Die Mär vom neuen Wirtschaftswunder

Von Sebastian Grundke am 25. April 2016

Siemens-Chef Joe Kaeser hat ein zweites Wirtschaftswunder durch einen Boom neuer Netzprodukte angekündigt. Der Begriff ist schlecht gewählt, weil er tatsächliche Zusammenhänge kaschiert – und falsche unterstellt.

In der vergangenen Woche veröffentlichte die „Bild“-Zeitung ein Interview mit Siemens-Chef Joe Kaeser. Der Vorstandsvorsitzende des internationalen Technikriesen sprach unter anderem davon, dass Deutschland ein zweites Wirtschaftswunder bevorstünde, vorausgesetzt, die hiesige Wirtschaft würde Vernetzung und Digitalisierung als Chance begreifen. Mit der Formulierung unterschlägt Kaeser jedoch einen Teil der jüngeren Wirtschaftsgeschichte in Deutschland und Europa.

Kaeser vermittelt mit der Begriffswahl den Eindruck, die deutsche Industrie würde nun eine Art digitale Wende einleiten. Die jedoch ist längst vollzogen. Bloß nahmen deutsche Firmen an ihr kaum Teil: Sie waren und sind angesichts der neuen Technik schlicht zu ängstlich. Der Online-Boom stellt ihre klassischen Erlösmodelle immer mehr infrage. Allen voran jene von Buchhandel, Musikindustrie, Banken, Einzelhandel und Filmbranche – um nur einige jener Märkte zu nennen, die mittlerweile im Web konvergieren. Die Firmen in diesen Märkten stemmten sich teilweise jahrelang mit aller Macht gegen jene Techniken, die sie heute meist als die wichtigsten, wenn auch problematischen Innovationen der vergangenen hundert Jahre feiern: Suchmaschinen, Streaming, Online-Geldtransfer und -Handel.

Die digitale Revolution wurde hierzulande deshalb niedergeschlagen, die entsprechende Gründerszene lange ignoriert oder torpediert. Der Staat flankierte diese Panik vor allem Digitalen mit allerlei innovationshemmenden Gesetzen. Mit den „Piraten“ scheiterte außerdem eine Partei mit mehr Verständnis für derlei Dinge nach anfänglichen Wahlsiegen kläglich. Eine Ursache dafür war auch, dass die Medienbranche die Ideologie der Partei nicht verstand. Sie begegnete ihr mit Angst: Denn sie ist selbst vom digitalen Wandel betroffen, verschlief ihn jedoch weitgehend.

Schließlich hat der Begriff Wirtschaftswunder im Zusammenhang mit Innovationen im Digitalmarkt einen seltsamen Beigeschmack. Das erste Wirtschaftswunder fand nach dem zweiten Weltkrieg statt. Seine Ursachen sind bis heute unter Wirtschaftswissenschaftlern umstritten. Es gilt vor allem aber als unwiederholbar: Zuletzt sollten nach der Wiedervereinigung aus den neuen Bundesländern im Wege eines Wunders blühende Landschaften werden. Der an Ideen Ludwig Erhards angelehnte und von oben verordnete Superaufschwung kam jedoch nie. Die Begriffswahl Kaesers ist deshalb auch vor dem geschichtlichen Hintergrund krude.

Um sich für weitere Innovationszyklen in der Digitalwirtschaft zu wappnen, müssen die Gründe für verpasste Innovationszyklen analysiert und verstanden werden. Stattdessen von einem eventuell anstehenden Wunder zu sprechen, lenkt von dieser Aufgabe ab.

Sebastian Grundke arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er schreibt jeden Montag die Kolumne „Was mich bewegt“.

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