 26. Februar 2016

Der Versuch vorherzusagen, was nach einem Austritt passiert, ist wie das Lesen der Zukunft im Kaffeesatz. Fakt ist, dass die EU zum Vorteil für Nehmerländer ist. Eine immer mehr zunehmende politische Verflechtung ist der Grund, warum immer mehr Länder Abstand von der EU nehmen. Ein ausschließlich wirtschaftliche Ausrichtung, wäre zum Erhalt des europäischen Friedens ausreichend. Keiner kann sagen, wie die Situation für Deutschland wäre, hätte man den Euro nicht eingeführt. Wahrscheinlich ist aber, dass viele Länder ohne Deutschland die Bankenkrise nicht so leicht überstanden hätten.