Nur keine Angst vor Donald Trump

Von Urs-Martin Kellner am 2. März 2016

Der Mann mit der Tolle und den scharfen Sprüchen hat beim Super Tuesday einen Durchmarsch hingelegt. Besorgniserregend? Nein, denn selbst wenn er US-Präsident würde, würde Amerika nicht zu einer Art Drittes Reich 2.0.

Wer hat Angst vorm schwarzweißmalenden Mann? „Niemand!“, hätte vor einigen Monaten noch die Antwort gelautet. Doch seit Trumps Vorwahlen-Durchmarsch in sieben US-Bundesstaaten am Super Tuesday sind es viele – und nicht nur Muslime, Mexikaner oder Passanten auf der Fifth Avenue. Für jeden Menschen, der auch nur etwas Wert legt auf „Political Correctness“, „Fairness“ oder Toleranz gegenüber Minderheiten, scheint ein „Präsident Trump“ der fleischgewordene Alptraum. Ein Alptraum, der diktatorengleich sämtliche demokratischen Werte des Abendlandes über Bord wirft, womöglich einen Atomkrieg vom Zaun bricht und nach Feierabend Downtown New York zur Entspannung ungestraft ein paar Passanten über den Haufen schießt.

Könnte er das wirklich? Wohl kaum. Trump als Präsident wäre schräg, aber sicher nicht der weltpolitische Gau.

44 Präsidenten mit 57 Amtszeiten haben die Amerikaner bereits gewählt, darunter einige sehr fragwürdige Exemplare mit reichlich undemokratischen Attitüden: Prohibition, Kommunistenjagd, Watergate, militärisches Überengagement im Irak unter falschen Voraussetzungen… Doch zu keinem Zeitpunkt haben sich die USA in ein Drittes Reich oder eine Variante von Nordkorea verwandelt.

Auch Präsidenten können in den USA nicht unkontrolliert mit maßloser Führerhand regieren. Mal abgesehen von internationalen Verträgen und weltweiten Handelsbeziehungen oder wirtschaftlichen Verflechtungen: Am Kongress haben sich etliche Präsidenten die Zähne ausgebissen, obwohl der natürlich gerade zugunsten Trumps besetzt wäre. Aber auch im republikanischen Lager gilt Trump nicht ausschließlich als der Erlöser und hat Gegenwind. Der Kongress als Beifallsversammlung für unverantwortliche Präsidenten-Politik? Kaum vorstellbar.

Ein Präsident Trump könnte Amerikas Image zwar schaden, aber das Land nicht grundsätzlich in den antidemokratischen Abgrund stürzen. Liberale und autoritäre Stile haben sich in den letzten 20 Jahren ziemlich im Wechsel gehalten. Nach George Bush kam der weiche Bill Clinton, ihm folgte der Hardliner George W. Bush, der wiederum dem – fast möchte man sagen „sanften“ – Barack Obama Platz machen musste. Dass Obama zudem Afroamerikaner ist, zeigt: Die Vernunft geht in den Vereinigten Staaten schlussendlich nicht verloren. Es muss nicht immer ein schießwütiger Texaner oder ein Hollywood-Cowboy aus B-Movies sein.

Nach den wattebauschigen Obama-Jahren scheint das Pendel nun turnusmäßig (vorübergehend) in die andere Richtung zu schlagen: Law and Order im Western Style. Angst vor ISIS, illegaler Einwanderung, Kriminalität. Eine Mauer gegen Mexikaner bauen zu wollen, die Mexiko auch noch finanzieren soll, ist groteskes Stammtischniveau, trifft aber durchaus ein gar nicht so seltenes Bauchgefühl. Seien wir ehrlich: Hierzulande ist das auch nicht wirklich anders. Von ähnlichen Angst-Strömungen in der Mittelschicht und bei den sozial Schwachen profitieren in Deutschland oder Europa Bewegungen wie Pegida, die AfD oder andere Rechtspopulisten. Das Groteske daran: Im realen Leben der Bürger spielen aktuell sozialer Absturz durch Asylbewerber, Antänzer-Angriffe, (mexikanische) Drogenbarone oder ISIS keine Rolle.

Und wer fünf Tage Fernsehen und Zeitung meidet, wäre überrascht, wie schnell – bis auf diejenigen, die in wirklichen Brennpunkten leben – die so scheinbar allgegenwärtigen Bedrohungen aus dem Blick verschwinden. Mit dem neuerlichen Nachrichtenkonsum kommen auch die Sorgen wieder. Die Wahrnehmung ist schlimmer als die Wirklichkeit. Das ist auch das Traurige am (vorübergenden?) Aufstieg Donald Trumps: Man sollte sich weniger Sorgen um die Thesen Trumps machen als vielmehr um all die Mini-Trumps, die Trumps Thesen gut finden. Aufklärung täte not.

Aber noch ist „The Donald“ nicht Präsident. Und laut Umfragen, die leider keine Garantie sind, wäre Trump sogar der ideale Kandidat – für eine zukünftige Präsidentin namens Hillary.

Urs-Martin Kellner, Autor in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Rechts gedreht“ jeden zweiten Mittwoch.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 11 Bewertungen (4,45 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.