Hitler lebt

Von Andreas Theyssen am 9. März 2016

Vergleiche mit dem braunen Führer sind gerade wieder en vogue. Intelligent sind sie aber nicht – sondern völlig kontraproduktiv.

Er ist wieder da. Derzeit in Mexiko. Dafür aber in der obersten Liga. Quasi auf Präsidenten-Niveau.

Mexikos Staatspräsident Enrique Pena Nieto hat Hitler wieder bemüht. Und natürlich in Zusammenhang mit Donald Trump, dem Betonfrisur-Betonkopf aus dem Nachbarland. Mit einer ähnlichen Rhetorik wie der US-Präsidentschaftskandidat, so Pena Nieto, seien schon Adolf Hitler und Benito Mussolini an die Macht gekommen.

Auch Felipe Calderón, Amtsvorgänger des Mexikaners, kommt an Hitler nicht vorbei, wenn es um Trump geht. Der, so sagte Calderón, sei ein Rassist, dessen Ideologie mit der Adolf Hitlers zu vergleichen sei.

Hitler ist en vogue. Mal wieder. Denn schon in der Nach-WK-II-Vergangenheit wurde er gerne bemüht, wenn es darum ging, Leute abzukanzeln, die sich sehr weit rechts des Mainstreams tummeln. Eine wechselnde Mode, die sich vor allem durch eines auszeichnet – sie ist kontraproduktiv.

Man kann Trump für einen Rassisten halten; als Mexikaner und Muslim muss man das aufgrund seiner wiederholten Ausfälle wohl sogar. Man kann Trump für einen Reaktionär halten. Man kann ihn für einen gefährlichen Populisten halten. Aber für eines darf man ihn auf keinen Fall halten: für eine Art Reinkarnation von Hitler.

Hitler war ein historisches Phänomen. Ein Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken die ganze Welt in einen verheerenden Krieg stürzte. Ein Mann, der Millionen in industriellen Vernichtungslagern abschlachten ließ, bloß weil sie eine andere Religion, Staatsangehörigkeit, Überzeugung oder sexuelle Orientierung hatten als er. Der Mann war ein Monstrum.

Wie gesagt: Man kann Trump vieles und zu recht vorhalten. Aber er ist kein Hitler. Genauso wenig wie Wladimir Putin. Oder der völkisch-tickende AfDler Björn Höcke. Und genauso wenig ist Frauke „Pinocchio“ Petry keine weibliche Wiedergeburt von Joseph Goebbels. Zwischen diesen aktiven Politikern und den damaligen Nazi-Größen liegen Dimensionen des Bösen.

Das weiß auch jeder Anhänger von Trump oder Petry. Und muss völlig zu recht auch jeden Hitler-Vergleich für absurd halten.

Hitler wird damit zur Totschlagkeule, die jede Diskussion niederknüppelt. Dabei sind Diskussionen mit eben diesen Anhängern von Trump oder Petry dringend nötig. Um argumentativ dazulegen, weshalb deren Positionen anti-demokratisch, rassistisch, nationalistisch, chauvinistisch etc. sind. Hitler hat dabei nichts zu suchen.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, hat sich schon in den 1970er und frühen 1980er Jahren gewundert, wie wahllos eigentlich Gutmeinende mit der Faschismuskeule verbal um sich schlugen.

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vortex am 9. März 2016

"weshalb deren Positionen anti-demokratisch, rassistisch, nationalistisch, chauvinistisch etc. sind"

Dann fangen sie mal an. Sollte nicht so schwer sein, offene Rassisten zu überführen.

TGR am 11. März 2016

Wenn ich eine Satiresendung des BR vor einigen Jahren zitieren darf: "Macht Denken dir Gehirnerweichung, greifst du zur Dritten-Reichs-Vergleichung"...

Natürlich ist es kontraproduktiv, heute lebende Personen mit historischen zu vergleichen bzw. in der Regel sogar gleichzusetzen (dasselbe gilt m.M. nach auch für aktuelle Situationen mit historischen, s. "Zustände wie in der Weimarer Republik" oder "spätrömische Dekadenz"). Und ich gebe Ihnen Recht - das versperrt den Zugang zu Diskussionen, es ist ein Totschlagargument.

Eines stört mich aber dennoch an dem Kommentar - die Bezeichnung von Hitler als Monstrum. Natürlich war er im Endeffekt verantwortlich für den gewaltsamen Tod von Millionen von Menschen. Aber er hat sie nicht alle allein umgebracht, er war eingebunden in ein Netzwerk von willigen Helfern, von - um es einmal dehumanisierend auszudrücken - kleinen und mittleren Zahnrädchen, die die Vernichtungsmaschinerie getrieben haben. Hitler selber hat wahrscheinlich nie ein Vernichtungslager besucht, und selbst wenn, hat er sicher keine sadistischen Triebe ausgelebt - er saß auf dem Olymp seiner Macht bequem, und hat per Dekret und Duldung sein Mordtreiben betrieben. Auf dem Papier oder per Wort läßt es sich leicht einen Menschen zu Entzug von elementaren Rechten, Gefängnis oder Tod verurteilen. Machen wir uns daher nichts vor - er war ein Mensch, und ein Mensch wie leider nicht wenig andere - er war nicht einzigartig, wären damals oder würden heute andere Menschen an seinem Platz sitzen, leider würden nicht wenige ähnlich handeln.

Andreas Theyssen am 11. März 2016

Bin vollkommen d'accord, dass Hitler nicht ein "Einzeltäter" war, sondern Millionen williger Helfer hatte. Allerdings: Der Krieg und die Vernichtung von jüdischen Mitbürgern sowie Andersdenkenden sind auf seinem Mist gewachsen, wie er es ja schon in "Mein Kampf" skizziert hatte. Alleine schon so etwas zu denken und auszuarbeiten, finde ich in der Tat monströs.

Zaunkoenigin am 12. März 2016

das ist nicht bewiesen, Herr Theyssen..
Es ist nicht belegt, dass der Grundgedanke jüdische Mitbürger zu vernichten auf seinem Mist gewachsen ist. Er hat die Vernichtung umgesetzt.
Der sogenannte „Führerbefehl“ zur Vernichtung der Juden ist bis heute nicht aufgefunden worden. Der Mufti von Jerusalem hat belegbar Einfluss auf Hitler gehabt. Ob es zutrifft, dass er Adolf Hitler auf die „Idee“ gebracht hat die Juden auszurotten, und nicht nur zu deportieren, darüber wird gestritten.
Wie auch immer. Wollen wir etwas aus der Geschichte lernen, dann müssen wir auch diesen Gedanken zulassen.

Zaunkoenigin am 12. März 2016

öhm.. weil mir gerne mal das Wort im Mund herum gedreht wird.. nein, Herr Theyssen, damit vertrete ich nicht die Meinung, dass das was Hitler und sein Gefolge getan haben weniger abstossend und unmenschlich ist. Mir geht es darum zu akzeptieren, dass auf dieser Welt mehr als nur "ein" Hitler zu so etwas in der Lage wären und auch sind.

Andreas Theyssen am 13. März 2016

Sicherlich, auch etwa Stalin, Mao oder Pol Pot haben Monströses "geleistet". Aber in dieser Kombination Krieg und industrielle Vernichtung Andersdenkender, Andersgläubiger etc. war der Herr schon recht einzigartig. Und er hat bereits in "Mein Kampf", das er Mitte der 1920er Jahre schrieb, von Juden als "Parasiten" gesprochen, die man entschieden bekämpfen müsse (der Schnelligkeit wegen hier nur der Wikipedia-Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Mein_Kampf#Inhalt). Einmal an der Macht, waren ein "Führerbefehl" oder persönliche Anwesenheit bei der Wannsee-Konferenz dann nicht mehr nötig.

TGR am 14. März 2016

Hmm... ich bündele einfach meine Replik auf die letzten vier Kommentare:
@Andreas Theyssen
Auch wenn es jetzt Rabulistik ist - ich stimme völlig zu, dass die Taten und das Denken von Hitler "monströs" waren. Ich sehe Hitler aber nicht als Monstrum - er war ein Mensch, ein homo sapiens wie Sie und ich. Wahrscheinlich stößt Ihnen dieser Satz bitter auf, und auch ich finde, dass er weh tut. Aber für das Selbstbild finde ich es auch wichtig, diese Idee weiter und zu Ende zu denken und im Hinterkopf zu behalten (gerade in Augenblicken großer Erfolge, wie ein kleiner Bediensteter, der hinter einem steht und flüstert: Bedenke, dass du sterblich bist).

@zaunkoenigin
Hr. Theyssen hat ja schon darauf hingewiesen - natürlich hat Hitler aus seinem Antisemitismus heraus bereits in seiner Festungshaft in "Mein Kampf" die Grundlagen seiner späteren Politik gelegt. Dabei ist nicht relevant, ob er damals schon auf einem Stückchen Papier notiert hätte "Bis 193x Deportationen und Einziehen von Vermögen, ab 194x Aufbau von Vernichtungslagern im besetzten Polen, etc." oder sich auf Grundlage seiner Kampfschrift die weiteren Entwicklungen auch ohne direkte und konkrete Anweisungen ergeben haben. Einig sind wir uns ja in dem Punkt, dass er es nicht allein war, der den Vernichtungsapparat aufgebaut und am Laufen gehalten hat, sondern dass es viele willige Helfer gab, die auch bisweilen in seinem Sinne agiert haben. Schwierig halte ich in diesem Zusammenhang allerdings die Einbringung alternativer Geschichtstheorien (z.B. Großmufti von Jerusalem). Natürlich kann man darüber - auf einem akademischen, quellengestützen Niveau - historisch diskutieren. Wenn es aber lediglich bloße Spekulation bleibt, und Ursache mit Begleiterscheinung verwechselt wird, gleitet das Ganze schnell in den Bereich Relativierung ab.

Zaunkoenigin am 14. März 2016

Meine Herren.. ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass Sie sich beide mit dem Mufti von Jerusalem, Hadsch el-Amin el-Husseini befasst haben.

http://www.israelnetz.com/hintergrund/detailansicht/aktuell/netanjahu-hitler-der-mufti-und-der-holocaust-93755/

Zaunkoenigin am 14. März 2016

und nochmal.. mir geht es nicht darum Hitler harmloser erscheinen zu lassen. M.E. ist es nebensächlich wer den initialen Gedanken zur körperlichen Vernichtung hatte. Mir geht es darum darauf hinzuweisen, dass nicht nur aus Deutschland/Österreich so etwas erwachsen kann... das Potential bieten alle Länder.

TGR am 14. März 2016

@zaunkoenigin:
Als das Thema Ende letzten Jahres kurz durch die Medien waberte (Spiegel, Zeit) habe ich es zur Kenntnis genommen - und als das abgeheftet, als das ich es immer noch sehe - ein historisches Puzzlestück, das aus seinem Zusammenhang gerissen und für eine "alternative Geschichtsdeutung" verwendet wird, die so historisch bisher weder belegbar noch besonders zentral ist. Hatte der Großmufti den Übergang von der Konzentrierung der Juden zur Vernichtung (so es diesen Übergang überhaupt gab, auch in der Reichspogromnacht wurden schon vereinzelt deutsche Juden ermordet) Hitler in irgendeiner Weise "eingeflüstert"? Die Antwort in dem von Ihnen verlinkten, seltsam lavierenden Artikel wird doch am Ende faktisch gegeben: "Der Mufti hat wahrscheinlich Hitler nicht zum Völkermord an den Juden inspiriert, aber er hat gewiss einen entscheidenden Einfluss ausgeübt [Anm.: am Fortlaufen des Völkermordes] und dann diese Ansichten mit seinen Propagandasendungen in der ganzen arabischen Welt populär gemacht." (letzter Absatz)

So wie ich das sehe, hatte der Großmufti vor allem Interesse an der Situation in Palästina. Hitler war dabei ein interessanter Verbündeter, immerhin stand er im Krieg mit den Besatzern, dem Englischen Empire. Interessant dazu auch das Protokoll des Treffens zwischen Hitler und el-Amin el-Husseini 1941 in Berlin -->
http://www.ns-archiv.de/verfolgung/antisemitismus/mufti/in_berlin.php

Vom Schicksal der europäischen Juden lese ich in dieser Quelle wenig, es ist für beide Parteien erstmal nicht relevant. Und die Verbindung zwischen el-Husseini und der Shoah ist dann auch denkbar schwach - sein Hauptinteresse war erst einmal, dass weniger bis keine Juden nach Palästina übersiedelten, d.h. soviele Juden wie möglich auf dem Kontinent zurückgehalten wurden. Wie das geschah, ob durch Konzentration in Lagern, Deportation und Verbannung in Madagaskar oder in Vernichtungslagern, war ihm wahrscheinlich einerlei, Internetquellen die ich noch Ende letzten Jahres gelesen hatte, deuten darauf hin, dass der Besuch in Vernichtungslagern eher ihn inspiriert hat.

Zaunkoenigin am 15. März 2016

TGR.. es ist ihr gutes Recht das als Unsinn abzutun. Das ist dann aber eine persönliche Wertung. So wie es die meine ist, dass die beiden sich gegenseitig "befruchtet" haben dürften. Ernsthaft.. es übersteigt meine Vorstellungskraft, dass ein Mensch alleine diese Monstrositäten ... diese Maschinerie entwickeln kann.

Diesen Link kenne ich. Er dokumentiert aber nun nicht wirklich alles und erhebt auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit.

Was ist für Sie so absurd oder so schrecklich, dass Sie den Gedanken ohne weitere Recherche so weit von sich weisen?

http://www.trafoberlin.de/pdf-Neu/David%20G%20Dalin%20Hitlers%20Mufti.pdf

TGR am 15. März 2016

@zaunkoenigin
Hitler war ja - wie hier in den Kommentaren schon festgestellt - nicht allein. Natürlich war die Vernichtung der Juden mit all den Planungen, der Logistik und der Durchführung nicht allein seine Idee und sein Werk. Seine willigen Granden sind namentlich allgemein bekannt, z.B. Himmler und Eichmann (Logistik), Göbbels und Streicher (Propaganda), Gauleiter wie Heydrich, Lagerleiter wie Höß und viele, viele andere. Und es war ein schleichender Prozess, eine langsam abwärts führende Spirale der Dehumanisierung, die von Ausgrenzung und Diskriminierung und den 30er Jahren über die ersten Toten bei der Reichspogromnacht 1938 hin zu der Verfolgung und Konzentration der Juden, die nicht rechtzeitig ausgereist waren, über die "Vernichtung durch Arbeit" in den Konzentrationslagern des Westens bis hin zu den Vernichtungslagern des Ostens ging. Die Täter haben sich Schritt für Schritt vorgetastet, die Grenzen der Menschlichkeit ausgetestet, bis sie nichts mehr hielt. Und das Erschütternde dabei ist auch: sie fühlten sich bis zum Ende im Recht. Aber dazu ist wahrscheinlich schon soviel geschrieben worden, dass ein ganzes Jahrzehnt nicht reicht, um es zu lesen, und es gibt soviele Filme/Dokumentationen dazu, dass ein ganzes Jahr nicht reicht, sie zu sehen....

Es hat auch nichts damit zu tun, dass ich den Gedanken von vorneweg absurd finde, dass el-Husseini etwas mit der Shoa zu tun hat, oder er und Hitler sich gegenseitig "befruchtet" hätten. Die Quellen, die ich dazu gesehen habe, und auch den letzten Artikel, den Sie verlinkt haben, geben das aus meiner Sicht nicht her. Das Gesprächsprotokoll des Treffens zwischen Hitler und el-Husseini ist überliefert (hatte ich schon verlinkt), andere direkte Treffen sind meines Wissens nicht bekannt (aber ich lasse mich gerne überzeugen). Beide verfolgten ja auch Interessen, die zwar überlappten, aber nicht deckungsgleich waren - Hitler seine Raumeroberungsphantasien, el-Husseini den Wunsch nach einem arabischen Staat Palästina. El-Husseini hat - und da stimme ich auch zu - sicher mit seinen Vorstellungen auch einen Teil zum Fortlaufen der Shoa beigetragen (indem er den Wunsch nach einem Aussetzen der Ausreise von Juden/jüdischen Kindern nach Palästina äußerte, vielleicht hätten andernfalls noch mehrere 10.000e Leben gerettet werden können). Und dass er Mitwisser war, scheint ebenfalls wahrscheinlich. Aber dass - hypothetisch gesprochen - sein "Fehlen in der Geschichte" auf irgendeine Weise eine massive Auswirkung auf die Geschichte der Shoa gehabt hätte, kann ich aus den Quellen nicht ersehen (diesen haben andere Protagonisten - oben waren schon einige genannt - zu verantworten gehabt). Mit dem aktuellen Palästina/Israel-Konflikt ist das übrigens m.M. nach etwas anderes - hier würde es ggf. anders aussehen, wenn el-Husseini nicht gewirkt hätte.