Deutschland gehen die Vorbilder aus

Von Sebastian Grundke am 18. April 2016

Korrupte Eliten in Wirtschaft, Kirche, Politik, Verwaltung und Sport haben in den vergangenen Jahren das Erbe von großen Vordenkern verspielt. Woher sollen die neuen kommen?

Mit ihrer „Wir schaffen das“-Parole hat Angela Merkel ihrer aktuellen Amtszeit längst den Stempel aufgedrückt. Sie appellierte damit an die Kraft des Staates und der Bürger in Zeiten der Flüchtlingskrise. Die Integration der neuen Immigranten ist noch lange nicht geschafft, und die Republik kennt – trotz Böhmermann – kaum ein anderes Thema. Dabei gibt es noch einiges anderes zu schaffen. Zum Beispiel das, was unsere Eliten anrichten.

Da ist zunächst einmal die Wirtschaft: Nach Bad Banks und Bankenrettungsfonds, nach Libor-Skandal, Kirch-Prozess und Middelhoff hat sie mit den Panama Papers den deutschen Bürgern weitere Kosten aufgebürdet. Das wird so bleiben. Jedenfalls signalisiert das die Dauermachtprobe der Finanzeliten mit der Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin sowie das Handeln von Finanzminister Schäuble, der Briefkastenfirmen weiter erlauben will – ohne jeden triftigen Grund. Dabei haben viele große Banken wie die Sparkassen oder die nach ihrem Gründer benannten Raiffeisen-Banken durchaus wohltätige Wurzeln: Sie dienten einst dazu, Armut zu mindern. Ihr Zweck ist jedoch längst ins Gegenteil verkehrt.

Dann sind da die Kirchen: Sie haben vor der Flüchtlingskrise die Augen verschlossen und die Ökumene so stillschweigend abgeschafft. Ihre Würdenträger sind in den vergangenen Jahren ansonsten vor allem durch Sauftouren, Verschwendung, Sex mit Kindern und die Ausgrenzung von Schwulen und Lesben aufgefallen. Die Botschaft der Bibel ist freilich eine völlig andere. Sie jedoch längst nur noch ein Deckmantel für allerlei Exzesse, die andernorts kaum denkbar wären.

Da sind außerdem die Politik, Behörden und Verwaltung: Trotz der viel beschworenen Willkommenskultur sind die Abschieberegeln in Deutschland seit Kurzem so hart, wie es zuletzt Neonazis in den 1990er-Jahren gefordert haben. Mit der Hartz-IV-Gesetzgebung arbeitet der Staat zudem an der Schaffung einer neuen Unterschicht mit billigsten Arbeitskräften für die Wirtschaft. Die Rentengesetze werden bald Generationen in die Armut entsorgen. Polizisten werden immer wieder freigesprochen, obwohl sie sich in Gewaltexzessen ergehen oder rechte Hetze betreiben. Lehrer missbrauchten Schützlinge an der Odenwald Schule, der Skandal blieb rechtlich ohne Konsequenzen. Politiker wiederum pumpen sich mit harten Drogen voll. Dabei sollen Politik und Verwaltung und Exekutive Bürger vertreten und schützen und ihnen dienen. Das waren jedenfalls die Ideen von demokratischen und rechtsstaatlichen Vordenkern von Kant bis Abendroth.

Des Weiteren ist da die Wissenschaft: Sie hat in den vergangenen Jahren manchen Doktortitel aberkennen müssen. Im Fall von Karl-Theodor zu Guttenberg entblößte sich sogar ein System von Bestechlichkeit und Korruption, das beispiellos war. Er verlor neben seinem Titel sein Amt, blieb jedoch politisch tätig. Anette Schavan wurde für ähnliches Verhalten nach dem Verlust ihres Titels und Amtes sogar mit einem netten und stressfreien Posten im Vatikan belohnt. Im Fall von der Leyen wiederum blieb sogar jede Konsequenz aus. Durch den Bologna-Prozess wurde zudem ein Zwei-Klassen-System an den Universitäten geschaffen, das Reichen den Zugang zu mehr Bildung erleichtert und ihn Armen verwehrt. Die Humboldt‘schen Errungenschaften – Bildung für alle und unabhängige Forschung – wurden so quasi abgeschafft.

Schließlich ist da der gesamte internationale Sport, der vom Fußball über die Tour de France bis zu Olympia von einem Skandal nach dem anderen erschüttert wird. Die Liste von bestechlichen Funktionären und gedopten Sportler ist zu lang, um sie aufzuschreiben. Die meisten Skandale zeitigten keine Konsequenzen oder nur milde Urteile. Dabei sollte der Sport eigentlich dazu dienen, die Jugend von der Straße fernzuhalten, Teamgeist und Fairness lehren. Die Erfolge großer Sportler werden also mit Füßen getreten und entwertet.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Doch die Tendenz ist immer dieselbe: In allen Lebensbereichen wurden die Grundfesten unserer Gesellschaft durch korrupte Eliten erschüttert oder gar geschliffen – und wo sollen die neuen Kants und Abendroths, Pelés und Humboldts, Kirchenreformer und Raiffeisens herkommen, wenn jüngeren und nachfolgenden Generationen derlei vorgelebt wird?

Sebastian Grundke arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er schreibt jeden Montag die Kolumne „Was mich bewegt“.

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Zaunkoenigin am 22. April 2016

Ich habe dem nichts entgegen zu setzen, außer vielleicht die Anmerkung, dass sich der Sumpf sich nie hätte so etablieren können, wenn Otto-Normal-Bürger Rückgrat gezeigt und dagegen aufbegehrt hätte. Denn, diese Entwicklung ist ja nicht neu.

Und ich frage mich auch, warum der Durchschnittsmensch ohne Amt und Würden Vorbilder braucht? Herr Grundke, Anstand und Charakter ist eine Frage der Persönlichkeit, nicht der Vorbilder. Allenfalls lasse ich noch Erziehung gelten und die erfolgt nicht durch Politik und Wirtschaft.

Warum machen wir es nicht besser und besinnen uns auf Anstand, Werte und vor allem auf Zivilcourage und Mut? Warum fördern wir Korruption und illegale Machenschaften? Warum wird noch das Geld in Stadien getragen? Warum sind wir noch Mitglied in diesen korrupten, versumpften Kirchen? Warum wählen wir Parteien die diese Machenschaften fördern und tragen?

Wir Bürger sind nicht unschuldig an dieser Entwicklung. Sicherlich werden wir unlautere Machenschaften nicht völlig verhindern können. Aber wir können sie eindämmen in dem wir klar Position beziehen. Nur.. wer tut das noch? Die, die das tun, werden in der Regel belächelt.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Doch die Tendenz ist immer dieselbe: In allen Lebensbereichen wurden die Grundfesten unserer Gesellschaft durch korrupte Eliten erschüttert oder gar geschliffen – und wo sollen die neuen Kants und Abendroths, Pelés und Humboldts, Kirchenreformer und Raiffeisens herkommen, wenn jüngeren und nachfolgenden Generationen derlei vorgelebt wird?

Zaunkoenigin am 22. April 2016

Ups.. ich habe versäumt den letzten Absatz als Zitat zu kennzeichnen. Sehen sie es mir bitte nach. Es ist diesem Mini-Schreibfensterchen zuzuschreiben.

TGR am 25. April 2016

Ich finde, der Artikel zäumt die Problematik von der falschen Seite auf - Deutschland (oder Europa, oder der Welt) gehen nicht die Vorbilder aus, sondern die Ziele und Visionen.

Die Problematik ist auch häufig, dass sich Otto Normalbürger und Erika Musterfrau keine "einseitig begabtes Vorbild", sondern einen "All-round-Heiligen" wünscht, ergo eine Person ohne jeden Fehler und ohne jedes Fehlgehen. Damit soll nicht entschuldigt oder verharmlost werden, was als Beispiel genannte Personen im Artikel verfehlt haben, es sollte aber doch im Kontext eines fehlbaren und irrenden Menschen gesehen werden. Dass jeder die Konsequenzen aus seinem Handeln zu tragen hat, sollte unter erwachsenen Menschen common sense sein. Dass Fehltritte und Fehlentscheidungen aber noch jahrelang, nachdem der Fall eigentlich schon abgeschlossen ist, weiter mit einer Person verbunden bleiben, also an ihm haften, erinnert mehr an eine enttäuschte, nicht abgeschlossene Liebe als an eine rationale Verarbeitung. Heilige gibt es nun einmal nur in der katholischen Kirche, und jedem sollte die Grundvoraussetzung einer Heiligsprechung klar sein - das Leben der Person ist abgeschlossen.

Um die Klammer zu schließen - ich denke, eine viel größere Gefahr für unsere Gesellschaft (egal, in welchen Grenzen man sich diese denken möchte), dass es scheinbar eine Ziellosigkeit gibt, die sich in einem niegekannten Nihilismus manifestiert. Dabei sind neue Visionen und Pläne wichtiger denn je für Fragen, deren Beantwortung mit jedem Jahr drängender werden: wie wollen wir (bescheidenen) Wohlstand für alle schaffen? Wie wollen wir zukünftig Energie erzeugen, verteilen, rational nutzen? Wie wollen wir eine gerechte und stabile Gemeinschaftsordnung erhalten und ausbauen? Wie wollen wir den rasanten Ressourcenverbrauch minimieren und in eine effizientere Kreislaufwirtschaft überführen? Und kurz gefragt: wie werden wir in 10 Jahren (oder 20 oder 50 Jahren) leben?

Zaunkoenigin am 26. April 2016

Wie kann etwas abgeschlossen werden (und vom Bürger vergessen), wenn es doch fröhlich weiter geht und die Klüngelwirtschaft sich gegenseitig schützt und stützt?

Abgesehen davon gibt es Verfehlungen die haben etwas mit Charakter und Werten zu tun.

Die oben genannten Probleme haben sich doch ausgebreitet. Ich verstehe also Ihren Kommentar nicht wirklich

TGR am 26. April 2016

@zaunkoenigin
Ich gebe zu, in vorhergehendem Kommentar huldige ich fröhlich dem Whataboutism - aber sei es drum, ich kann mich einfach nicht der Meinung anschließen, dass über die letzten Jahre/Jahrzehnte eine Verfallsgeschichte der Vorbilder in der BRD eingetreten ist. Oder dass deren Fehlen bedrohliche Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Eher ist es so, dass z.T. Säulenheilige und Allround-Talente entzaubert werden (schönes Beispiel: Karl-Theodor von Guttenberg), und sich als das präsentieren, was sie (und alle anderen) sind - Menschen, die in ihrer Summe so gut und schlecht sind wie alle anderen. Die im Artikel genannten Berufsgruppen haben sicher andere (Zugriffs-)Möglichkeiten als der Normalbürger - was aber nur bedeutet, dass Gelegenheit "Diebe macht" (oder auch nicht). Daher kann ich auch die Lust am Moralisieren beim selbsternannten kleinen Mann nicht nachvollziehen - es geht nicht darum, Verfehlungen zu vergessen, aber eine Verfehlung (so groß oder klein sie war oder wirkt) als Stigma dem gefallenen Helden auf ewig anzuheften, halte ich für sehr pathetisch. Als Beispiel: ich fand die Gutsherrenart und Unachtsamkeit, mit der Bischof Tebartz von Elst sein Bauvorhaben durchgeführt hat, auch unerträglich. Wenn er nun aber - nur mal als Gedankenexperiment - als z.B. Nuntius nach Österreich oder Deutschland zurückkehren würde, würde ich mich darüber auch nicht weiter aufregen. Eher, wenn er diese Funktion dann ebenfalls nachlässig und kritikunfähig weiterbetreibt. Aber das ist natürlich ein persönliches Welt- und Menschenbild, das nicht jeder teilen muss - und führt jetzt zu weit vom Thema weg.

Charakter und Werte sind natürlich sehr subjektiv, und um ehrlich zu sein, bin ich nicht besonders pietistisch geprägt. Auch hier wieder etwas persönliches: ich bin der Überzeugung, dass man die höchsten Maßstäbe bei sich selber anlegen sollte, und sich auch schonungslos selbst reflektieren sollte.

Noch einmal zu meiner vorhergehenden Hypothese: ich bleibe dabei, dass ich nicht den Mangel an Vorbildern (oder eine verdorbene Elite, oder eine gottlose Gesellschaft, oder was sich ansonsten noch an Terminologien bei entsprechenden Endzeit-Apologeten findet) als große Gefahr für die Gesellschaft empfinde, sondern der aktuelle Mangel an gemeinsamen Zielen und Visionen, an der Bereitschaft, die drängenden Fragen der nahen Zukunft als Gemeinschaft anzugehen und neue Lösungswege zu diskutieren, zu entscheiden und zu versuchen (auch mit der Gefahr eines partiellen Scheiterns). Sieht man sich die Geschichte der BRD an, so waren viele Dekaden von solchen "gesamt-gesellschaftlichen Zielsetzungen" geprägt - die Jahre nach 45 mit dem Ziel des Aufbaus eines neuen, demokratischen Staatsgefüges; die 50er mit dem Ziel des Wohlstands für alle; die 60er mit dem Ziel der Aufarbeitung der totgeschwiegenen Vergangenheit; die 70er mit dem Ziel des Kampfes gegen innere und äußere Feinde; die 80er mit dem Ziel des Umweltschutzes; die 90er mit dem Ziel der Wiedervereinigung und der Schaffung eines gemeinsamen, gerechten und wohlhabenden Deutschlands; die 2000er mit dem Ziel der Reform der Sozialsysteme (???)....
Und inzwischen? Ich habe bisweilen den Eindruck, die meisten Bürger wollen einfach, dass alles so bleibt, wie es ist - dass wird es aber nicht. Weder waren die 60er wie die 50er, noch die 80er wie die 70er, etc. - der Wandel ist eine stete Konstante in unserer Welt wie auch in unserer Gesellschaft. Stellt sich nur die Frage, wie wir diesen Wandel gestalten wollen - und da fehlen mir Ziele und Visionen, in den meisten Fällen sehe ich nur Mauern, Reaktionismus und Nihilismus.

Sebastian Grundke am 28. April 2016

Halllo!

herzlichen Dank für die Kommentare! Ich habe eben diesen Text zum Thema gefunden, der noch einige Aspekte mehr beleuchtet: http://www.bento.de/politik/sinus-jugendstudie-die-babyboomer-haben-die-jugend-verdorben-531686/#refsponi

Außerdem denke ich, dass eine Diskussion um Ziele - etwa einer Dekade - zwar eine Schnittmenge mit einer Diskussion über Vorbilder bildet. Denn Vorbilder geben Hoffnung und Mut und leiten beim Verfolgen von Zielen. Allerdings sind Vorbilder eben nicht notwendigerweise Vertreter eines vorrangigen, wichtigen gesellschaftlichen Themas. Das ist in meinen Augen in diesem Jahrzehnt im Übrigen der digitale Wandel und die Globalisierung, die diesen Wandel mit sich bringt.

Viele Grüße,

Sebastian

Gägge am 28. April 2016

Viele Worte, dieser Artikel...
Im Abi, 1969 denke ich, mit 17, war ich in eine Falle getapst.
Die Frage war so etwa :
Die wichtigsten Eigenschaften eines Politikers sind Aufrichtigkeit, Verantwortungsbewusstsein (und so Sachen. Den Rest habe ich vergessen). Diskutieren Sie !
Hatte kurz diskutiert, knapp zwei Seiten.
Ergebnis : Die wichtigsten Eigenschaften eines Politikers sind, gewählt zu werden, während seiner Amtszeit so viel Geld und Macht wie möglich einzuheimsen, und wiedergewählt zu werden. Knapp zwei Seiten.
Was hatte ich da nicht geschrieben ! Sechs, durchgefallen :-( .
Meine Eltern waren nicht einverstanden gewesen und haben Nachkorrektur verlangt, wo ich eine mittlelgute Note bekam und also mein Abi erhielt.
Was ich seitdem in mehreren Staaten beobachte, scheint diese Theorie zu bestätigen :-( .