Gut gemacht, Alexander Gauland

Von Andreas Theyssen am 29. Mai 2016

Mit seinen Bemerkungen über den Fußballer Jerome Boateng hat der AfD-Vize der Rassismus-Debatte einen unschätzbaren Dienst erwiesen.

Anschließend hat er rumgeeiert. Er verstehe ja gar nichts vom Fußball, sagte Alexander Gauland in der „Tagesschau“, deshalb habe er den Namen Boateng ganz bestimmt nicht erwähnt. Ein hartes Dementi klingt wahrlich anders.

In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ hatte zwei Redakteure zuvor geschrieben, AfD-Vize Gauland habe ihnen im Gespräch über den Fußballer gesagt: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“

Weshalb „die Leute“ Boateng angeblich nicht als Nachbarn haben wollen, ließ Gauland offen. Aber die Botschaft war dennoch eindeutig: Boateng ist mit seiner dunklen Haut kein Vorzeige-Germane, sein Nachname ist ghanaisch. Und so etwas Nicht-Deutsches wollen „die Leute“ nicht.

Man muss Gauland ausgesprochen dankbar sein für seine Äußerung. Denn selten wurde deutlicher, wie abwegig Rassismus ist.

Boateng ist – trotz seines Namens und seiner Hautfarbe – gebürtiger Berliner und gebürtiger Deutscher. Der Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen hat seine Fußball-Karriere auf den Bolzplätzen von Berlin-Wedding begonnen und es von dort bis zum erfolgreichsten deutschen Verein geschafft. Er gilt derzeit als der beste Innenverteidiger der Welt und hat mit seinem Können maßgeblich dazu beigetragen, dass das deutsche Team 2014 Fußball-Weltmeister geworden ist.

Boateng, der nebenher Brillen designt, engagiert sich ehrenamtlich für die Kinderhilfsorganisation der UNESCO, war 2014 Botschafter der Antidiskrimierungsstelle des Bundes und warb im vergangenen Jahr für den „Red Nose Day“, bei dem Spenden für Kinder in Not eingeworben werden.

Beim Human Brand Index erreicht Jérôme Boateng 69 von 100 Punkten. Der Human Brand Index macht die Werbewirkung von Prominenten vergleichbar, indem er den Anteil der Bevölkerung misst, der ein Testimonial der prominenten Person erkennen und prinzipiell positiv darauf reagieren wird. 69 Punkte sind ein guter Wert für einen bekannten Fußballspieler.

Bei seinen vielen TV-Auftritten fällt der Fußballer durch seine zurückhaltende, freundliche und unprätentiöse Art auf.

Boateng ist eine Ausnahmeerscheinung, sportlich, beruflich, menschlich. Ausgerechnet von ihm zu behaupten, Deutsche wollten nicht seine Nachbarn sein, zeigt, wie absurd Rassismus ist. Und dafür herzlichen Dank, Alexander Gauland.

Andreas Theyssen, Journalist und Kommunikationsberater in Berlin, ist Autor der wöchentlichen OC-Kolumne „Mein Held der Woche“.

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maSu am 30. Mai 2016

Das Problem ist aber wirklich, das zu viele Menschen lieber einen Meier, Müller oder Schulze als Nachbarn hätten, statt jemand offensichtlich Fremden (komischer Name reicht da schon, dunkle Hautfarbe ist dann schon die Steigerung und dann auch noch Moslem? Der Overkill.).

Es gibt diese offensichtliche Ablehnung von Fremden. Das geht bis hin zu Hass.

Gauland hat sich ziemlich ... suboptimal ausgedrückt. Diesen Hass gibt es. Ihn zu leugnen hilft nicht weiter.

maSu am 30. Mai 2016

Nachtrag: Bauland dafür, das er das Offensichtliche benennt, als Rassisten hinzustellen ist unlogisch, ja infantil.

Andreas Theyssen am 30. Mai 2016

Dass es Rassismus in Deutschland gibt, ist ja wohl unbestritten. Aber über die Formulierung "die Leute" so zu tun, als sei Rassismus in Deutschland der Standard, das ist quantitativ falsch und absurd.

maSu am 30. Mai 2016

Rassismus ist jetzt Ihr Wort. Gauland redet nicht von Rassismus, sondern von Ablehnung.

Einfaches Beispiel:

Millionen sehen begeistert zu, wenn Conchita Wurst singt oder Olivia Jones Krokodilhoden isst. Wir sind ja alle so weltoffen und tolerant. Bis ... Ja bis der Sohn statt Stefan lieber Stefanie heißen möchte. Bis man beim Bäcker einen Transvestiten trifft. Und so weiter.

Manche überwinden ihre Vorurteile, ihre Ablehnung. Andere nicht. Wieder andere steigern sich hinein bis zum Hass.

DAS ist genau das was Gauland anspricht: jeder ist tolerant ... Bis die eigene Toleranz eben mal auf die Probe gestellt wird.

TGR am 31. Mai 2016

Herr Gauland hat - aus AfD-Sicht - sicher alles richtig gemacht. Und um es leider schonungslos zu konstanieren: er hat wieder zwei Punkte für die AfD eingefahren.
1) Er hat eine Meinung geäußert, die sicher in einem nicht unbeachtlichen Teil der Bevölkerung herrscht, aber i.d.R. öffentlich nicht geäußert wird, weil man mit Widerspruch rechnen muss. Dieser Teil der Bevölkerung, wenn sowieso nicht schon AfD-Klientel, werden noch eher mit der Partei liebäugeln.
2) Anschließend an die Pressemeldung kann von ihm und seinen Parteifreunden wieder die Pressekritik geübt werden, a la "alles wird verdreht und aus dem Zusammenhang gerissen". Womit das Zerrbild der "Lügenpresse" weiter verfestigt wird und es immer legitimer erscheint, dass sich jeder sein Weltbild aus Versatzstücken der Publikationen, die ihm genehm erscheinen, zusammenzimmert und das als "Wahrheit" verkauft (der Solipsismus lässt grüßen).

Leider machen alle Spieler in diesem Spiel keine gute Figur. Die Aussage scheint wohl in einem Gespräch, keinem direkten Interview gefallen zu sein. In einem direkten Interview hätte ich mir gewünscht, dass auf die Aussage "Die Leute wollen nicht neben einem Boateng wohnen" die Frage "Wollen Sie denn neben einem Boateng wohnen, Herr Gauland, und warum oder warum nicht?" gestellt worden wäre. Da sich die Empörungsspirale nun aber schon so weit gedreht hat, ist journalistische Arbeit auf diesem Feld wahrscheinlich nicht mehr möglich (oder?).

Und in der öffentlichen Debatte finde ich es generell unglücklich, dass der Vorfall mit der Person Boateng verknüpft bleibt, anstatt den Diskurs auf ein allgemeineres Niveau zu heben - wollen "die Leute" denn auch keinen Özdemir, Smith, Chen oder Delgado zum Nachbarn. Und wenn ein solches Toleranzdefizit besteht - wie soll man darauf reagieren, was sind die Maßnahmen. Oder wird einfach nur festgestellt, ohne daraus Handlungsmaximen ableiten zu wollen. Darf sich, sobald die AfD an der Regierung ist, seine Nachbarn nach Hautfarbe, sexueller Orientierung, politischen Präferenzen oder generell nach persönlichem Gusto aussuchen? Und wo kommen all die mißliebigen Personen hin? Alles Fragen, die im Raum wabern, ohne konkret weiter diskutiert zu werden.

P.S. Ich kenne mich in diesem Fußballsport nicht so aus - aber gibt es nicht zwei Boatengs? Einmal den braven Jerome - Brillennerd, Streber und Weltmeister; und dann den bösen Kevin Prince - Badboy, Underdog und Ballackkaputtmacher? Wen hat Gauland denn jetzt gemeint?

maSu am 31. Mai 2016

TGR:
Da viele Menschen gar nicht wissen was Gauland gesagt hat und die, die es wissen, meist nicht in der Lage sind, es zu verstehen, wird die Kritik an dem vorhandenen Rassismus gar nicht wahrgenommen.

Gauland wird auf Facebook usw als Rassist beschimpft und das nicht wegen Aussagen die er sonst so tätigt, sondern wegen diesen 2 Sätzen. Sogar die Journalisten bei der FAZ behaupten einfach dumm und dreist, Gauland habe Boateng beleidigt. Glatt gelogen. Journalisten sollten die dt. Sprache beherrschen. Tun sie das nicht, dann sollten sie den Beruf wechseln. Meinen sie, die Sprache zu beherrschen, dann wäre das in dem Fall eine absichtliche Lüge gewesen.

Das Problem ist ganz simpel:
Egal ob bei Wohnungssuche, Jobsuche oder was auch immer: Ein "nicht deutsch klingender Name" ist ein Nachteil. Eine dunkle Hautfarbe ebenso.

Gauland hat mit seinen nun zu unrecht kritisierten Sätzen genau diesen Missstand angesprochen.

Und kaum jemand hat ein Interesse daran, diese Missstände zu beheben. Sich über Gauland (zu Unrecht) zu empören ist einfacher.

-

So lange unsere Bundesregierung Schlägertrupps (zB den netten "Superdemokraten" Erdogan) an den EU Außengrenzen bezahlt, die Flüchtlinge in Lager sperren, damit die Flüchtlinge ihr Grundrecht auf Asyl, als auch ihr Recht auf ein faires Verfahren in der EU bzw. in Deutschland gar nicht erst wahrnehmen können, so lange ist es eine Sauerrei, Gauland oder die AfD als das ultimativ Böse darzustellen.

Die aktuelle Regierung - allen voran: Merkel - setzt Grundrechte außer Kraft. Natürlich nicht direkt. Sie hindern Menschen nur daran, einen Ort zu erreichen, an dem sie ein faires Verfahren erhalten müssten.

Also während Menschenrechte mit Billigung der ganzen EU mit Füßen getreten werden, kritisiert ein Gauland latenten Rassismus in der Bevölkerung und ausgerechnet Gauland macht man einen Vorwurf.

GROTESK!

(Das die AfD mit Grenzschließungen und weiterem Bullshit ähnlich agieren würde ist mir klar. Ich muss allerdings sagen: Ich finde es ehrlicher, die Grenzen schließen zu wollen, als irgendwelche Schlägertrupps dafür zu bezahlen, dass kaum noch jemand die Grenze erreicht. Das Ergebnis ist sehr ähnlich, allerdings ist letzteres nicht nur (wie Ersteres) menschenverachtend, nein, zusätzlich ist es noch unehrlich.)

TGR am 31. Mai 2016

@maSu
Um ehrlich zu sein, Ihr Beitrag ist mir etwas zu sehr im Kreis argumentiert.

Zum ersten merken Sie selbst an - wir wissen nicht genau, in welchem Kontext und in welchem Tonfall die inkriminierte Bemerkung zu Boateng gefallen ist. Gleichzeitig versuchen Sie, Hr. Gauland als mutigen Vordenker wider die Xenophobie zu verkaufen, eine Rolle, die ich ihm aufgrund seiner vorherigen Äußerungen nicht wirklich abnehmen kann. Aber selbst wenn es so wäre, und Hr. Gauland auf Missstände aufmerksam machen möchte - warum diese halbgaren Dementis und halbherzigen Entschuldigungen? Ein Interview, in dem er die Dinge, die Sie benennen - dass ein nicht-deutscher Nachname und eine dunkle Hautfarbe in Deutschland ein Nachteil sein kann - klar aufzählt und dazu Stellung bezieht, würde ihm und der AfD weitere Publicity sichern und den Hintergrund der entsprechenden Passage erklären. Hat aber den Nachteil, dass er mit einem klaren Statement entweder das AfD-Klientel verschreckt (Xenophobie ist abzulehnen) oder die Rassismus-Vorwürfe untermauert (Xenophobie soll Maßstab für Politik werden). Stattdessen die übliche "1 Schritt vor, 1/2 zurück und dann im Seitwärtsgang, bis die Angelegenheit vergessen ist"-Taktik.

Zum zweiten geißeln Sie die aktuelle Flüchtlingspolitik der Bundesregierung als inhuman, geben aber zu, dass das Parteiprogramm der AfD im Prinzip ähnliche Maßnahmen vorsieht, die aber "ehrlicher" seien. Ergo steht - ich weiß, ein harter Vorwurf - für Sie weniger die Humanität denn die "Ehrlichkeit" im Vordergrund? Der "Flüchtlings-Deal" mit der Türkei ist ... suboptimal, aber einen Punkt haben Sie nicht erwähnt: es werden bei der aktuellen Regelung Kontingenten an Flüchtlingen aus der Türkei die Einreise nach Europa gestattet, die dann Asylanträge stellen können (ich weiß, ich weiß - die Türkei lässt bevorzugt medizinische Härtefälle ausreisen und möchte die Akademiker nicht aus dem Land lassen - suboptimal). Trotzdem - denken Sie, dass das bei einer AfD-Regierung ebenso der Fall wäre? Aus dem Parteiprogramm sowie den Äußerungen in den bisherigen Wahlkämpfen kann ich das nicht erkennen.

Ich bleibe bei meinen Thesen: (1) Der Medienprofi Gauland hat gewusst, dass seine bewusst halbgaren Bemerkungen (zwei Sätze!) auf fruchtbaren Boden fallen und zu einem Mediensturm hochstilisiert wurden. (2) Die unterbleibende Klarstellung bindet sowohl das AfD-Klientel und zerreibt gleichzeitig die Debatte zur Unkenntlichkeit. (3) Medien und Diskursgesellschaft spielen dem Populisten in die Hände, weil alle ihr Weltbild in den Äußerungen spiegeln, statt sie zu ignorieren (als inoffizielles Gewäsch in irgendeinem Hinterzimmer) oder sie mit Fakten zu unterfüttern und unideologisch zu diskutieren.

maSu am 31. Mai 2016

Kurz zur AfD und der Ehrlichkeit: es ist und bleibt ein Kellerduell zwischen Parteien, die Menschenrechte mit Füßen treten (wollen).

Die AfD ist da keine Alternative, ich muss ihr die Ehrlichkeit aber anrechnen.

Und ganz am Rande: Menschenrechte nach kontingenten zu gewähren oder zu verweigern ist widerwärtig. Menschenverachtend.

Zudem nutzt man die Türkei auch aufgrund der "rechtslage" dort. Faires Verfahren? Fehlanzeige.

Das ist nicht suboptimal.

Man verkauft Menschenrechte und begründet es mit "etwas" Menschenrechten? Das ist (s.o.) menschenverachtend!