Lasst das Fahnenschwenken sein!

Von Sebastian Grundke am 13. Juni 2016

Zu jeder Europameisterschaft und Weltmeisterschaft beginnt in Deutschland eine öffentliche Debatte, ob Fahnenschwenkerei und deutsche Vergangenheit in Einklang miteinander zu bringen sind. Alleine die Debatte zeigt, dass dies nicht der Fall ist.

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland sah es beinahe so aus, als wäre Schwarz-Rot-Gold als Fahne am Rückspiegel oder am Balkon, mit Schminke ins Gesicht gezogen oder als Hut auf dem Kopf plötzlich im Trend. Nicht wenige fanden das schon damals befremdlich. Dennoch ging die Weltmeisterschaft hierzulande als Sommermärchen in das kollektive Gedächtnis ein: Deutschland präsentierte sich weltoffen und unverkrampft, und die Welt glaubte ihm. Ein Teil des Traumas des Zweiten Weltkrieges schien passé.

Zwei Weltmeisterschaften später, nach dem erfolgreichen Endspiel gegen Argentinien, feierte die deutsche Nationalelf in Berlin. Ihr Siegestanz war seltsam – er brachte den Spielern zu Recht Kritik ein, weil er die Verlierer unnötig demütigte. Noch einmal zwei Jahre später, in der Gegenwart, herrscht in Deutschland ein Klima, das in Sachen Fremdenfeindlichkeit mit jenem in den 1990er Jahren vergleichbar ist. Damals, nach der Maueröffnung, brannten in ostdeutschen Bundesländern Asylbewerberheime. Das ist inzwischen immer wieder der Fall. Zudem haben nationalistische und fremdenfeindliche Gruppen und Parteien wie die AfD und Pegida enorm an Einfluss gewonnen. Vergleichbare Gruppierungen sind auch in anderen europäischen Ländern erstarkt. Deutschland jedoch kommt in diesem Zusammenhang wegen seiner Geschichte eine größere Verantwortung als anderen Ländern zu.

Außgerechnet die BRD aber hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie weder mit ihrer eigenen Geschichte angemessen umgehen noch aus ihr lernen kann. AfD- und Pegida-Anhänger mögen zum Glück nur einen Teil der Bevölkerung ausmachen, ihnen mag nicht nur das Engagement von Nazigegnern, sondern auch von Flüchtlingshelfern gegenüberstehen. Das Gesicht Deutschlands in der Welt prägen sie jedoch und es ist deshalb zu Recht erneut eines, das in Sachen Toleranz für Fremde wenig ansehnlich ist.

Vor dem Hintergrund der vergangenen Jahre ist es deshalb noch befremdlicher als ohnehin schon, wenn nicht nur hartgesottene Fußballfans, sondern auch Durchschnittsbürger sich die Nationalfarben ins Gesicht schmieren und die deutsche Fahne schwenken. Hiesige Fanverbände, Fußballvereine und –dachorganisationen sowie Fernsehsender sollten deshalb zu einem Verzicht auf derlei Devotionalien aufrufen: Wer sich für Fußball und die deutsche Mannschaft begeistert, kann schließlich auch ohne schwarz-rot-goldene Utensilien und „‘Schland“-Rufe das EM-Team anfeuern. Sie könnten damit für deutsche Geschichte und Gegenwart sensibilisieren und ein ebenso starkes wie wichtiges Zeichen gegen rechte Gewalt und Hetze setzen.

Sebastian Grundke arbeitet von Hamburg aus als freier Journalist. Er schreibt jeden Montag die OC-Kolumne „Was mich bewegt“.

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maSu am 13. Juni 2016

Fahnen weg, weil ein paar Spinner das fordern? Und weil sie es fordern ist es gerechtfertigt? Toller Zirkelschluss. Was stimmt mit Ihnen eigentlich nicht? Schon letzten Montag haben sie grenzenlosen Unfug geschrieben.

Ein Land stellt eine Mannschaft, die Hymne, die Fahne usw. all das zeigt Identifikation mit der Mannschaft und auch dem Land. Ich habe Sonntag einige junge Menschen mit dunkler Hautfarbe gesehen. Sprachen kein Deutsch (scheinbar). Sind jubelnd mit der Fahne umhergelaufen. Ich fand es irgendwie schön zu sehen, dass während der Fußball-Events mal ganz kurz egal ist woher jemand kommt und man einfach mal zusammen Fußball gucken kann. Wenn man einfach mal feststellt: Der vermeintlich fremde Mensch ist doch genauso bekloppt wie ich.

Es wird auch mal zeit das NS Trauma zu überwinden statt es zu verdrängen. Nicht mit Verboten und moralisch ach so selbstgefälligen, wie pseudoüberlegenen Fahnenvorschriften. Warum sollte ich im Übrigen nur Idioten das schwenken der dt. Fahne überlassen?

Und mal überhaupt ist die Grüne Jugend das wohl Allerletzte. Moralisch. Natürlich. Nur moralisch und sonst auch.

Andreas Theyssen am 13. Juni 2016

Werter maSu,

da Sie es sich inzwischen zur Gewohnheit gemacht haben, die Beiträge anderer als "Unfug" o.ä. zu bezeichnen - schon einmal etwas von Netiquette gehört? Sie dürfen sich gerne daran halten. Alleine schon aus dem Grund, dass Sie es wahrscheinlich ungerne sähen, wenn irgendjemand Sie als "pöbelnden Troll" titulieren würde.

maSu am 13. Juni 2016

Ja das war mal echte inhaltliche Kritik. Ein solcher Zirkelschluss, wie er im Kommentar vorgenommen wurde, ist schon ziemlich ... "semi klug".

Gezeichnet
Der Pöbelnde Troll, der Revht hat.