Jede Zitrone hat eine Bringschuld

Von Axel Reimann am 3. Juni 2016

Der Bundestag hat den von CDU/CSU und SPD eingebrachten Entwurfs eines Integrationsgesetzes beraten. Dieser Redebeitrag eines unbekannten Hinterbänklers ging leider dabei unter. Der OC präsentiert sie hier im Wortlaut.
 

“Europa steht an einem Scheideweg. Und wir sind mittendrin.

Das war erst kürzlich zu spüren, als im Zuge der Flexibilisierung der Kategorisierung sicherer Drittstaaten schmerzhafte Einschnitte in die Flüchtlingsströme vorgenommen worden sind. Ja, vorgenommen werden mussten. Auch und gerade gegen Widerstände, innere und äußere.

Die Frage aber muss erlaubt sein:

Reicht der gerade noch fünf vor zwölf eingeschlagene Weg, um auf der richtigen Seite der Geschichte zu enden? Wahrscheinlich nicht, meine Damen und Herren. Flucht darf keine Einbahnstraße bleiben. Jetzt gehen wir deshalb mit dem neuen Integrationsgesetz noch einen Schritt weiter.

Zugegeben: Eine Zukunftsprognose ist immer mit Unsicherheit behaftet. Eines aber ist auch sicher: In einer globalisierten Welt können wir uns nicht abschotten von all jenen Kräften, die durch ein robustes Mandat eines ins Stocken geratenen Friedenprozesses an unsere Grenzen gespült werden.

Der sprichwörtliche Reissack – steht er nicht schon längst in unserem Hinterhof? Sein Fallen ist auch unser Fallen, sein Öffnen bedeutet Chance und Risiko zugleich.

Dabei gilt: Demokratie lebt vom Engagement jedes Einzelnen. Und auch das muss gesagt werden: Eine Gesellschaft ist immer auch eine Content Partnerschaft. Man könnte auch sagen: eine Wertegemeinschaft. Werte aber müssen gelebt werden, erst dadurch prägen sie eine Gemeinschaft in ihrer gesamten Verfasstheit. Gleichwohl steckt gerade in der Verschiedenheit auch die notwendige Dynamik, die eine alternde Gesellschaft dringend benötigt.

Ein Beispiel, das diese vielleicht abstrakte Wahrheit versinnbildlicht: Wer heute unvoreingenommen einkaufen geht, mit Tüte oder ohne, findet in den bunten Auslagen Tomaten aus Italien, Birnen aus Argentinien, Aprikosen aus Spanien, Zitronen aus Ägypten, Pilze aus Polen, Radieschen aus Deutschland, Äpfel aus Österreich. Ja, auch Äpfel aus Österreich. Vielleicht kommen aber auch die Birnen aus Italien und die Tomaten aus Spanien und die Pilze aus Österreich. Wir wissen es vorher nicht. Die Zukunft einer freien Gesellschaft ist offen, genauso wie die Gesellschaft einer offenen Zukunft frei ist. Wenn wir also das alles einkaufen – Tomaten, Birnen, Aprikosen, Zitronen, Pilze, Radieschen, Äpfel – können wir eines mit Sicherheit sagen: Zitronen wachsen eben noch nicht in Nordeuropa, zumindest nicht in ausreichender Zahl. Ohne Einfuhr steuern wir auf ein gravierendes Zitronen-Mangel-Problem zu.

Es ist unpopulär geworden, diese Wahrheiten auszusprechen – ich tue es trotzdem: Mehr Eigenverantwortung zu übernehmen, ist nichts, was einem der Staat abnehmen kann. Die Vermittlung von Fleiß und Sparsamkeit ist dabei eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Jede Zitrone, jeder Reissack, der zu uns kommt, hat da eine Bringschuld. Es kann nicht sein, dass heimisches Obst und Gemüse erst an zweiter Stelle auf den Tisch kommt. Wir erwarten von jeder Zitrone genauso viel Engagement, wie wir es von unseren Radieschen kennen.

Und: Integrationsverweigerer haben ihr Gastrecht verwirkt, eine falsch verstandene Toleranz ist absolut fehl am Platze und incentiviert Prozesse und Strukturen, die in the long run ein Gemeinwesen schädigen.

Man kann, aber man muss da gar nicht erst die christlich-abendländische Geschichte bemühen, um diese Selbstverständlichkeiten auch kulturhistorisch zu belegen. Das europäische Mittelalter wusste zwar um die Existenz der Zitrone. Die Zitrone selbst war allerdings nie integraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in unseren Breiten. Das beweist auch ihre etymologische Herkunft aus dem Arabischen von “laimūn”. Was übersetzt “Zitrone” heißt.

Zitrone oder nicht Zitrone – das große Friedensprojekt Europa hat nichts von seiner Strahlkraft verloren. Das Gegenteil ist der Fall Gegenteil, meine Damen und Herren. Die gegenwärtige Krise ist auch ein Ergebnis des Erfolgs, den Europa vorweisen kann. Salopp gesprochen: Die Krise ist nur das saure Aufstoßen nach einem üppigen Essen.

Ein chinesisches Sprichwort bringt diesen Sachverhalt auf den Punkt: “Salz isst man auf der ganzen Welt.” Oder mit den Worten des großen Ludwig Ganghofer: “Wir können nicht leben, wenn wir die Sonne nicht suchen.”

Ja, Europa ist an einem Scheideweg. Und wir sind tatsächlich mittendrin. Doch das ist erst der Beginn einer großen Reise. Europa ist mehr als Zitronen oder Tomaten. Verwechseln wir nicht den Proviant mit dem Ziel. Auch Big Data und das Internet der Dinge, Smart City und Industrie 4.0 sind da nur Wegmarken. Das neue Integrationsgesetz ist ein nächster Schritt. Wir sind alle Reisende – und deshalb dürfen wir auf keinen Fall den Weg den Populisten und Vereinfachern überlassen! Das sollten sich auch die zu Herzen nehmen, die hier ein Gastrecht genießen. Vielen Dank!”

Axel Reimann, Autor in Hamburg, hat sich schon in seinem Buch “Rindvieh-Ökonomie” (Gütersloher Verlagshaus, 2014) Gedanken über die weltweiten Handelsströme von Zitronen und anderen Gütern gemacht und obendrein erläutert, was passiert, wenn wir den Glauben an die Verteilungsgerechtigkeit der Wirtschaft verlieren.
Twitter: @axel_reimann Facebook: https://www.facebook.com/rindviehoekonomie

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