Industrie 4.0 ist Unsinn

Von Falk Heunemann am 10. März 2016

Auf der IT-Messe Cebit wird die Industrie nächste Woche wieder viel von Veränderung und Umbruch sprechen – dabei will sie in Wahrheit, dass alles so bleibt, wie es ist.

Am Montag wird in Hannover die Revolution ausgerufen: Nichts weniger als die Dämmerung der Vierten Industriellen Revolution – oder „Industrie 4.0“ – wird auf der IT-Megamesse Cebit beschworen werden, von Politikern, Journalisten, Konzernchefs und Mittelständlern. Sie soll alles Dagewesene umwälzen, unseren Alltag verändern und erschüttern wie einst die Erfindung der Dampfmaschine oder die Einführung der Fließbandproduktion. Ein großes Versprechen. Ein Versprechen, das allerdings nicht eingelöst werden wird.

Denn Industrie 4.0 ist ein einziges großes Missverständnis. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Begriff keine Revolution, sondern eine Konter-Revolution.

Das fängt schon bei dem Problem an, was diese angebliche Zeitenwende eigentlich so besonders macht. Die Cebit schreibt dazu auf ihrer Internetseite: „Treiber der sich verändernden Strukturen ist die voranschreitende Vernetzung der virtuell-digitalen und physischen Welt hin zu ,cyber-physischen Produktionssystemen‘ (CPPS) sowie der signifikanten Fortschritte im Bereich des maschinellen Lernens.“ Zusammengefasst: Produzierende Unternehmen verändern sich infolge der Digitalisierung und des Internets. Das bezeichnen die Einen als „Industrie 4.0“, andere als „Internet of Things“ (IoT), manche wiederum nennen es „Smart Factory“. Die meisten sagen dazu einfach: „Ist mir egal“.

Denn all diese Begriffe sind willkürliche Kunstworte, unter denen sich kein normaler Mensch etwas vorstellen kann. Wer sie verwendet, braucht für ihre Erkärungen vielseitige Powerpointfolien und Unmengen an Substantivierungen. Das ist keine „Wende“, keine „Perestroika“, kein „Sturm auf die Bastille” – Ereignisse, die Massen emotional bewegten und deren Leben fundamental erschütterten. Die angeblich vierte industrielle Revolution bedroht dagegen nur Bilanzen und Vorstandsboni. Sie ist kein gesellschaftliches Phänomen, keine Zeitenwende von unten, kein Sturm auf die bestehenden Verhältnisse. Im Gegenteil.

Worum es in Wahrheit geht, zeigt gerade der Begriff „Industrie 4.0“: Er wurde vor ziemlich genau fünf Jahren bei der Industriemesse Hannover öffentlich präsentiert, von einem staatlich geförderten Arbeitskreis der Wirtschaft. Nahezu alle DAX-Konzerne, Wirtschaftsverbände und zuständigen Ministerien sind im Arbeitskreis vertreten.

Die „Industrie 4.0“-Wortführer sind also keine Newcomer, die das Establishment bedrohen – so wie so einst Amazon den Einzelhandel, so wie Apple die Musikkonzerne oder so wie der Farmerssohn Henry Ford die elitären Automanufakturen. Sie sind selbst das Establishment. Der elitäre Kreis kunstkreierte aber nicht nur das Wort „Industrie 4.0“ – der wohl an „Web 2.0“ erinnern sollte – , sondern er gab auch gleich „Umsetzungsempfehlungen“ an die Regierung ab: Gesetze anpassen, Fachkräfte anders ausbilden, Infrastruktur ausbauen und finanzielle Förderung der betroffenen Industrie. „Im Bereich Forschung und Entwicklung brauchen wir mehr Unterstützung“, fordert etwa der IT-Industrieverband Bitkom anlässlich der Cebit und erstellte dafür sogar eine Umfrage: Neun von zehn der deutschen IT-Unternehmen halten die öffentliche Förderung für nicht ausreichend, um sich auf “Industrie 4.0” umstellen zu können.

Die Konzerne wollen also nicht selbst losstürmen, sondern erwarten erst, dass andere ihnen den Weg dafür bereiten. Sie reden von einer neuen industriellen Revolution, aber meinen in Wahrheit das Gegenteil. Denn sie haben eingesehen, dass sie sich irgendwie verändern müssen, haben aber selbst keine Lust darauf. Stattdessen soll die Regierung ihnen jegliches Risiko und jeglichen Aufwand abnehmen. Damit sie selbst oben bleiben können. Das sind Revolutionäre, die nicht nur eine Bahnsteigkarte für die Bahnhofserstürmung kaufen wollen, sondern auch noch erwarten, dass ihnen die Regierung das Ticket und die Anfahrt bezahlt. Und das, obwohl ihnen der Bahnhof bereits gehört.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Heunemann auf Twitter folgen: @der_heune

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Zaunkoenigin am 10. März 2016

in mir hat sich selten bei einem Artikel so gar kein Widerspruch geregt.

Treffer, versenkt! Wunderbar auf den Punkt gebracht

maSu am 10. März 2016

Ich arbeite in einem Unternehmen, das sich auch Industrie4.0 auf die Fahnen geschrieben hat. Okay. Fortschrittlich. Innovativ. Oder?

Das Problem bei Industrie 4.0 ist eher: es ist ein schleichender Prozess. Manche Produktionsstraßen werden langsam optimiert, aber meist ist das gar nicht nötig. D.h. viele produzierende Unternehmen brauchen Industrie 4.0 nicht.

Warum?

Industrie 4.0 soll durch vernetzte und lernende Maschinen flexibler sein. Das betrifft aber nur Unternehmen, die geringe Stückzahlen produzieren und diese "Einzelstücke" müssen dann auch noch viele Arbeitsschritte durchlaufen, die sich automatisieren lassen.

Industrie 4.0 birgt eher viele Gefahren: Maschinen sind vernetzt, die es sonst nicht waren und damit von Konkurrenten über das Internet angreifbar.

Viele jubeln wegen Industrie 4.0 verstehen aber nicht, das der Nutzen nicht immer groß ist und das Risiko massiv steigt.

Naiv.

Aber gut, die Menschen in den Vorständen sind zu alt oder bzgl. IT Fragen schlicht zu ... dumm um das zu sehen.

Zaunkoenigin am 10. März 2016

masu.. die sehen oft genug noch ganz andere Dinge nicht.

Friedrich -Wilhelm am 9. Oktober 2017

man kennt die treiber von industrie 4.0. doch ist festzustellen, dass investoren entweder kein interesse haben, nicht fähig oder nicht bbereit für industrie 4.0 sinfd. der traum von der smarten fabrik ist eben nur ein traum!

deshalb industrie und arbeit 4.0 illusion 4.0!