Warum sind Rechtspopulisten so feige?

Von Falk Heunemann am 3. März 2016

Frauke Petry, Erika Steinbach, Donald Trump sind Politiker, die Klartext reden. Heißt es. In Wahrheit aber scheuen sie sich davor mehr als andere.

Klartext, das heißt unverstellt, unverschlüsselt, eindeutig. Ein Inhalt wird kurz und prägnant benannt, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten. Fakten statt Höflichkeiten, Pointe statt Political Correctness. Das ist ein schöner Anspruch. Wohl deshalb gibt es Klartext, als Printmagazin, als Radioshow, als Fernsehsendung, als Punkgruppe, als Verlag.

Und in Form von Klartext-Politikern. Das sind politisch Aktive, die von sich behaupten, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, nicht um den heißen Brei zu reden, das Kind beim Namen zu nennen, Tacheles zu reden. Zu solch einem Politiker wird man durch Zuschreibung der Wähler, mehr noch aber durch den eigenen Anspruch. Wie sie diesem tatsächlich gerecht werden, zeigen drei – nicht ganz zufällig zusammengestellte – Beispiele aus den vergangenen Tagen:

Donald Trump: Der derzeit Führende bei den Republikanern im Rennen um die US-Präsidentschaftskandidatur wurde dieser Tage bei einem Fernsehinterview gefragt, ob er sich von Rassisten wie den “White Supremacists” und dem Ku Klux Klan (KKK) distanzieren würde. Seine Antwort: “I don’t know who that is”. Ist das Klartext? Der hätte entweder so geklungen: “Ich freue mich über jede Stimme, auch vom Ku Klux Klan.” Oder: “Klar, ich will mit dem KKK nichts zu tun haben.” Erst nach zwei Tagen kann er sich zu einer Distanzierung durchringen.

Erika Steinbach: Die Alt-Preußin und angebliche CDU-Menschenrechtspolitikerin twitterte jüngst ein Bild, auf dem ein kleines blondes Mädchen von lauter dunkelhäutigen Frauen umringt wird. Dazu die Überschrift: “Deutschland 2030”. Die Quelle des Bildes (wahrscheinlich aus Indien) ist unauffindbar, es tauchte zunächst in Spaßbildsammlungen auf, seit 2011 aber vor allem in rechtsextremen Foren, etwa in Rumänien, Israel und natürlich Deutschland. Die Kombination aus Bild und Zeile ist eigentlich unmissverständlich: So sieht Deutschland 2030 aus – lauter Dunkelhäutige dominieren, Blonde sind Exoten. Die Botschaft, gerade angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatten, ist für jeden klar. Außer für Steinbach: Sie könne gar nicht verstehen, was andere an dem Bild störe, das seien doch alles “freundliche Inder, die das Kind neugierig und interessiert ansehen”. Genau. Klartext hätte so geklungen: “Wenn das so weitergeht mit den Flüchtlingen, dann gehen wir Deutschen unter.” Gesagt hat das Steinbach aber nicht. Warum?

Frauke Petry: Im Interview fordert sie “notfalls den Einsatz der Schusswaffe” durch Grenzpolizisten, wenn Flüchtlinge illegal nach Deutschland einreisen wollen. Später redet sie sich raus: Will es erst so nicht gesagt haben (was wiederlegt wird), dann nur die Gesetzeslage wiedergeben wollen (was so nicht stimmt). Klartext wäre gewesen zu sagen: “Ja, ich will, dass Flüchtlingen mit allen Mitteln abgewehrt werden. Das Wohl des deutschen Volkes steht über dem von Flüchtlingen.” Davor aber drückt Petry sich.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, warum diese drei Politiker jeweils so handelten. Entweder, sie wussten es tatsächlich nicht besser – das ist aber unwahrscheinlich, dafür sind sie zu klug. Oder aber, sie sind Memmen. Sie scheuen sich, das zu sagen, was sie meinen. Weil sie fürchten, beim Wort genommen werden. Weil sie Angst haben. Nicht vor einer etwaigen Political Correctness, das ist nur eine billige Ausrede auf Hund-fraß-Hausaufgaben-Niveau. Sondern vor den eigenen Anhängern. Sie wollen allen nach dem Mund reden und keinen verprellen. Daher scheuen sie sich, sich klar und öffentlich zu positionieren. Dann, so ihre Furcht, könnten sie ja entweder die eine oder die andere Seite ihrer Anhänger verschrecken. Die Einen, das sind die Gemäßigten, die zwar die aktuelle Politik kritisch sehen, denen aber ein Gerede über Rassenüberlegenheit, Überfremdung oder unmenschliches Flüchtlingeabknallen zu weit geht. Und die Anderen, das sind die, die nur darüber reden wollen.

Ein mutiger Politiker bezieht hier Stellung. Er sagt klar und deutlich, was er denkt, egal, was die Einen oder die Anderen denken. Er steht zu seinen Überzeugungen und scheut sich nicht, das aus seiner Sicht Richtige zu tun und zu sagen. Selbst wenn er oder sie damit bei einer Mehrheit aneckt. Trump, Steinbach und Petry taten – und tun – das aber nicht. Sie drucksen, verklausulieren, lenken ab, wollen missverstanden, aus dem Zusammenhang gerissen worden sein. Das nennt man nicht Klartext. Sondern feige. Und so sollte man sie auch nennen, wenn sie das nächste Mal wieder ausweichen.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Heunemann auf Twitter folgen: @der_heune

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TGR am 11. März 2016

In einem anderen Kommentar habe ich schon darauf hingewiesen - es erinnert mich ein wenig an Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter"- frei zitiert: die beste Möglichkeit der Lüge ist es, die Wahrheit zu sagen - die glaubt nämlich niemand. Und so ist die Doppelstrategie aus Behauptung/Relativierung natürlich wunderbar: Überzeugte integrieren die präsentierte "Wahrheit" einfach in ihr Weltbild und kümmern sich nicht um die Reaktion, Kritikern kann man wunderbar vorwerfen, dass sie keine Satire verstehen/Humor haben oder alles durch ihre ideologische Brille sehen, was doch so harmlos ist (ein nettes kleines Bild vom blonden Mädchen in Indien).

Ihrem Text kann ich nur beipflichten - diejenigen, die angeblich ohne Kompromisse die Wahrheit sagen, sind diejenigen, die am wenigsten in der Lage dazu sind zu sagen: Entschuldigung, ich habe mich geirrt, heute sehe ich es anders.