Gauland hat leider auch recht

Von Thomas Schmoll am 1. Juni 2016

Typisch AfD: Alexander Gauland will seine Aussagen über Jerome Boateng nicht so gemeint haben, wie sie weite Teile Deutschlands verstanden haben. Das mag sogar stimmen. Das Problem liegt ganz woanders.

So sieht Coolness aus. Jérôme Boateng hat souverän und stoisch auf die Aussagen von Alexander Gauland reagiert. Der gebürtige Berliner sagte: „Ich kann darüber nur lächeln. Es ist traurig, dass so etwas heute noch vorkommt. Ich bin froh, Deutscher zu sein. Ich bin stolz, sonst wäre ich auch nicht hier in der Mannschaft. Ich glaube, ich bin gut integriert, und mehr muss ich dazu auch nicht sagen.“

Stimmt. Das war wunderbar zusammengefasst. Besser geht kaum. Aber Boateng hat eben auch ein Problem angesprochen, wenn er sagt: „Es ist traurig, dass so etwas heute noch vorkommt.“ In seiner Abwehr gegen Gauland hat der Nationalspieler dem AfD-Politiker recht gegeben. Denn der Fußball-Profi bestätigte mit diesen Worten, dass es das gibt, was Gauland beschreibt. Und Boateng sagt völlig zurecht, dass das traurig ist.

Man stelle sich vor, Cem Özdemir oder Claudia Roth hätten gesagt: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Wer hätte es gewagt, zu widersprechen? Die noch immer antirassistische und demokratische Mehrheit der deutschen Bevölkerung hätte darüber nachgedacht und mindestens gesagt: Da ist was dran. Darüber muss man reden. Sagt es Gauland, wird – wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen, da die AfD eher unter Rassismusverdacht steht als die Grünen – ein Fass aufgemacht.

Natürlich hätten die zwei Grünen-Politiker das nicht so formuliert, weil sie anders als Populisten – das ist ein Unterschied zum Angang der „Alternative für Deutschland“ – nicht alle und alles über einen Kamm scheren. Sie hätten also nicht „die Leute“ gesagt, sondern von „einigen Leuten“ gesprochen. Aber das ändert nichts daran, dass der Kern der Aussage viel Wahrheit enthält. Leider.

Denn so oder so: Mit absoluter Sicherheit gibt es viele bis massenhaft Menschen in Deutschland, die – je nach politischer Couleur – keinen Schwarzen, Afrikaner, Neger, Bimbo oder überhaupt einen Ausländer neben sich wohnen haben möchten. Wenn Gauland es also genau so meinte, hat er die Realität in Deutschland richtig beschrieben. Dann wäre auch die Aufregung umsonst. Nein, falsch. Aufregung ist in jedem Fall richtig. Nur, dann regen wir uns über das Falsche auf, nämlich über Gaulands Feststellung. Viel wichtiger ist es, sich über den Alltagsrassismus in der Bundesrepublik zu mokieren.

Fragen Sie einmal einen Ausländer, der gebrochen deutsch spricht und eine dunkle Hautfarbe hat, wie es ist, in Deutschland auf Wohnungssuche zu sein, selbst wenn er genügend monatliche Einnahmen vorweisen kann. Wenn man sich mit „Özalan“ als Nachnamen meldet, ist man chancenlos. „Krause“ und „Müller“ sind die Bringer.

Bitte zeihen Sie den Autoren dieser Zeilen nun nicht gleich der politischen Überkorrektheit, wenn er das Folgende formuliert: In gewisser Weise ist es sogar rassistisch, Nachbarn Boatengs zu befragen, ob es okay für sie sei, mit ihm nebenan oder um die Ecke zu wohnen, wie es die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ getan hat, um zu belegen, dass Gauland Stuss erzählt habe. Herausgekommen sind dabei Sätze wie: „Er ist ganz normal. Man würde ihm nicht anmerken, dass er ein Promi ist.“

Hier sei einmal Sarkasmus erlaubt: Glückwunsch, Herr Boateng, dass Sie ein „ganz normaler“ Mensch (Schwarzer) sind. Wer hätte das gedacht, dass ein Neger ganz normal ist/sein kann und man ihm nicht anmerkt, dass er Promi ist. Schließlich ist Barbara Becker unnormal, wenn nicht sogar schwachsinnig. Ist doch bekannt, dass David Alaba Autogrammjäger bittet, vor ihm niederzuknien und die Schuhe abzulecken, bevor er ihre Bitte erfüllt. Weiß man doch, dass sich Roberto Blanco Zigarren mit 100-Euro-Noten anzündet. Diesen arroganten Typen merkt man sofort an, dass sie anormale Promis sind. Eben Neger.

Und umgekehrt? Würde eine Zeitung die Aussagen eines Schwarzen über Mats Hummels zitieren, um zu beweisen, dass der weiße Fußballspieler ein anständiger Nachbar ist, neben dem man es aushalten kann: „Er ist ganz normal. Man würde ihm nicht anmerken, dass er ein Promi ist.“ Niemals würde man das tun. Warum dann aber bei Boateng? Weil er ein Schwarzer ist.

So kann man verfahren, wenn man belegen will, dass Gauland einen an der Waffel hat. Abgesehen davon, dass ein glühender AfDler, den es sicher auch in der Nachbarschaft Boatengs gibt, kaum sagen wird, er wäre froh, zöge der schwarze Fußballer bald nach Madrid oder Manchester um.

Gauland selbst will seine Aussagen als Zustandsbeschreibung gemeint haben. Er sagte später: „Ich habe nie, wie die FAS insinuiert, Herrn Boateng beleidigt. Ich kenne ihn nicht und käme daher auch nicht auf die Idee, ihn als Persönlichkeit abzuwerten.“ Keine Ahnung, ob Gauland ein Rassist ist, ob er Menschen wegen ihrer Hautfarbe ablehnt oder hasst und nicht neben ihnen wohnen möchte. Selbstverständlich wollte er mit seiner Boateng-Aussage nicht Alltagsrassismus anprangern, den die AfD befeuert.

Bezeichnend ist die leicht durchschaubare Erklärung von Frauke Petry auf Twitter: „Jerome Boateng ist ein Klasse-Fußballer und zu Recht Teil der deutschen Nationalmannschaft. Ich freue mich auf die EM.“ Es ist eine Aussage, die als Distanzierung daherkommt, aber eine halbgare ist. Eben typisch AfD. Unabhängig von Gauland: Petry wird den Teufel tun, sich von rassistischen Äußerungen in den eigenen Reihen zu distanzieren. Und wenn, dann nur so, dass am Ende doch jeder hetzen kann, wie es ihm beliebt.

Einer provoziert, bricht Tabus und erweitert das, was in der AfD zur Rubrik Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen gehört. Gauland erklärte, er habe in einem vertraulichen Hintergrundgespräch die Einstellung mancher Menschen beschrieben, „aber mich an keiner Stelle über Herrn Boateng geäußert, dessen gelungene Integration und christliches Glaubensbekenntnis mir aus Berichten über ihn bekannt sind“. Immerhin: Der Neger ist ein Christ.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, hat lange für die Nachrichtenagenturen AP und Reuters gearbeitet.

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