Chinas Friedhofsruhe

Von Volker Warkentin am 17. Mai 2016

Das Schweigen der chinesischen Führung zum 50. Jahrestag der Kulturrevolution hat einen simplen Grund – die Angst der Kommunistischen Partei vor Fragen nach der Verantwortung für den Tod von zwei Millionen Menschen.

Manchmal ist Schweigen aussagekräftiger als jede noch so wortreiche Erklärung. So muss man wohl die Funkstille aus Peking zum 50. Jahrestag der Kulturrevolution interpretieren. Nur nicht daran erinnern, dass in den Jahren von 1966 bis 1976 in der so genannten Kulturrevolution, die in Wirklichkeit nur ein Machtkampf um die Nachfolge von Staatsgründer Mao Tse-tung war, fast zwei Millionen Menschen umgebracht wurden. Und eine ganze Generation junger Leute, die in den von Mao gesteuerten Roten Garden das ganze Land terrorisierte, ließ ihren Gewaltfantasien freien Lauf.

Am Schlimmsten wütete der jugendliche Mob in den Jahren von 1966 bis 1969. Dann wurden die furchtbarsten Auswüchse gestoppt. Doch die Kämpfe dauerten bis zum Tode des Revolutionsführers und der Zerschlagung der sogenannten Viererbande um Maos Witwe bis 1976. Dann übernahm der von Mao gehasste Flügel der eher pragmatisch orientierten Funktionäre das Ruder. Dessen Wortführer war der während der Kulturrevolution misshandelte, gefolterte und eingesperrte Deng Xiaoping.

Deng verordnete seinen Landleuten wirtschaftliche Freiheiten, die vielen Chinesen bescheidenen Wohlstand brachten und die das aufstrebende Reich der Mitte in die Champions League der Exportnationen katapultierte. Doch machtpolitisch blieben die kommunistischen Herrscher die alten Hardliner. Studentenproteste am Platz des Himmlischen Friedens ließ die herrschende Funktionärsclique 1989 brutal zusammenschießen. Ähnlich erging es den Tibetern und den muslimischen Uiguren, die in entfernten Provinzen gegen die Allmacht der Zentrale aufmuckten.

Eine offene und ehrliche Debatte über Sinn oder Unsinn solcher Strafaktionen findet in China nicht statt. Auch die weltweit höchste Zahl an Todesurteilen und Hinrichtungen wird verschwiegen. Auch das immer heftigere Säbelrasseln der Chinesen im Streit um Atolle im Südchinesischen Meer bleibt unerörtert.

Fehlanzeige auch zum 50. Jahrestag der Kulturrevolution. Die Chinesen sollen sich der in jüngster Zeit leicht schwächelnden Wirtschaft annehmen und ihr zu neuem Glanz verhelfen. Eine Diskussion könnte eine „Fehlerdebatte“ auslösen, die die Kommunisten fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Denn am Ende stellt sich womöglich die Machtfrage, die dann gegen die Partei beantwortet werden könnte. Dann lieber Stillschweigen wahren und die Erinnerung an die schreckliche Zeit wieder mit dem Mantel des Schweigens bedecken.

So wird das bevölkerungsreichste Land der Erde zwar nicht zur Demokratie. Warum auch? Ist doch nicht nötig. Schließlich wollen die machtbewussten und nach Statussymbolen lechzenden Funktionäre ihre schönen Posten behalten und weiter Geld scheffeln. Das stören Erinnerungen an blutige Kämpfe nur. Dieses China hat zum50. Jahrestag der Kulturrevolution Ruhe verordnet bekommen. Es ist die Ruhe des Friedhofs.

Volker Warkentin, 65 Jahre alt und Autor in Berlin, hat in jungen Jahren zwar das berühmt-berüchtigte Rote Buch des Vorsitzenden Mao Zedong gelesen, konnte sich mit dem chinesischen Weg des Sozialismus jedoch nie anfreunden. Seine Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint immer dienstags.

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Stephan Koch am 17. Mai 2016

Ein sehr interessanter Beitrag, vielen Dank! Es ist schon schrecklich genug, was während der Jugend meines Onkels in China passiert ist. Heute versteh ich auch endlich, worüber er sich aber zudem während meiner Jugend (zu Recht) aufregte: Dass dieser Teil der jüngsten chinesischen Geschichte nicht an nordrhein-westfälischen Gymnasien gelehrt wurde. Vielleicht ist es mittlerweile oder in anderen Ländern anders. Er war aber für dieses wichtige Thema mein privater und einziger Geschichtslehrer, da er fünf Jahre in China gelebt und gearbeitet hat.

Xiaodong Zhang am 18. Mai 2016

Die chinesische Staatszeitung Renmin Ribao hat gestern, ein bisschen spät, einen Artikel über die Kulturrevolution gebracht. Der Titel ist "Nimm die Geschichte als Spiegel, um besser voranzuschreiten". Der Artikel hat nochmal betont, dass die Kulturrevolution innere Unruhen waren, die der damalige Führer falsch gestartet hat. Ganz gleich, ob man es vom theoretischen oder vom praktischen Standpunkt aus betrachtet, die Kulturrevolution sei völlig falsch gewesen. Sie habe in keinerlei Hinsicht irgendeinen gesellschaftlichen Fortschritt in jeglichem gebracht.

Obwohl es keine einzige Debatte gibt, die von der Regierung angestoßen wurde, gibt es umfangreiche Diskussionen über die Kulturrevolution von Chinesen im Internet.