Nur der Charakter zählt

Von Urs-Martin Kellner am 15. Juni 2016

Bitte nicht noch einmal Wulff gegen Gauck – was die Parteien bei der Auswahl des nächsten Bundespräsidenten-Kandidaten unbedingt anders machen sollten.

„Deutschland sucht den Superstar (DSDS) und „Das Supertalent“ auf RTL sind vorbei, da läuft bereits ein neues Unterhaltungsprogramm fürs Sommerloch an: „Deutschland sucht den Bundespräsidenten“ (DSDB).

Allerdings wird sich DSDB nicht so ganz so unterhaltsam gestalten wie ein Format bei RTL. Denn während RTL von Außenseitern begeistert ist, die polarisieren, aber auch Charakter und Rückgrat zeigen müssen, haben es die Parteioberen lieber berechenbar. Nein, ich wünsche mir natürlich nicht den 2016-er DSDS-Gewinner Prince Damien als Bundespräsidenten, selbst wenn er das Wahlalter von 40 Jahren erreicht hätte. Aber das könnte sich glatt ändern, sollten die Parteien der Versuchung erliegen, den langweiligsten, glattesten, quotenvorgabenerfüllendesten Kandidaten auszugucken, der vor allem vier Aufgaben erfüllen muss:

a) durch seine bloße Präsidentenwerdung den politischen Gegner ärgern,
b) in einschläfernden Reden die Regierungslinie bestätigen,
c) Ansprüchen auf innerparteiliche Karrierekonkurrenz abschwören,
d) möglichst ins Bild einer modernen, wie auch immer definierten politisch-korrekten Mann-Frau-Alters-Homo-Hetero-Quote passen; Charakter Nebensache.

Danke, nein danke. Ein Bundespräsident oder eine Bundespräsidentin ist nicht irgendein unwichtiger Protokoll-Onkel oder eine Protokoll-Tante mit folkloristischen Aufgaben, er oder sie ist vor allem eine prägende ethisch-moralische Instanz, die entsprechende Akzente im In- und Ausland setzen sollte. So wie Richard von Weizsäcker mit seiner Rede zum 8. Mai 1945.

Leider schienen unsere bundesdeutschen Parteien in der Vergangenheit von starken, unabhängigen Persönlichkeiten oft nur dann begeistert, wenn sie mit ihnen dem politischen Gegner gegen das Schienbein treten konnten. Joachim Gauck war so ein Kandidat – und dabei von Anfang an ein Glücksfall: kein Parteibuch, Charakterkopf, altersweise, gelebtes Leben in Diktatur und Demokratie, heimatverbunden und zugleich weltoffen. Er löste den von Angela Merkel nach Schloss Bellevue mutmaßlich „entsorgten“ glücklosen Christian Wulff viel zu spät ab, dessen „Affäre“ vermutlich auch deshalb so tragische Formen annahm, weil er nicht wirklich Bundespräsident der Herzen, sondern von Angela Merkels Gnaden war: Erst im dritten Wahlgang hatte er sich gegen Joachim Gauck durchsetzen können. Wulff, Gauck und Deutschland wären viel Ärger erspart geblieben, hätte man in den christlichen Parteizentralen auf das parteipolitische Schachspiel verzichtet. Das Modell „Wulff gegen Gauck“ sollte die Politik so nicht wiederholen.

Immerhin gibt es Hoffnung, dass sich diese Erkenntnis trotz diverser Bündnisgedanken durchsetzt. Zwar scheinen SPD, Grüne und Linke gemeinsam einen Kandidaten zu suchen, Teile von Union und SPD schließen (noch) die Unterstützung eines Kandidaten mit dem falschen Parteibuch aus, aber: SPD-Chef Sigmar Gabriel soll die Parteizugehörigkeit „egal“ sein. Und auch Angela Merkel will über CDU und CSU hinaus Gespräche führen.

Es wäre schön, wenn Gabriels Erkenntnis von Dauer bliebe: „Er oder sie muss die Liberalität und Weltoffenheit dieses Landes repräsentieren, muss sich darum bemühen, das ganze Land mitzunehmen und nicht nur Teile davon.“

Hoffen wir, dass am Ende Kandidaten vor der Bundesversammlung stehen, die nicht bequem für die Parteien sind, sondern wirklich wie Richard von Weizsäcker oder Joachim Gauck etwas zu sagen haben, sich zu Wort melden, auch wenn sie gerade nicht gefragt sind oder es unbequem ist.

Wenn wir Glück haben, wird der nächste Bundespräsident wieder ein Präsident der Herzen und nicht der politischen Machtwünsche.

Fußnote für die Parteistrategen: Laut Emnid-Umfrage wünschen sich 70 Prozent der Deutschen eine Direktwahl des Bundespräsidenten durch das Volk. Und 52 Prozent trauen Frank-Walter Steinmeier diese Aufgabe zu.

Urs-Martin Kellner, Autor in Hamburg, arbeitet seit zwei Jahrzehnten fürs Fernsehen und kennt sich auch deshalb damit aus, was beim Publikum ankommt – und was nicht.

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