Ihr kämpft wahrlich um eure Titel, Deutsche

Von Andreas Theyssen am 6. Mai 2016

Deutschland ist Reiseweltmeister. Und damit das so bleibt, fighten die Deutschen mit allen Tricks. Sogar gegen die Türken.

Das muss uns erst einmal einer nachmachen: Statistisch gesehen ist jeder Deutsche im vergangenen Jahr so ziemlich genau 1,04 Mal ins Ausland geflogen. Damit reisen wir Deutsche so häufig wie kein anderes Volk. Oder anders ausgedrückt: Deutschland hat nicht nur den Fußball im Griff, sondern auch den Reisemarkt – wir Deutsche sind Reiseweltmeister.

Mit den Rekorden ist es aber so eine Sache. Man muss sich hart anstrengen, um sie auch zu halten. Das haben wir gesehen, als uns die Chinesen den Titel des Exportweltmeisters gemopst haben. Und wir werden es in den nächsten Wochen bei der Fußball-EM in Frankreich sehen, wo wir als amtierender Weltmeister antreten.

In puncto Reisen sind uns die Chinesen hart auf den Fersen. Eine echte Gefahr, zumal sie uns 2014 schon einmal vom Thron gestoßen haben. Aber auch die Türken sind nicht zu unterschätzen. Ist statistisch zwar nicht belegt, aber gefühlt holen sie kräftig auf. Und was tun wir Deutschen dagegen? Wir lehnen die Visafreiheit, die sie demnächst für die EU erhalten sollen, vehement ab. Zumindest zwei Drittel von uns.

Natürlich gibt es keinen rationalen Grund, den Türken Reisen in die EU zu missgönnen. Zum einen dürfen wir Deutsche auch ohne Visum in Side oder Antalya urlauben und machen davon reichlich Gebrauch. Zum anderen bedeutet Visafreiheit nicht etwa, dass die Türken in Massen einwandern, sondern lediglich, dass sie sich für 90 Tage in der EU aufhalten dürfen.

Und wer Sorge hat, dass die Bewohner des Reiches Erdogan dann heimlich und auf Dauer bei uns bleiben, den möge ein kleiner Vergleich beruhigen. Im vergangenen Jahr reisten neun Millionen Deutsche visafrei in die USA, die für uns so viel gelobtes Land sind wie es Deutschland für die Türken ist. Verzeichneten die Vereinigten Staaten deshalb eine Masseneinwanderung von Deutschen? Eben.

Wie gesagt: Es gibt keinen rationalen Grund, den Türken das visafreie Reisen nehmen zu wollen. Insofern kann unsere Ablehnung nur daher rühren, dass wir unseren Titel als Reiseweltmeister verteidigen wollen. Und zwar um jeden Preis.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ freitags.

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TGR am 20. Mai 2016

Ich bin immer wieder erstaunt, wie emotional und wie wenig sachorientiert die Thematik "Türkei und EU" diskutiert wird. Obwohl eine Vielzahl von Auflagen zu erfüllen sind (von denen bislang unklar ist, ob die Türkei sie überhaupt erfüllen kann und will), ehe die Visafreiheit oder sogar die EU-Mitgliedschaft gewährt wird, und die Verhandlungen einen langen Zeitraum umfassen (Beitrittsverhandlungen wurden offiziell 2005 aufgenommen), hat man das Gefühl, sobald der Topos wieder einmal in den Medien ist, kochen diffuse Emotionen hoch. Zudem die Meinung bei einigen zu sein scheint, die EU verteilt Visafreiheit und Mitgliedschaft an jeden, der mal eben schnell einen Antragszettel ausgefüllt hat. Bestes Beispiel Ukraine: obwohl noch nicht einmal Beitrittskandidat, ist in manchen Foren common sense, dass die EU sich jetzt ganz schnell Putins Kornkammer einverleiben will, und alles schon abgemacht ist. Das ab dem offiziellen Antrag und der Anerkennung als Beitrittskandidat lange und zähe Verhandlung notwendig sind, um Laufe derer der Kandidat i.d.R. Reformen und Harmonisierung zu EU-Normen vollziehen muss, wird dabei wohlweislich übersehen.