Warum der Staat Computerspiele fördern sollte

Von Sebastian Grundke am 30. Mai 2016

Die deutsche Computerspielbranche bringt immer wieder erfolgreiche Titel heraus. Im internationalen Vergleich jedoch hinkt sie hinterher. Ein wichtiger Grund dafür ist neben dem schlechten Ruf die fehlende finanzielle Förderung durch Stiftungen oder die öffentliche Hand.

Firmen, die hierzulande Computerspiele entwickeln wollen, müssen findig sein. Kaum eine andere Branche hat so viele bemerkenswerte Geschäftsmodelle hervorgebracht, wie diese: Oft sind Spiele umsonst und lediglich für bestimmte Inhalte muss bezahlt werden. Andernorts wiederum sind noch in der Entwicklung befindliche Spiele bereits käuflich, so dass die Zielgruppe die Weiterentwicklung der Titel direkt mitfinanziert und ihr Feedback Einfluss auf das endgültige Spiel hat. Der Vertrieb findet hauptsächlich online statt, so dass die Kosten für das Pressen der Programme auf DVD oder Blue-Ray und die Margen für große Händler entfallen.

Neben neuen Geschäftsmodellen forciert die Branche außerdem auch das Retro- und das Casualgaming – also Trends hin zu Titeln ohne opulente 3D-Grafik. Denn für die grafiklastigen Blockbuster gibt es in Deutschland wenig Akzeptanz und damit auch wenig Know-How: Sie sind als gewaltverherrlichend verschrien.

Oft stehen die Firmen für ihre neuen Finanzierungsansätze jedoch erneut in der Kritik: weil manchmal ein Titel nicht fertig entwickelt wird, für dessen frühe Versionen Gamer schon Geld hingelegt haben oder weil ein Spiel zwar umsonst ist, aber nur zu schaffen, wenn an entscheidenden Punkten Geld fließt. Der Ruf der Branche, die ohnehin für ihre gewaltverherrlichende Titel in Verruf ist, hat so hierzulande noch weiter gelitten.

Dabei haben sich längst neue Institutionen gebildet oder bestehende ihren Einfluss auch auf die Gamingbranche ausgeübt. Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle etwa testet neue Titel daraufhin, ob sie für die Jugend geeignet sind, so dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien erst gar nicht tätig werden muss. Ein Firmenverband vertritt die Interessen der Gamehersteller in der Politik. Manche größere Firma hat mittlerweile einen eigenen Betriebsrat. So können allzu blutige Titel kontrolliert, kann allzu gieriges Geschäftsgebaren eingedämmt werden.

Unterm Strich sind also viele Voraussetzungen für eine Förderpolitik vorhanden. Die ist nötig, weil gute Computerspiele ähnlich viel Geld kosten wie ein Kinofilm. Sie wäre wichtig, weil deutsche Spieleentwickler dann international konkurrenzfähiger würden. Außerdem wäre sie richtig, weil Computerspiele längst Teil unserer Kultur geworden sind. Schließlich wäre sie schlüssig, weil wir uns jahrelang eine Zensur von neuen und bahnbrechenden Titeln geleistet haben, ohne genau zu wissen, ob diese wirklich für Amokläufe wie in Erfurt mitverantwortlich sind. So hat die deutsche Politik die Branche nicht nur zum Sündenbock gemacht, sondern auch in ihrer Entwicklung gehemmt.

Deutsche Stiftungen und Ministerien sollten sich deshalb endlich den angelsächsischen Raum zum Vorbild nehmen. Dort nämlich ist die Förderung von Spieleentwicklern durch Staat und Stiftungen längst üblich – und mit jener in der Filmbranche vergleichbar.

Sebastian Grundke arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er schreibt jeden Montag die OC-Kolumne „Was mich bewegt“.

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maSu am 31. Mai 2016

Ach, das mit dem "Gewaltverherrlichend" löst sich auf natürliche Art und Weise von selbst:
Die Menschen, die Videospiele kritisieren ohne sie zu kennen, sterben in den nächsten 10-20 Jahren weg.

Meine Kinder werden einen Christian Pfeiffer gar nicht mehr kennen. Und ich bin froh drum.

Leider bringt jede Generation auch neue Idioten hervor. Ich bin gespannt, was in 20-50 Jahren dann Medial zerrissen wird... vielleicht die ersten Hologramm-Filme oder was weiß ich.... irgendein Depp findet sicher etwas, was er/sie/es ohne Grundlage von Fakten niedermachen kann.