Luckes verzweifelter Schrei um Aufmerksamkeit

Von Thomas Schmoll am 18. April 2016

Der Alfa- und Ex-AfD-Chef wäre gerne das politische Alphatier Deutschlands. Nur interessiert sich niemand mehr für ihn. Jetzt versucht er es mit Schmähkritik gegen Jan Böhmermann. 

„In Schulklassen gibt es oft einen Außenseiter, der bevorzugt gehänselt und herumgestoßen wird. Wer feige ist, hackt gerade auf diesem Außenseiter herum, denn da kann er sich der johlenden Unterstützung seiner Klassenkameraden am sichersten sein. Ein solcher Feigling ist Jan Böhmermann“, schreibt Bernd Lucke, der Vorsitzende der konservativ-liberalen Partei Allianz für Fortschritt und Aufbruch (Alfa), in seiner Schmähkritik über den ZDF-Komiker. Und weiter: „Er weiß, dass Erdogan der Buhmann der Nation ist. Ihn abzuwatschen, ist leichtes Spiel. Da klatscht das Publikum, weil es den ungeliebten Erdogan erwischt.“

In der Politik gibt es Außenseiter, die keiner wählt. Einer von ihnen ist Lucke. Er ist auf dem letzten AfD-Parteitag gehänselt und herumgestoßen worden und hat es bis heute nicht verdaut, den Machtkampf gegen Frauke Petry verloren zu haben. Seither hört ihm keiner mehr zu, der Professor kommt in der Öffentlichkeit so gut wie nicht mehr vor.

Nun hatte Lucke eine Idee: Auf jemandem herumzuhacken, der gerade angekündigt hat, seinen Beruf vorläufig nicht mehr auszuüben – aus Angst und weil ihm das Selbstverständnis abhanden gekommen ist, da er sich nicht mehr frei fühlt, was erlaubt ist und was nicht. Lucke hofft auf johlende Unterstützung von ein paar seiner wenigen Kameraden. Er weiß, dass es für Aufmerksamkeit sorgt, den umstrittenen Liebling/Buhmann der Nation zu attackieren. Ihn abzuwatschen, ist jedenfalls ein leichtes Spiel. Da klatscht das Publikum – oder es schreit vor Wut.

Solch einen Kommentar zu schreiben, ist feige. Lucke ist keine Drecksau, aber feige. Der frühere AfD-Chef bescheinigt Erdogan: „Er hat die Türkei zum Erfolg geführt.“ Im Vergleich zu früher gehe es den Türken heute richtig gut. „Niemand hat so viele Flüchtlinge aufgenommen wie die Türkei.“ Lucke räumt ein, „wo Licht ist, ist auch Schatten“, urteilt aber Insgesamt: „Hut ab, Herr Erdogan!“

Lucke fordert, für die Werte der Demokratie und der Aufklärung „gegenüber den Großen dieser Erde“ aufzutreten, etwa China und Russland. Warum geifere Böhmermann nur gegen Erdogan? „Sich den einen herauszupicken, der nun mal in Deutschland besonders unbeliebt ist, und ihn Beifall heischend mit unflätigen Obszönitäten zu bombardieren, die mit sachlicher Kritik nichts, aber auch gar nichts zu tun haben, ist ungerecht, gemein und feige. Böhmermann hat Erdogan mit Dreck und Schweinereien überschüttet.“

Lucke verzichtet zwar auf „primitive Vulgaritäten“ der Marke „Ziegenficker“, aber schließt seine Schmähkritik nicht weniger dümmlich: „Und deshalb sage auch ich, was man nicht sagen darf: Böhmermann ist eine feige Drecksau.“ Wie nah oder fern das nun an Böhmermanns Stil ist, sei dahingestellt. Entscheidend ist, dass der ZDF-Mann den Beruf des Satirikers ausübt und Lucke kein Komiker ist. Der Unterschied ist: Lucke wird keine Staatsaffäre auslösen.

Der Alfa-Chef durfte sich ein Wochenende lang freuen, dass er endlich mal wieder medial wahrgenommen worden ist. Das wird es dann aber auch schon gewesen sein. Zu platt und durchsichtig ist die Schmähkritik an Böhmermann.

Gut möglich, dass Lucke der unumstrittene Anführer seiner bedeutungslosen Partei ist. Aber ein politisches Alphatier in Deutschland wird er nicht mehr werden. So jedenfalls nicht. Es hilft nicht, auf einen Mann einzudreschen, der gerade ziemlich am Boden ist, weil er ein pubertäres Gedicht geschrieben hat über einen türkischen Politiker mit autokratischen Zügen. Man kann Böhmermann kritisieren für sein überzogenes Gedicht. Aber eine Drecksau ist er garantiert nicht.

Wie gesagt: Auch Lucke ist keine Drecksau. Dass er jedoch den „feigen“ Stil Böhmermanns mit seiner Schmähkritik, die absichtlich auf überzogene Wortwahl setzt, kopiert, ist ihm entweder nicht klar. Oder er tut es ausdrücklich. Das wäre schamlos und verlogen. Dann säße er im Glashaus. Und da soll man je nicht mit Steinen um sich werfen, aber möglichst auch nicht mit Wörtern wie „Drecksau“.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, hat unter anderem für die Nachrichtenagenturen Reuters und AP gearbeitet sowie für die Websites stern.de und ftd.de.

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TGR am 25. April 2016

Nun, zumindest scheinen die Medien nicht so sehr auf den Trittbrettfahrer und Epigonen angesprungen zu sein wie auf das Original - ich habe von Luckes "Schmäh-Schmähkritik" zumindest nichts mitbekommen.

Ironischerweise scheint Bernd Lucke in diesem Fall das Erfolgsrezept seiner AfD-Nachfolgerin kopieren zu wollen - statt populistische Analyse populistische Polemik mit Anti-Mainstream-Meinung, um maximale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und dann abwarten, bis sich das Rascheln im Blätterwald wieder gelegt hat...

Thomas Schmoll am 25. April 2016

Da stimme ich zu. Allerdings werfe ich hier einmal die Frage auf, wer von wem das mediale Handwerk gelernt hat und wer von beiden nun wen kopiert.

TGR am 26. April 2016

Ja, Sie haben recht - wenn die Schülerin zur Meisterin wird, steht der Meister plötzlich ziemlich betroffen und auch ein wenig dumm da...

Ich bin gespannt, wie lange noch Bernd Luckes kleine Kerze neben dem Flächenbrand AfD brennt. Zumindest hat er sich m.W. die Rückkehr in die alte Position nicht verbaut...