AirBnB ist nicht schuld an hohen Mieten

Von Falk Heunemann am 21. April 2016

Eine viel zitierte Studie scheint zu belegen, dass Vermietportale das Angebot an Wohnungen massiv verknappen. In Wahrheit ist die Untersuchung ein Beispiel für gelungene Schleichwerbung.

Eine Wohnung wie gerade frisch geliefert: Kachelweiße Einbauküche von Ikea, Designerbett aus Walnussholz, weiße Ledercouch und schwarzer Sessel. Keine Bilder an der Wand, keine Bücher im Regal. Sowas bewohnt man nicht, sowas vermietet man allenfalls. Und tatsächlich: Die 60-Quadratmeter-Wohnung in Berlin wird als „Modern Central Flat“ für 80 Euro auf dem Untermietportal AirBnB feilgeboten (zzgl. 25 Euro Reinigungsgebühr und AirBnB-Provision). Ein Schnäppchen, keine Frage. Für diesen Preis gibt es in benachbarten Hotels allenfalls Mini-Hinterzimmer.

Aber ist diese Wohnung auch schuld daran, dass die Mieten in Berlin explodieren? Ja, zumindest laut einer Studie, über die in dieser Woche in vielen Medien berichtet wurde. „Zu viele Ferienwohnungen, kein Platz für Mieter“ titelt etwa die „Süddeutsche Zeitung“, „Das ist unfairer Wettbewerb“, zitiert „Die Welt“ den Hotelverband und der WDR meldet: „Konkurrenz für den Wohnungsmarkt.“ Basis dafür ist eine Zählung des Immobilienunternehmens GBI, die auf angeblich mehr als 14 Millionen Übernachtungen in Privatunterkünften kommt, die auf den Internet-Plattformen vermittelt werden.

Die These von GBI, die viele Nachrichtenplattformen direkt übernehmen: Durch die Vermietung ganzer Unterkünfte sinkt das Angebot an freien Wohnungen, damit steigt wiederum der Mietpreis für alle – also sollten die AirBnB-Angebote eingedämmt werden.
Eine beliebte These. Nun scheint also, nachdem es die Maklergebühren nicht länger gibt, ein neuer Schuldiger gefunden zu sein: Touristen und ihre Gastgeber, kombiniert mit einer neuen Bedrohung aus dem Internet.

Das Problem daran ist nur: Die Zahlenlage dazu ist recht dürftig. Die meisten Kommentare, Reportagen und Features belassen es beim Raunen und bei der beliebten, aber nebulösen „immer mehr“-Trendbehauptung. Daran ändert auch die GBI-Studie wenig.

Da ist zum einen ihr Ergebnis: Für Berlin etwa, den größten deutschen AirBnB-Markt, kommen die Zähler auf angeblich 14.000 Wohnungen, die dauerhaft und nicht nur zeitweise angeboten würden. Nicht mitgezählt würden etwa Einzelzimmer innerhalb einer Wohnung. Wie sie darauf kommen, ist allerdings nicht gleich nachvollziehbar. Mehrere Stichproben für den beliebten Ortsteil Berlin-Mitte für sechs Nächte im Mai ergibt zwischen 39 und 82 „ganze Unterkünfte“, die zur Verfügung stehen, zu Preisen zwischen 50 und 680 Euro/Nacht. Einige davon tauchen nur an einem Tag auf, andere regelmäßig. Wie zum Beispiel diejenige mit Ikeaküche und Ledercouch.

Natürlich kann es sein, dass für den Mai schon viele Unterkünfte vergeben sind. Weitere Stichproben für den 22. und 29. September, den 28. Oktober und 29. November aber deuten auf das Gegenteil hin: Es gibt offenbar nicht viel mehr. Aber können tatsächlich einige Dutzend Wohnungen im Zentrum Berlins den Mietspiegel derart bedrohen, wie es behauptet wird? Eher doch nicht.

Die Gründe für die Mietsteigerungen sind andere: dass allein vergangenes Jahr erneut 46.000 mehr Menschen aus der Provinz nach Berlin gezogen sind als fortzogen, wie schon im Vorjahr und im Jahr davor. Weil das Gleiche in München, Frankfurt, Hamburg oder Köln passiert. Weil die Stadtbewohner mehr Kinder bekommen als Ältere wegsterben (anders als auf dem Land). Weil zugleich jeder auf immer mehr Platz leben möchte und dann auch häufiger allein: Seit den 1990-ern ist die Pro-Kopf-Wohnfläche um ein Zehntel gestiegen, auf knapp 41 Quadratmeter pro Person – in den Sechzigern lag sie sogar noch bei rund 20 Quadratmetern. Oder auch, weil zentrale und beliebte Lagen nunmal attraktiv sind für Investoren und Wohlhabende, die sich gern mit einer Eigentumswohnung einen Alterssitz oder auch eine Wertanlage verschaffen wollen. Aber zugleich nur einige tausend Wohnungen neu gebaut werden, da gerade in den zentralen Stadtteilen dafür nur begrenzt Flächen zur Verfügung stehen.

Diesen Trends kann man sich natürlich nicht so leicht entziehen. Aber man kann sie beschreiben und benennen, statt einfach irgendwelchen Internetfirmen und Touristen die Schuld zuzuschieben. Denn dann fordert man womöglich Regelungen, die am Ende nicht viel bringen.

Die Pointe ist ja: Das weiß sogar der Studienpublizierer GBI: „Einem rechtlichen Verbot“ stehe man „jedoch skeptisch gegenüber,“ teilt das Unternehmen mit: „Viel effektiver wäre es, dem wachsenden Personenkreis, der länger als ein paar Tage in Berlin und anderen gefragten Städten bleiben möchte, preisgünstige Alternativen zum herkömmlichen Beherbergungs- und Wohnungsmarkt anzubieten.“ Wer das dechiffriert, der liest daraus: Ein Immobilienentwickler legt eine Studie vor, die angeblich belegt, dass man mehr Immobilien braucht und entwickeln muss. Und große Medien geben das 1:1 wieder und verbreiten es an Millionen Leser und Wähler.

So geht modernes Content Marketing heute. Oder zu altdeutsch: Schleichwerbung.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Heunemann auf Twitter folgen: @der_heune

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