ProSieben + Heimatquote = MDR

Von Falk Heunemann am 19. Mai 2016

Der EU-Binnenmarkt-Kommissar will Streaming-Anbieter dazu zwingen, mehr Sendungen in Europa zu produzieren. Dabei haben deutsche Privatsender dies viel nötiger.

Um 5 Uhr 15 geht es los, mit einer halben Stunde „Mike&Molly“. Danach gleich mal zwei Folgen „How I Met Your Mother“, gefolgt von 90 Minuten „Two and a Half Men“ und einer Stunde „2 Broke Girls“ und knapp zwei Stunden „Big Bang Theory“. Danach: Das Ganze noch einmal von vorn. Kenner haben es natürlich gleich erkannt: Das ist nicht etwa ein Binge-Watching-Marathon bei Netflix (da gibt es „Mike&Molly“ gar nicht). Sondern das Tagesprogramm von ProSieben vom gestrigen Mittwoch. Und so geht es weiter, mit den „Simpsons“, „Greys Anatomy“ und erneut „Two and a Half Men“. Bis zum nächsten Morgen.

Bis auf eine Stunde ab 18 Uhr: Denn da gibt es tatsächlich Eigenproduziertes: Eine Stunde „Taff“, der Kreuzung aus Yellow-Press-Bahnhofsregal und den You-Tube-Trends vom letzten Monat.

Deutsche Zuschauer kennen diese Einseitigkeit natürlich, ProSieben ist schließlich der zweitbeliebteste Sender bei der 14- bis 49-Jährigen (nach RTL). Wer es offenbar aber nicht weiß, ist der EU-Kommissar für den europäischen Binnenmarkt. Andrus Ansip hat nämlich gerade auf dem Filmfestival in Cannes gefordert, dass es künftig eine Quote für regional produzierte Inhalte geben muss: Mindestens 20 Prozent sollten laut dem Esten künftig lokal produziert sein, um „für mehr Fairness zu sorgen.“ Das Bemerkenswerte: Er will diese Quote nur bei Streaminganbietern durchsetzen, also bei Netflix und Amazon Prime. Wahrscheinlich, weil sie aus den USA kommen – was von dort kommt, kann ja nicht wertvoll sein.

Nun gut, es ist verständlich, dass diese erneute kulturelle US-Invasion den europäischen Senderchefs Angst macht: Produktionen wie die Bittersweet-Sitcom „Unbreakable Kimmy Schmidt“, das Ränkespiel-Drama „House of Cards“ oder die Orchester-Farce „Mozart in the Jungle“ bieten eine Qualität, die Zuschauer wie Preise magisch an- und von den europäischen TV-Sendern wegzieht.

Allerdings: Wenn der EU-Kommissar die Quote ernst meinen würde, müsste er auch gegen Programme wie die von ProSieben vorgehen. Oder gegen die deutscher Nachrichtensender, in denen Hitler-Bilder sich mit Mega-Trucks-Dokus abwechseln. Das war seinen Äußerungen jedoch nicht zu entnehmen. Leider.

Das Problem ist ja: Was mit einer Heimatquote herauskommen würde, lässt sich schon heute sehen: in den öffentlich-rechtlichen Regionalprogrammen wie dem des MDR. „Rote Rosen“ statt „Big Bang Theory“, „Sturm der Liebe“ statt „2 Broke Girls“, „Panda, Gorilla&Co.“ statt „How I Met Your Mother“. Zwischendrin: eine Dreiviertelstunde „Brisant“.

Alles in Deutschland produziert statt in den USA. Bezahlt mit einschaltquotenunabhängigen Gebühren statt durch quotenabhängige Werbeeinnahmen.

Auch eine Heimatquote wird das deutsche Fernsehen also nicht retten können. Das können nur mutige Redakteure, einmischunwillige Senderchefs und vor allem: umschaltwillige Zuschauer.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Heunemann auf Twitter folgen: @der_heune

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maSu am 19. Mai 2016

Dt. Medien schaffen nichts neues mehr. Sie kopieren oder leiten weiter.

Egal ob es eine US Serie oder eine Meldung einer Presseagentur ist. Beides wird einfach durchgereicht und schon meinen diese erbärmlichen Weiterleiter, sie hätten eine relevante Leistung erbracht.

Und da wundert man sich noch, das die Kunden weglaufen ... Genial.

TGR am 20. Mai 2016

Den MDR als Beispiel für einen "Heimatquotensender" zu nehmen, ist natürlich schon etwas gemein - es handelt sich m.E. neben dem HR um den bräsigsten und uninspiriertesten Sender der ÖR-Programmfamilie. Andererseits sollte man die ÖR nicht in Bausch und Bogen verdammen - "Elefant, Tiger &Co" und die vielen folgenden Nachahmersendungen waren zumindest ein neues Format und trotz z.T. sehr langsamer Inszenierung ein interessanter Einblick in die Abläufe und den Alltag eines Zoos. Zudem finden sich auch im ÖR durchaus eigenproduzierte kleine Perlen ("Tatortreiniger" und "Mord mit Aussicht" fand ich sehenswert und habe ich - da vom zu investierenden Zeitaufwand geringer - im Gegensatz zu "House of Cards" oder "Game of Thrones" auch komplett gesehen).

Im Kern trifft der Artikel aber die grundsätzliche Problematik - deutsche Fernsehmacher sind m. E. häufig sehr risikoscheu und hängen an Bewährtem - sei es im ÖR die Zielgruppe der Ü60, für die simples, langsames Fernsehen gestaltet wird, oder bei den Privaten die "werberelevante" 14-49-Zielgruppe, denen immer wieder dieselben Comedywiederholungen (ProSieben ist da am Nachmittag/Vorabend wirklich Wiederholungstäter - wie lange laufen "Die Simpsons" inzwischen eigentlich in Endlosschleife?).

Lars am 20. Mai 2016

Ich bin derzeit 29. In meinder Kindheit wurde ich mit ÖR-Fernsehen sozialisiert. Die Sendung mit der Maus, Löwenzahn, Lila Laune Bär, später dann ging es nach der Lindenstraße ins Bett und irgendwann, entdeckte ich Küstenwache und Rettungsflieger. Sonntags wurde auf einem Auge Drei Freunde oder unser Lehrer Doktor Specht mitgeguckt. Wetten dass natürlich auch. Als Jugendlicher war ich entweder draußen oder am PC (Windows 3.11 und Modem). Die einzige Serie die ich halbwegs regelmäßig gesehen habe war Scrubs. Und mit 18 hatte ich schon keinen Fernseher mehr, denn ich hatte DSL. Seit einigen Jahren schaue ich TV Formate auf Youtube, meistens ÖR-Reportagen und Dokus. Und seit letztem Jahr habe ich ein Netflixabo. Und eine FireTV-Box. Aber nicht an einerm TV-Gerät, sondern einem 26 Zoll PC-Monitor. Seit dem gucke ich Serien. Bestimmt 10 Stunden in der Woche, bei meinen Freunden ist es ähnlich. TV-Sender? Was soll das sein?

Falk Heunemann am 20. Mai 2016

@Lars: Das verstehe, mir geht es teilweise ähnlich. Bitte aber nicht von sich auf andere schließen: Die Durchschnittsfernsehdauer liegt seit Jahren konstant bei 223 Minuten pro Tag. Selbst in der Altersgruppe 14-39 liegt sie bei 133 Minuten (kaum veränderung zu den vorjahren). Es gibt also keine Massenabwanderung vom TV, sondern Netflix und Co werden bislang vor allem zusätzlich geguckt.