Deutschland ist türkisch

Von Sebastian Grundke am 29. Februar 2016

Die CDU-Politikerin Erika Steinbach hat ein gutes Näschen. Erst fand sie heraus, dass wir uns der Türkei annähern. Kaum haben wir das verdaut, entdeckt sie den nächsten Trend – unsere Annäherung an Indien.

In Deutschland herrschen bald türkische Verhältnisse. Die Deutschen lieben das Land der Bald-Europäer geradezu. Das lässt sich dort ablesen, wo dem Volksmund nach bekanntlich derlei Gefühle insbesondere stattfinden: im Magen nämlich. Rund 400 Millionen Döner-Sandwiches essen die Deutschen Statistiken zufolge jährlich. Die Currywurst wird zwar immer noch doppelt so häufig verzehrt, ist aber als besonders beliebter Snack auf dem Rückzug.

Nun ist es allerdings so, dass die Deutschen sich zwar Mühe geben, dem Bosporus-Staat nachzueifern. Dabei unterlaufen ihnen jedoch noch allerlei Fehler, wie wir auch Dank Frau Erika Steinbach wissen. Die CDU-Politikerin twitterte nämlich schon Ende 2015, dass der Beitritt der Türkei das Ende der EU sein würde. Da erscheint es logisch, dass beim deutsch-türkischen Verhältnis nachgebessert werden muss.

Beispielsweise ist es zwar so, dass in der Türkei Großbrände beliebte Ereignisse sind. Das stellte schon der Nobelpreisträger und Schriftsteller Orhan Pamuk, wenn auch nicht ohne Irritationen über sein eigenes Volk, in einem seiner Bücher fest: dass Türken nämlich traditionell gerne dort Picknickdecken ausrollen, wo gerade ein Brand zu beschauen ist. Fliegende Händler versorgen dann die Menge mit allem Nötigen und der Brand wird zum Volksfest – so beschreibt es Pamuk. Doch anders als in Deutschland wird ein Brand in der Türkei nicht wie zuletzt in Bautzen extra zu diesem Zweck gelegt. Das ist ein Irrtum der Deutschen beim Heranrutschen an die Türken.

Ein weiterer Punkt ist die Pressefreiheit: Natürlich ist es in Ankara, Istanbul und andernorts in der Türkei üblich, Journalisten zu demütigen und einzuschüchtern. Zuletzt kritisierte Staatschef Erdogan persönlich die Entlassung zweier unliebsamer Schreiberlinge aus der Untersuchungshaft. Nur ist es eben so, dass derlei Übergriffe auf Journalisten in der Türkei dem Vernehmen nach vom Regime gesteuert sind – und nicht wie in Deutschland routinemäßig von einer Volksbewegung gefordert werden. Auch hier hat Deutschland also noch Nachholbedarf.

Frau Steinbach selbst beschäftigt sich jedoch längst mit anderen Themen: Die Abgeordnete und Menschenrechtsbeauftragte twitterte jüngst ein Foto, das ein blondgeschopftes Kind umringt von Frauen aus Indien oder dem indischen Subkontinent zeigt. „Deutschland im Jahre 2030“ ist das Bild überschrieben. Es sorgte für allerlei Aufruhr in der Presse und das ist auch kein Wunder: Denn weder von einer anstehenden EU-Indien-Erweiterung, noch von einer wachsenden Zahl an Einwanderern aus dem indischen Raum war bislang etwas bekannt – eben bis Steinbach durch die Social-Media-Blume klar machte: Hier muss die deutsche Außenpolitik hingehen!

Bloß bestehen in Sachen Indien und Hinduismus vermutlich ähnlich viele gesellschaftliche Missverständnisse wie in Sachen Türkei und Islam. Sobald die sich zu klären beginnen, werden jedoch sicher auch Statistiken über den Verzehr von typisch indischem Fast-Food in Deutschland existieren. Lediglich wie ein solches Gericht dann heißen oder wie genau es schmecken wird, darüber lässt sich heute nur mutmaßen. Als sicher gilt nur, dass es wie Curry Wurst und Döner Kebap auch in Berlin erfunden werden wird.

Sebastian Grundke arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er schreibt jeden Montag die Kolumne „Was mich bewegt“.

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