Europas 500-Millionen-Euro-Irrtum

Von Thomas Schmoll am 11. April 2016

Die Europäische Zentralbank denkt darüber nach, die 500-Euro-Scheine abzuschaffen. Das erweckt neues Misstrauen bei den Gegnern der Gemeinschaftswährung. Eine Frage muss deshalb erlaubt sein: Warum hat Europa die Banknote überhaupt erst eingeführt?

Die Europäische Zentralbank (EZB) darf man getrost als Denkfabrik bezeichnen. Sie hat sich schon viele Sachen ausgedacht, wie sie den Euro retten kann und ist damit erfolgreich, misst man das Ergebnis allein an der Tatsache, dass bisher kein Land den Währungsraum verlassen musste und/oder pleite ging.

Die Denker in der EZB grübeln auch über andere Sachen nach, etwa über die Abbschaffung der 500-Euro-Note. Offiziell bezeichnen sie das als Maßnahme beim Kampf gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Auf den ersten Blick ist das nachvollziehbar. Der Schein gehört weltweit zu den Geldnoten mit dem höchsten Wert, was ihn (auch) bei Fälschern beliebt macht. „Der 500-Euro-Schein ist ein Instrument für illegale Aktivitäten“, erklärte EZB-Chef Mario Draghi kürzlich vor dem Wirtschaftsausschuss des Europäischen Parlaments.

Dass die EZB den 500-Euro-Schein aus dem Verkehr und einstampfen will, mag diskutabel sein. Aber warum kommt die Zentralbank erst jetzt auf diesen Trichter? Warum haben die Europäer überhaupt erst die Note eingeführt, die sie noch nicht mal zwei Jahrzehnte später wieder abschaffen wollen? Gab es bei der Euro-Einführung noch keine Geldwäsche und zwielichtige Transfers zwecks Finanzierung terroristischer Aktivitäten? Die Europäer hätten einmal in den USA nachfragen können, warum die Amerikaner 1969 auf die Idee kamen, den 100-Dollar-Schein als größte Banknote im Umlauf zu belassen und den Druck der Werte 500, 1000, 5.000 und 10.000 einzustellen. Dann hätten sie vielleicht auf den 500-Euro-Schein verzichtet. Zu spät. Nun hat sie den Salat.

Denn wenn die EZB wieder einmal Euro-Gegner in Rage bringen, aber auch den ihr wohlgesinnten Bürger verärgern will, dann ist ihr das gelungen. Obwohl noch nichts beschlossen ist: Die Diskussion, den 500er abzuschaffen, ist geeignet, weiter Misstrauen und Wut gegen die Zentralbanker sowie die Gemeinschaftswährung zu schüren. Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ würde das Ende des Geldscheins im besten Fall eine halbe Milliarde Euro kosten. Denn die bislang kursierenden 600 Millionen 500er müssten durch „kleinere“ Scheine ersetzt werden, was enorme Kosten für Druckarbeiten, Logistik und Wachschutz verursachen würde.

Schon diese als vermeidbar erscheinende Ausgabe von 500 Millionen Euro ist ein Unding. Aber noch gefährlicher ist, dass die EZB damit allen Skeptikern neue Nahrung liefert, sie drehe ein demokratisch nicht legitimiertes Rad, agiere nicht unabhängig und ordne ihre Politik allein dem Ziel unter, den Euro zu erhalten, komme, was da wolle. Dass die EZB-Gedankenspiele mit der Diskussion über die Abschaffung des Bargelds zusammenfallen, macht die Sache noch brisanter. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu ahnen, was passieren würde, gebe es kein Bargeld mehr. Die damit verbundene Sicherheit würde den Bürger zum gläsernen Konsumenten machen, sämtliche Geldströme seiner persönlichen Ausgaben wären leicht nachvollziehbar.

Schon sind die ohnehin misstrauischen Euro-Gegner zur Stelle.

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn wettert sowohl gegen eine Abschaffung der 500-Euro-Scheine als auch gegen eine Obergrenze für Barzahlungen. Der Ökonom orakelt, die EZB wolle „den Banken die Möglichkeit nehmen, Bargeld zu horten, um sie zu zwingen, negative Einlagenzinsen zu zahlen. Gelingt das, werden Sparer vermutlich auch auf ihre Einlagen irgendwann Strafzinsen zahlen.“ Sinn sagt: „Die Abschaffung der 500-Euro-Scheine ermöglicht es der EZB, die Strafzinsen von 0,4 Prozent auf 0,75 Prozent zu erhöhen, weil es für die Banken teurer ist, viele 200-Euro-Scheine zu horten. Wenn dadurch das gesamte Zinsspektrum entsprechend nach unten rutscht, verliert Deutschland, das der zweitgrößte Gläubiger der Welt ist, jährlich weitere acht Milliarden Euro Einnahmen.“

Zum Glück werden Sinns Prognosen und Berechnungen selten eins zu eins wahr. Aber das kann sich auch ändern, wenn Europa so weiter macht. Ungeachtet dessen zeigen seine Worte das tiefe Misstrauen gegen die Politik der EZB. Schlimm daran ist: Die Bank hat es sich selbst zuzuschreiben und ganz offenkundig nicht vor, ihren Kurs zu ändern. Freunde gewinnt man so nicht. Dafür aber immer mehr Gegner.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, war finanzpolitischer Korrespondent der Nachrichtenagenturen Reuters und AP.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 6 Bewertungen (5,00 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.