Wir sind alle Amerikaner

Von Falk Heunemann am 17. März 2016

In deutschen Medien erfährt man derzeit mehr über US-amerikanische Regionalpolitiker als über hiesige. Dabei treten hüben wie drüben die gleichen Charaktere auf.

Wer in den vergangenen Wochen die beliebtesten Nachrichtenseiten der Republik aufruft, der muss sich im falschen Land fühlen. Die Topplätze der Seiten wurden und werden dominiert von Vorwahlberichten aus den USA. Jede Primary, jeder Caucus in einem der 50 US-Bundesstaaten wird in einer Ausführlichkeit berichtet wie sonst wohl nur die deutsche Bundestagswahl. Wahrscheinlich kennen inzwischen mehr Deutsche die Namen Marco Rubio, Ted Cruz oder Bernie Sanders als einheimische Spitzenpolitiker wie Tauber, Haseloff oder Bethling (okay, der letzte ist ausgedacht, die anderen beiden aber nicht, ehrlich).

Es scheint nachvollziehbar: Wie langweilig wirken doch deutsche Landtagswahlen, da gibt es keinen klaren Gewinner und keinen klaren Sieger, die Folgen für die bundesdeutsche Politik bleiben nebulös und komplex.

Wie einfach dagegen machen es den deutschen Medien die Amerikaner: 50 Staaten, das heißt 50 Vorwahlen, und das auch noch mal Zwei, weil es ja die Demokraten und die Republikaner gibt. 50 Vorwahlen an 26 Tagen, das ergibt mehr Sieger- und Verlierer-Berichte als in einer Bundesliga-Rückrunde. Und die endet im Sommer. Bei den Amis dagegen geht dann ja überhaupt erst der echte Präsidentschaftswahlkampf los und dauert ein weiteres halbes Jahr…

Aber warum in die Ferne schweifen?  Solche berichtenswerten Typen gibt es nicht nur in den USA, die gibt es auch bei uns. Beispiele gefällig?

Hillary Clinton = Angela Merkel. Die Unvermeidbare. Regiert gern. Sehr gern. Ihre Zukunft wird immer wieder mal rhetorisch in Frage gestellt, um dann tatsächlich von ihr widerlegt zu werden. Keiner weiß wirklich, wofür sie steht. Wirkt – wegen der sie umgebenden Politiker – aber immer noch als die solideste Wahl.
Bernie Sanders = Sahra Wagenknecht. Linkes Fossil mit einer Frisur, die aussieht wie nach dem Aufstehen selbst geschnitten. Zog der Liebe wegen in eine obskure Randregion des Landes. Redet von der Revolution, ohne wirklich zu wissen, wie sie erreicht wird und was danach kommen soll. Aber es klingt halt so schön. Schöner jedenfalls als schnödes Organisieren von Parlamentsmehrheiten.
Marco Rubio = Frauke Petry. Jugendlich wirkender Emporkömmling mit Pagenscheitel und ohne politische Erfahrung, der gern gegen Eliten hetzt, obwohl er ihr längst selbst angehört. Sagt vor allem auswendig Gelerntes auf. Will immer nur falsch verstanden worden sein.
Chris Christie = Horst Seehofer. Regionaler Krawallo aus einem Staat, der schon Stoff bot für legendäre Krimis und Mafiafilme. Kann lustig sein, sogar gewollt. Droht gern, aber beißt letztlich doch nicht, aus Angst um die eigene Karriere.
Jeb Bush = Sigmar Gabriel. Das größte politische Schwergewicht in seiner Partei, hat manchmal sogar ganz erträgliche Ideen, kann sie aber nicht vermitteln, ohne dabei Mitleid zu erregen. Die einstige Hoffnung seiner Partei ist zum Ballast für sie geworden.
John Kasich = Winfried Kretschmann. Sehr populär im jeweiligen Heimatstaat, redet ohne Punkt und Komma, außerhalb der heimischen Scholle weitgehend bedeutungslos, gilt dennoch als letzte Hoffnung der eigenen Partei, endlich wieder ernst genommen zu werden.
Donald Trump = Markus Söder. Will von allen geliebt werden, tritt darum gern kraftvoll auf und wird darum von keinem wirklich ernst genommen.
Ted Cruz = Björn Höcke. Extremisten finden ihn geil, alle anderen ekelig.
Jim Gilmore = Anton Hofreiter. Wer ist das?

Wolf Blitzer = Falk Heunemann. Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Heunemann auf Twitter folgen: @der_heune

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