Rudi Völler 2.0 – die neue Kommunikationsebene

Von Michael Siedenhans am 26. Februar 2016

Der Sportdirektor von Bayer Leverkusen ist bekannt für seine Ausraster. Damit bewegt er sich in bester Gesellschaft – in unserer Gesellschaft. Dennoch sollten wir von ihm lernen.

„Es gibt nur ein’ Rudi Völler!“ Das waren noch Zeiten, als die Fußballnation diesen Hit schmetterte. Es war der WM-Sommer 2002. Es gab noch kein Sommermärchen und noch kein Public Viewing in den deutschen Städten. Völler war Teamchef einer deutschen Nationalmannschaft, die es mit minimalistischen 1:0-Siegen und einem Titan im Tor bis ins Finale gegen Brasilien geschafft hatte. Rudi Völler war seinerzeit populär und noch sehr weise. Als ausgerechnet sein ehemaliger Mannschaftskollege Thomas Berthold ihm in den Rücken fiel und die Taktik der deutschen Nationalmannschaft scharf kritisierte, sprach Völler vor der versammelten deutschen Sportpresse ein italienisches Sprichwort und übersetzte: „Er hat die Gelegenheit verpasst, still zu sein.“ Dem Gutmenschen aus Hanau war es wichtig, sich keine Feinde zu machen.

Heute muss der Sportdirektor vom TSV Bayer 04 Leverkusen viele Feinde haben. Anders kann man seine regelmäßigen Ausraster nach Spielschluss nicht mehr deuten. Der Motzki vom Rhein artikuliert mit einer Vehemenz die Interessen seines Klubs, die einem Sorgen bereitet. Solidarität unter den Bundesligaklubs? Fair Play gegenüber dem Schiedsrichter? Vorbildfunktion für die Jugend? Es interessiert ihn offenbar nicht mehr, es geht ihm einzig und allein darum, das Beste für seinen Verein herauszuholen.

Und das ist schade. Jammerschade! Weil diese Haltung sich auf die Mitarbeiter seines Klubs abgefärbt hat. Cheftrainer Roger Schmidt ist so ein Beispiel. Stur wie ein Sauerländer hatte er sich beim Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund geweigert, der Anweisung von Schiedsrichter Felix Zwayer zu folgen und auf die Tribüne zu gehen. Daraufhin wurde das Spiel für neun Minuten unterbrochen. Das DFB-Sportgericht hat ihn dafür bestraft. Er ist für drei Spiele gesperrt und muss eine Geldbuße von 20.000 Euro zahlen. Zurecht! Man stelle sich vor, Schmidts Verhalten würde Schule machen, Trainer und Spieler in den unteren Amateurklassen würden den Entscheidungen der Schiedsrichter nicht mehr folgen. Der DFB könnte sofort seinen Spielbetrieb einstellen.

Aber warum beschäftigen wir uns eigentlich mit zwei Fußballern, die sich in der Öffentlichkeit so unanständig verhalten haben? Die Korruption der FIFA, die Steueraffäre Uli Hoeneß oder die Geldschiebereien rund um das Sommermärchen 2006 haben doch längst gezeigt, dass die Protagonisten des durch und durch kommerzialisierten Fußballs keine Vorbilder für die Gesellschaft sein können.

Vielleicht ist es genau das. Der Fußball ist nur noch ein formidables Abbild einer Gesellschaft, wie sie Nils Minkmar in seiner Spiegel-Kolumne „Kurz vorm Durchdrehen“ beschrieben hat: „Die Nerven liegen blank, Kooperation wird gemieden, Sprüche werden geklopft. Also werden Fäuste in der Luft geschüttelt oder auf die eigene Brust getrommelt.“

Und was könnte der Profifußball, der sich jedes Wochenende so bombastisch auf allen Medienkanälen inszeniert, dagegen tun? Vielleicht einfach mal den Ratschlag eines klugen Gutmenschen aus Hanau befolgen: nicht die Gelegenheit zu verpassen, still zu sein.

Michael Siedenhans, Jahrgang 1964, arbeitet seit 1998 bei der Medienfabrik Gütersloh und verantwortet als Chefredakteur unter anderem die Sportkommunikation. Er berichtete von vier Olympischen Spielen, zwei Fußball-Weltmeisterschaften und zwei -Europameisterschaften. Zudem war er von 2012 bis 2015 Lehrbeauftragter im Bachelorstudiengang Sportjournalismus an der Deutschen Sporthochschule Köln.

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