Wie Deutschland Superstars vernichtet

Von Sebastian Grundke am 14. März 2016

Im deutschen Fernsehen gibt es Talentshows ohne Ende. Doch so, wie sie gestrickt sind, bieten sie die Garantie, dass am Ende nicht mehr als Eintagsfliegen entschlüpfen.

Die Deutschen haben eine neue junge Sängerin entdeckt: Jamie-Lee Kriewitz wird Deutschland beim „Eurovision Song Contest“ (ESC) vertreten. Sie gewann zuvor bei der Fernsehshow „The Voice Of Germany“ (TVOG) und wird in den Medien bereits mit Lena Meyer-Landrut verglichen. Die räumte einst in ähnlich jungen Jahren beim ESC ab. Auch die TVOG-Konkurrenzshow „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) wird im laufenden Jahr wieder eine Sängerin oder einen Sänger in die Musikbranche katapultieren. Für Deutschlands Musikszene ist das schlecht. Denn die Sängerinnen und Sänger werden wie ihre Vorgängerinnen und Vorgänger als One-Hit-Wonder enden.

Der Grund dafür sind die Auswahlshows selbst. DSDS zeitigt und kürt oft Showtalente, bei denen grundlegendes musikalisches Können zweitrangig ist. Dazu sortiert die Jury und allen voran Dieter Bohlen – selbst eher für Krawall als musikalisches Können bekannt – Musiker mit Potenzial und Haltung aus oder stutzt sie nach und nach zurecht.

Bei den anderen Shows ist es ähnlich. Bei TVOG zählt zwar mehr auch das interpretatorische Können, ansonsten jedoch hauptsächlich die Fügsamkeit der Bewerber. Auch deshalb hat TVOG die neue deutsche ESC-Kandidatin gezeitigt: Denn beim ESC wollen Musikproduzenten ihr Know-How in Sachen Songwriting, Arrangement und Interpretenauswahl präsentieren. Die Anliegen von Musikern und Musikerinnen bleiben dabei viel zu oft außen vor. Sie werden weder langfristig aufgebaut, noch wird ihre eigentliche Stimme gehört. Deshalb singt Kriewitz mit „Ghost“ – wie einst Lena Meyer-Landrut – einen Song, dessen Thema eines vorangegangener Generationen ist. Sie bleibt also nicht nur bloße Interpretin, sondern ist auch noch die falsche für den Song. Der Song erinnert zudem viele Hörer an den Hit „Umbrella“ der US-amerikanischen Rhythm-and-Blues-Sängerin Rhianna. Auch das spricht nicht für das Können hiesiger Musikproduzenten. Bei Kriebitz wird sich deswegen der dauerhafte Erfolg kaum einstellen.

Dabei ist auch Künstler aufbauen und ihnen bei der Entwicklung helfen eigentlich der Job von Musikproduzenten; auch jener der Jury-Mitglieder der genannten TV-Shows. Die sind ohnehin meist beides: Produzenten und Richter über den Nachwuchs. Bloß tun diese Schwergewichte der Branche ihre Arbeit nicht oder nur ungenügend. Würden sie sie tun, dann könnte das hiesige Publikum wirklich über neue Superstars und wichtige deutsche oder europäische Stimmen mitentscheiden. Stattdessen wird dem Publikum der nächste kalkulierte Hit präsentiert.

Für die Arbeitsverweigerung der Wichtigen im Musikgeschäft mag auch Quotendruck und Angst vor Neuem verantwortlich sein – obwohl gerade sie die Macht haben, sich ihm zu entziehen und ihr zu widersetzen. Als Folge dieses Versagens werden jedenfalls Musiktalente missachtet und Hörer unterschätzt. Die deutsche Musiklandschaft leidet darunter. Deshalb sollten die Einnahmen von ESC, DSDS und TVOG gespendet werden. Sie sollten dorthin fließen, wo Musik und nicht Geld im Vordergrund steht, also in Musikförderprogramme, kleine Konzertorte und gemeinnützigen Einrichtungen in Sachen Popmusik.

Sebastian Grundke arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er schreibt jeden Montag die Kolumne „Was mich bewegt“.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 8 Bewertungen (4,00 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.